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Dieter Morszeck: Der fliegende Kofferbauer

Dieter Morszeck: Der fliegende Kofferbauer

WKN: 823212 ISIN: DE0008232125 Lufthansa AG

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28.10.2020 - 19:55
11.04.2020 02:35:00

Dieter Morszeck machte die silbernen Alukoffer von Rimowa zu einem Lifestyleprodukt und einem globalen Statussymbol. Heute kümmert er sich um seine Stiftung und erfüllte sich einen großen Traum. Von Peter Balsiger

Schon in seiner Kindheit in Köln drehte sich im Leben von Dieter Morszeck fast alles um das Thema Koffer. "Ich bin neben der Fabrik aufgewachsen", erklärte er. Als Schüler stand er stundenlang neben den Maschinen und sah zu, wie Koffer hergestellt wurden. Eigentlich wollte er Flugkapitän werden, aber nach dem Abitur und dem Wehrdienst trat er gleich in die elterliche Firma ein. Fliegen ist trotzdem seine große Leidenschaft geblieben. Heute ist er sowohl Unternehmenschef als auch Pilot. Er sitzt fast jede Woche im Cockpit des Firmenflugzeugs: ein sechssitziger und 500 Stundenkilometer schneller Turboprop.

Sein Großvater Paul hatte von 1898 an Hutschachteln und Reisegepäck aus Sperrholz, Pappe und Leder hergestellt. Dessen Sohn Richard prägte nicht nur den Firmennamen Rimowa - er steht für "Richard Morszeck Warenzeichen", er erfand 1950 auch den Klassiker, mit dem das Unternehmen zu einem globalen Player wurde: den Aluminiumkoffer mit Rillenstruktur, inzwischen längst eine Kultmarke. Ursprünglich diente diese Struktur zur Stabilisierung der dünnen Aluminiumhaut von Junkers-Flugzeugen wie der legendären Ju 52. Diese Rillenstruktur der Rimowa-Koffer ist heute markenrechtlich geschützt.

Im Zweiten Weltkrieg waren die Fabrikgebäude in Köln während der alliierten Bombenangriffe zerstört worden. Alle brennbaren Werkstoffe wurden vernichtet, übrig blieben nur zwei fast unversehrte Stapel Aluminium. Richard Morszeck baute nach Kriegsende die Fabrik wieder auf und fertigte von nun an Koffer nur noch aus Leichtmetall und später aus Aluminium.

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Unermüdlicher Tüftler

1972 trat der damals 19-jährige Dieter Morszeck in das Unternehmen ein. Der Hobbyfotograf entwickelte den ersten wasser- und staubdichten Fotokoffer, der sowohl wüsten- wie auch tropentauglich war. Hektoliterweise goss er damals mit einem Gartenschlauch Wasser über ein Versuchsmodell, lange ohne Erfolg, jedes Mal drang Wasser in das Gehäuse ein. Nach zwei Jahren hatte er die Lösung: eine Kunststoffwanne und eine Platte aus Moosgummi im Deckel.

1981 übernahm Dieter Morszeck die Geschäftsführung der Firma. Ende der 90er-Jahre, als die Branche nicht mehr auf den Schalenkoffer setzte, sondern auf das leichtere Weichgepäck, gelang Morszeck ein Coup: Er stieß auf Polycarbonat, ein robustes Material, das die Stabilität der Koffer erhöht und im Vergleich zum Aluminium etwa ein Viertel des Gewichts spart. "Diese Entdeckung war wie ein Royal Flush beim Pokern", sagt Morszeck.

Einer seiner Zulieferer hatte ihm den Tipp gegeben. "Der hat mir einen Hammer in die Hand gedrückt und mich darauf rumhauen lassen", erklärte Morszeck dem "Spiegel". Kurz darauf bestellte er fünf Musterplatten einer schwedischen Firma. "Wie die Kinder sind wir darauf rumgesprungen und haben versucht, sie einzudellen. Aber es blieb kein Kratzer, keine Beule zurück."

Im Jahr 2000 kamen die ersten Rimowa-Produkte aus Polycarbonat auf den Markt. Sie lösten eine Renaissance des Hartschalenkoffers aus. Aus den einst so unspektakulären Gepäckstücken wurde nun ein Lifestyleprodukt.

Nach der Jahrtausendwende entwickelte Morszeck den kugelgelagerten Vierrollenkoffer, der sich besonders leicht bewegen lässt. Der Chef persönlich experimentierte zunächst am Wochenende mit einem Gehäuse aus Holz, an das er im Baumarkt gekaufte Bürostuhlrollen montiert hatte.

Weitere Innovationen folgten. Zum Beispiel der digitale Koffer, den er gemeinsam mit der Lufthansa entwickelte. Das Bag2Go genannte System hatte ein eingebautes Datenmodul, das wie ein elektronischer Gepäckanhänger funktioniert. Die Passagiere konnten damit ihr Reisegepäck von zu Hause aus oder von unterwegs einchecken. Bag2Go wurde allerdings 2019 nach der Übernahme von Rimova durch LVMH eingestellt.

Morszeck, dessen Schreibtisch in der Zentrale aus dem Höhenleitwerk einer DC-9 gezimmert wurde, erwies sich als genialer Vermarkter. Er habe Reklame-Ideen, so der "Spiegel", "für die manche Marketingexperten schon zu bewusstseinserweiternden Drogen greifen müssten". In etwa 250 TV- und Filmproduktionen waren seine Kultkoffer zu sehen. Etwa in Blockbustern wie "Wall Street 2", "Catwoman", "Iron Man" oder "Ocean’s Eleven". Die Firma ist Ausstatter der deutschen Fußballnationalmannschaft und des 1. FC Köln. Eine Anfrage von Bayern München lehnte er ab.

Im Januar 2017 verkaufte Morszeck für 640 Millionen Euro einen Anteil von 80 Prozent seines Unternehmens an den französischen Luxusgüterkonzern LVMH. Dessen Chef Bernard Arnault ist in der Welt des Mondänen und des schönen Scheins der unumstrittene König. Er hatte Zug um Zug die teuersten Marken der Haute Couture, der Parfum-, Leder-, Champagner- und Uhrenindustrie übernommen und erwies sich dabei als brillanter, aber oft angefeindeter Raubtierkapitalist. Er formte aus LVMH den größten Luxuskonzern der Welt mit über 70 Marken.

Arnault delegierte seinen 27-jährigen Sohn Alexandre als Geschäftsführer nach Köln, der die Vertriebsstruktur von Rimowa radikal umbaute. Die Kultkoffer sollen künftig nur noch in einem exklusiven Handelsumfeld oder im eigenen Onlineshop zu haben sein. Und die Preise sollen hoch gehalten werden. Ein Rimowa-Koffer ist heute nicht unter 400 Euro zu haben.

Großes Engagement

Nach dem Verkauf der Aktienmehrheit hätte sich Morszeck eigentlich zur Ruhe setzen können. "Aber ich kann nicht nur zu Hause auf dem Sofa sitzen und die Wände anstarren. Ich will etwas bewegen." 2016 gründete er eine Stiftung mit den vier Schwerpunkten Luftrettung, Forschung, Bildung und Kinder.

Außerdem erfüllte sich Morszeck einen großen Traum. Er baute die legendäre Junkers F 13 nach, das erste in Großserie gebaute Verkehrsflugzeug mit der charakteristischen Wellblech-Außenhaut aus Alu, das in den 20er- und 30er-Jahren die zivile Luftfahrt dominierte. Sieben Jahre dauerte die Entwicklung. Dieter Morszeck geriet ins Schwärmen: "Das war ein unglaubliches Glücksgefühl. In der F 13 fliegt man wie in einer Kutsche über die Landschaft und sieht, wie schön die Welt ist." Und wie sang schon Reinhard Mey: "Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein".

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