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Ex-Wirecard-Chef Braun verhaftet - Finanzaufsicht BaFin erweitert Strafanzeige gegen Wirecard

Ex-Wirecard-Chef Braun verhaftet - Finanzaufsicht BaFin erweitert Strafanzeige gegen Wirecard

WKN: A0B84F ISIN: JP3833120003 PLANET INC

23.06.2020 18:05:17

Der milliardenschwere Bilanzskandal bei Wirecard hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Ex-Chef Markus Braun wurde am Montagabend von Ermittlern in München wegen des Verdachts auf Bilanzfälschung und Marktmanipulation verhaftet. Gegen Zahlung einer Kaution von fünf Millionen Euro darf er allerdings wieder auf freien Fuß. Der Österreicher mit Wohnsitz in Wien habe sich selbst gestellt, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Die Finanzaufsicht BaFin legt bei ihrer Strafanzeige gegen Wirecard wegen des Verdachts der Marktmanipulation nach. "Wir haben heute eine Nachtrags-Anzeige bei der Staatsanwaltschaft München I wegen des Verdachts der Marktmanipulation erstattet", sagte eine BaFin-Sprecherin am Dienstagabend. Durch die Ad-hoc-Mitteilung vom Montag, in der Wirecard einräumte, dass die verschwundenen 1,9 Milliarden Euro mit "überwiegender Wahrscheinlichkeit" gar nicht existent seien, habe sich der Verdacht der Marktmanipulation erhärtet. "Die Ad-hoc-Mitteilung der Wirecard AG vom 22. Juni 2020 verstärkt den Verdacht, dass die bilanzielle Darstellung zu Umsatzerlösen und Vermögensgegenständen in den Geschäftsberichten (zum 31.12.2016, 31.12.2017 und 31.12.2018) unrichtig war", erklärte die Sprecherin.

Die Behörde hatte bereits Anfang Juni Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft München I gegen den gesamten damaligen Wirecard-Vorstand um Ex-Firmenchef Markus Braun erstattet. Damals ging es zunächst nur um mutmaßlich irreführende Aussagen in zwei Pflicht-Mitteilungen vom 12. März und 22. April. Die Behörde, die seit Anfang 2019 in Sachen Wirecard auch gegen den Konzern ermittelt, hatte ihre Untersuchung zu anderen Aspekten fortgeführt. Mit der heutigen Strafanzeige dürften die Untersuchungen der BaFin zur Marktmanipulation abgeschlossen sein. Nun liegt der Fall bei der Staatsanwaltschaft München I.

Die Finanzaufsicht BaFin will Insidern zufolge verhindern, dass die Wirecard Bank von den Turbulenzen ihres Mutterkonzerns mit in die Tiefe gerissen wird. Die Behörde versuche die Bank abzuschirmen, sagten zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters. Man wolle verhindern, dass Geld der Bank für das Stopfen der Milliardenlöcher der Wirecard AG verwendet werde. Der Zahlungsdienstleister und die Bafin lehnten eine Stellungnahme ab.

Die Wirecard Bank verfügt über eine Vollbanklizenz und darf sämtliche Finanzdienstleistungen anbieten. Sie wirbt seit Anfang des Jahres mit einem Zins von 0,75 Prozent für Giro-Guthaben bei ihrer Banking-App "Boon Planet", während andere Institute selbst bei Festgeld kaum noch Zinsen zahlen oder sogar Strafgebühren verlangen. Laut dem im Bundesanzeiger veröffentlichten Geschäftsbericht 2018 lagen Ende 2018 Spareinlagen in Höhe von 1,39 Milliarden Euro bei der Wirecard Bank.

Die Einlagen sind durch den gesetzlichen Entschädigungsfonds geschützt, der pro Sparer und Kreditinstitut bis zu 100.000 Euro abdeckt, wie der Bankenverband BdB erläutert. Zusätzlich ist die Wirecard Bank Mitglied im Einlagensicherungsfonds der privaten Banken. Inklusive der gesetzlichen Absicherung sind damit 19,7 Millionen Euro pro Einleger geschützt.

Die Wirecard Bank ist Teil des Zahlungsdienstleisters Wirecard, der wegen eines milliardenschweren Bilanzskandals um sein Überleben kämpft. Der in den vergangenen Jahren stark gewachsene Dax-Konzern hatte Anfang der Woche eingeräumt, dass ein bilanziertes Vermögen von 1,9 Milliarden Euro auf Konten in Asien aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht existiert. Derzeit laufen Verhandlungen mit Banken zur Rettung des Unternehmens.

In der Bilanz des Zahlungsabwicklers sind 1,9 Milliarden Euro nicht mehr auffindbar. Verhandlungen mit Banken zur Rettung des Konzerns laufen nach wie vor auf Hochtouren. Vize-Kanzler Olaf Scholz räumte Versäumnisse bei der Aufsicht über Wirecard ein.

Die Ermittler legen Braun zur Last, allein oder mit weiteren Tätern die Bilanzsumme und den Umsatz durch vorgetäuschte Einnahmen aufgebläht zu haben. Die Gesellschaft habe dadurch finanzkräftiger und für Anleger und Kunden attraktiver dargestellt werden sollen, erklärte die Staatsanwaltschaft. Die zuständige Ermittlungsrichterin setzte den Haftbefehl gegen Auflagen wie die Zahlung einer Kaution und einer wöchentlichen Meldung bei der Polizei aus. Er sei damit aber nicht aufgehoben. Brauns Anwalt war für einen Kommentar zunächst nicht erreichbar. Wirecard lehnte eine Stellungnahme ab.

Der in den vergangenen Jahren stark gewachsene Zahlungsdienstleister hat Anfang der Woche eingeräumt, dass ein bilanziertes Vermögen von 1,9 Milliarden Euro auf Konten in Asien aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht existiert. Braun trat zurück, der für das Asiengeschäft zuständige Vorstand Jan Marsalek wurde fristlos entlassen. Berichte und Spekulationen darüber, dass bei Wirecard Bilanzen manipuliert worden seien, gab es immer wieder. Doch konkrete Anhaltspunkte für Straftaten fanden die Staatsanwälte bislang nicht. Ein Wendepunkt war nach Angaben von Beteiligten erreicht, als Wirecard unter dem neuen Chef James Freis am Wochenende die Staatsanwaltschaft und die Öffentlichkeit über die fehlenden Milliarden informierte.

ZEIT BEI VERLÄNGERUNG VON KREDITLINIEN DRÄNGT


Insidern zufolge versuchen derzeit die Gläubigerbanken, sich einen Überblick zu verschaffen über die finanzielle Situation von Wirecard. Ende des Monats müssten die Gehälter für die rund 5500 Mitarbeiter des Konzerns gezahlt werden und man versuche schnellstmöglichst, eine Entscheidung zu treffen, sagte ein Insider. Eine Verlängerung werde es - wenn überhaupt - nur unter sehr harten Bedingungen geben, sagte eine andere mit der Sache vertraute Person. Wirecard hatte am Montag erklärt, man sei in konstruktiven Gesprächen mit den Gläubigerbanken.


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Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) räumte mögliche Versäumnisse bei der Aufsicht über Wirecard ein. "Der Fall Wirecard ist in höchstem Maße besorgniserregend", sagte er zu Reuters. "Kritische Fragen stellen sich auch der Aufsicht über das Unternehmen, insbesondere mit Blick auf die Rechnungslegung und die Bilanzkontrolle." Hier schienen Wirtschaftsprüfer und Aufsichtsbehörden nicht effektiv genug gewesen zu sein. Der Chef der Finanzaufsicht BaFin, Felix Hufeld, hatte am Montag Fehler eingeräumt. Was mit Wirecard passiere, sei ein "Desaster".

Scholz stellte schärfere Regeln in Aussicht. "Wir müssen schnell klären, wie wir unsere regulatorischen Vorschriften ändern müssen, um auch komplexe Unternehmensgeflechte flächendeckend, zeitnah und schnell überwachen zu können", sagte Scholz. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) warnte vor einem Imageverlust des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Es müsse ermittelt werden, wie sich Milliardenbeträge offenbar in Luft auflösen konnten, sagte er in einem Interview mit dem Internetdienst "t-online.de". "Und es muss herausgefunden werden, ob die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen eingehalten wurden - oder ob jemand dafür auch juristisch zur Rechenschaft gezogen werden muss." Ein solcher Fall dürfe sich mit Blick auf das Vertrauen des Finanzplatzes Deutschland nicht wiederholen.

WIRECARD VERDRÄNGTE COMMERZBANK AUS DEM DAX


Braun stand fast zwei Jahrzehnte an der Spitze des Konzerns, den er vom Zahlungsanbieter auf Glückspiel- und Porno-Websiten zum globalen Finanzdienstleistungskonzern ausgebaut hat. 2018 verdrängte das ehemalige Startup die Commerzbank aus dem Dax und Braun wurde als Visionär gefeiert, der den Banken das Fürchten lehren würde. Wirecard wickelt Zahlungen zwischen Händlern und Kunden ab und gibt auch Kreditkarten heraus.

Die Aktien schnellten nach den heftigen Kursverlusten der vergangenen Tage um gut 30 Prozent hoch - Händler machten aber Leerverkäufer dafür verantwortlich, die sich nun mit den Papieren eindecken müssten.

rtr


Bildquelle: Michael Dalder/Reuters

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