Donner&Reuschel-Chefvolkswirt Carsten Mumm im Börse-Online-Interview: Was die Eskalation in Nahost für die Märkte bedeutet

Börse Online: Der Terrorangriff der Hamas auf Israel bringt zusätzliche Unsicherheit in die Weltwirtschaft und an den Kapitalmarkt. Wie bewerten Sie die Marktreaktionen?

Carsten Mumm: Die Reaktionen an den internationalen Kapitalmärkten blieben nach kurzzeitig größeren Ausschlägen bisher verhalten. Wie in Krisen- und Kriegsphasen üblich, stiegen der US-Dollar und der Goldpreis an, während Aktienkurse und Renditen nachgaben. Aufgrund der in diesem Fall möglichen Ausweitung des Konflikts auf die arabische Welt, insbesondere die Golfregion und damit das weltweite Angebot an Rohöl, war der größte Preissprung beim Ölpreis zu verzeichnen. Insgesamt scheint aber vorerst „Abwarten“ die Devise an den Börsen zu sein.

Ist durch die Eskalation die Crashgefahr an den Börsen gewachsen? 

Insbesondere die Möglichkeit einer regionalen Ausweitung des Konfliktes oder potenzielle Folgen der Gewalteskalation vom Wochenende, wie etwa verschärfte Sanktionen gegenüber dem Iran, sind ein weiterer Unsicherheitsfaktor in einer ohnehin von ausgeprägtem Pessimismus bestimmten Zeit. Allerdings haben die Aktienmärkte in den vergangenen Wochen bereits eine deutliche Korrektur vollzogen und viel Negatives eingepreist. Die Wahrscheinlichkeit eines größeren Kursrücksetzers ist aufgrund des zusätzlichen Unsicherheitsfaktors gestiegen. Insgesamt bleiben wir aber bei unserem bisherigen Szenario einer Kurserholung bis zum Jahresende.

Welche Auswirkung könnte die Nahost-Eskalation auf die Entwicklung der Ölpreise haben?

Grundsätzlich senkt derzeit die globale Konjunkturschwäche, insbesondere die anhaltende Industrierezession, die Nachfrage nach Energierohstoffen und spricht daher für einen weiter fallenden Preistrend beim Rohöl. Allerdings hat der Anstieg der Ölnotierungen bis auf 95 US-Dollar Ende September gezeigt, dass Produktionsdrosselungen – in diesem Fall vor allem durch Saudi-Arabien und Russland – stark preistreibend wirken können. Damit wäre das größte Risiko ein teilweiser Ausfall der Schätzungen zufolge zuletzt bis auf drei Millionen Barrel pro Tag angestiegenen iranischen Ölproduktion beziehungsweise der auf zwei Millionen Barrel veranschlagten Ölexporte Irans. Im Falle verschärfter Sanktionen gegen den Iran könnte der Ölpreis daher wieder in Richtung der 100-Dollar-Marke ansteigen.

Welche Auswirkungen sind auf Dollar- und Goldkurs zu erwarten?

Sowohl der US-Dollar als auch das Gold zählen zu den sicheren Häfen der Kapitalanlage, die in Krisenzeiten gefragt sind und daher im Kurs steigen. Solange das Risiko einer überregionalen Eskalation besteht, dürften beide vorerst fester tendieren.

In welchem Ausmaß könnte die Eskalation die wirtschaftliche Entwicklung in den Weltmärkten beeinträchtigen?

Die globale Konjunktur steht derzeit ohnehin auf schwachen Füßen. Grundsätzlich können zusätzliche Unsicherheiten für eine abnehmende Investitions- und Konsumbereitschaft sorgen. Allerdings sind auch mögliche gegenläufige Effekte zu beachten, wie etwa sinkende Zinsen bei Staatsanleihen mit längeren Laufzeiten, weil auch diese in der Regel als sichere Häfen angesehen werden. Damit würden sich die zuletzt deutlich verschärften Finanzierungskonditionen für Unternehmen, Private und Staaten entspannen und könnten die Lage stabilisieren.

Die Lage auf den Anleihemärkten war in den vergangenen Tagen bereits angespannt, angefacht durch die Sorge vor einem möglichen Haushaltskrise (Shutdown) in den USA. Könnte sich diese Unsicherheit noch verschärfen?

Die Renditen von Staatsanleihen dürften durch die zusätzliche Unsicherheit eher nachgeben. Insbesondere die US-Volkswirtschaft wäre im Falle einer weiteren Eskalation des Konfliktes und daraus resultierend steigender Ölpreise weniger stark betroffen als Europa, weil die USA selbst nennenswert Rohöl produzieren. Zudem könnte die Fokussierung auf den externen Krisenherd Israel die Bereitschaft für eine politische Zuspitzung des Haushaltsstreits eher abmildern und eine zeitnahe Einigung befördern.

Am 1. November findet die nächste Zinssitzung der US-Notenbank Fed statt. Angesichts der rückläufigen Inflation rechneten viele Ökonomen und Analysten zuletzt damit, dass die Notenbank die Zinsen nicht weiter anhebt. Ist das im jetzigen Umfeld auch noch Ihre Erwartung?

Bisher hat sich an dieser Erwartung nichts verändert. Die Auswirkungen einer möglichen weiteren Eskalation des Konfliktes wären so schwer kalkulierbar, dass die Fed darauf basierend kaum ihre geldpolitische Ausrichtung anpassen würde. Im Gegenteil könnte die Verunsicherung eher dazu veranlassen, die Zinszügel ausgerechnet in dieser Situation nicht weiter anzuziehen.

Die Konjunkturerwartungen für Deutschland haben sich zuletzt deutlich eingetrübt. Gefährdet die Eskalation eine mögliche Erholung im kommenden Jahr?

Bisher kann dieser Zusammenhang nicht hergestellt werden. Das Kernproblem der deutschen Wirtschaft sind derzeit nicht zu hohe Energiekosten, sondern vor allem eine zu schwache Exportnachfrage, insbesondere aus China. Am ehesten im Falle stark und anhaltend steigender Energiepreise und daraus resultierend wieder zulegender Inflationsraten wären negative Auswirkungen auf die deutsche Konjunktur in den kommenden Monaten denkbar.

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