Börsenumfeld:


Welche Entwicklung erwarten Sie für die Aktienmärkte 2020?

Robert Halver: 2020 wird ein stabiles Jahr an den Aktienmärkten, wenn auch nicht so stark wie das vergangene. Die Schärfe der Handelskonflikte dürfte abnehmen, selbst das transatlantische Verhältnis dürfte sich entspannen, weil Europa den USA entgegenkommt. Die Brexit-Panik ist Vergangenheit, selbst wenn Boris Johnson ein sehr sportliches Tempo bei den Vertragsverhandlungen vorlegen will. Ein Scheitern sehe ich aber letztlich nicht. Insgesamt lässt der handels- und europolitische Druck auf die Aktienmärkte nach. Wegen des "Kapitalismus ohne Zins" gibt es weiterhin eine massive Unterstützung von Aktien. Ich glaube, dass Europa 2020 interessant ist. Die Exporteure sollten vom abflauenden Handelskrieg profitieren. Insofern: Etwas weniger US-Werte, etwas mehr aus Europa und auch aus den Schwellenländern.

Gottfried Heller: Ich glaube, dass auch 2020 ein sehr turbulentes und schwankungsreiches Börsenjahr wird, insbesondere weil der Wahlkampf von Donald Trump so brutal und hässlich sein wird wie kein Wahlkampf zuvor. Zudem gibt es weitere geopolitische Risiken wie den Brexit. Aktien sind zwar nicht mehr ganz billig und US-Titel vielleicht schon leicht überbewertet. Aber solange die Bewertungen noch im Rahmen sind, bleibt diese Anlageklasse in Anbetracht der Nullzinsen aussichtsreich - insbesondere, wenn die Unternehmensgewinne weiter steigen. Und wenn die Prognosen zutreffen, wird das Gewinnwachstum 2020 bei zehn Prozent liegen. Per saldo wird 2020 aber ein gutes Börsenjahr werden.

Klaus Kaldemorgen: Nach den leichten Verlusten 2018 war 2019 ein sehr gutes Aktienjahr mit einem Plus von rund 30 Prozent in den wichtigen Märkten weltweit. Für 2020 erwarte ich sieben bis acht Prozent. Von der Geldpolitik wird es keinen Gegenwind geben, die Notenbanken werden die Zinsen niedrig lassen. Das heißt, es gibt wenig Alternativen zu Aktien. Anleiheinvestments sind nicht wettbewerbsfähig. Unterstützung kommt zudem vom sich stabilisierenden Wirtschaftswachstum und den Unternehmensgewinnen.

Droht jetzt der Einbruch, wo steht der DAX am Jahresende?

Halver:

Konsolidierungen sind nach den Kurssteigerungen und angesichts der Tatsache, dass die Welt ja nicht krisen- und schon gar nicht tweetfrei ist, immer möglich - vielleicht schon zu Anfang des Jahres. Aber ich sehe keinen Crash am Aktienmarkt. Fundamental wird sich das Bild allmählich aufhellen, aus Gewinnrevisionen werden Stabilisierungen. Der Handelskrieg ist zwar ein Thema im amerikanischen Wahlkampf, doch wird er abseits von Verbal­erotik nicht so stark durchschlagen. Immerhin will US-Präsident Trump die Wirtschaft und den Aktienmarkt auf seiner Seite wissen, um die Wahl zu gewinnen. Insgesamt werden die Kurse zulegen. Den DAX sehe ich zum Jahresende bei mindestens 14.000 Punkten. Noch mehr Potenzial haben die Aktien der zweiten Reihe, die besonders konjunktur- und handelslastig sind.

Heller: Ich bin zuversichtlich, dass der DAX Ende 2020 höher stehen wird als heute. Insbesondere die europäischen Börsen haben Nachholbedarf, denn sie haben am stärksten unter dem Zollstreit gelitten, aber auch die Emerging Markets, allen voran China. US-Präsident Trump wird sich im Wahljahr keine zweite Kriegsfront leisten, er braucht eine brummende Wirtschaft, und da wird er weltweiten Zoff vermeiden.

Wie kann ich mich gegen einen ­bevorstehenden Crash absichern?

Heller: Ich habe ein Problem mit der kategorischen Annahme, dass ein Crash bevorsteht. Wer sagt denn, dass ein Crash bevorsteht? Derzeit wird in Deutschland in einer Weise mit dem Wort hantiert, dass einem übel werden könnte. Wenn die Börse mal um zwei, drei Prozent schwankt, ist das schon ein Crash. In Deutschland werden Bücher, die das Wort Crash nur im Titel haben, schon zu Bestsellern. Es scheint fast so, als hätten die Deutschen eine Lust am Untergang. Viele Crashpropheten sagen seit Jahren den Weltuntergang voraus, und er ist trotzdem nicht eingetreten.

2008 hat sich doch ein Crash ereignet, und es ist ja nicht auszuschließen, dass das wieder passieren kann.

Heller: Moment - der Crash 2008 ist eben nicht von Aktien ausgegangen, sondern von faul gewordenen Immobilienkrediten. Von einer absolut hemmungslosen, staatlich noch geförderten Kreditvergabe an US-Häuslebauer, die keine Kreditwürdigkeit hatten. Der Wertverfall dieser gebündelten Kredite, sogenannte Asset Backed Securities, hat dann die Banken in den Abgrund gezogen. Eine Totalabsicherung gegen solche Ereignisse, gegen einen weltweiten Crash, gibt es nicht. Aber sowohl das Einzelrisiko bei Aktien als auch das Anlageklassenrisiko kann man über weltweit breit gestreute ETFs zumindest teilweise reduzieren. Das Wichtigste ist: In Aktien breit investiert zu sein, international und langfristig, in Nebenwerte und Dividendenaktien, und die Emerging Markets nicht vergessen.

Deutschland ist zuletzt nur sehr knapp an einer Rezession vorbeigeschrammt. Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, das es doch noch zu einer Rezession in Deutschland kommt?

Kaldemorgen: Der Abschwung ist gestoppt, das Wirtschaftswachstum hat sich stabilisiert. Dies wird sich 2020 fortsetzen. Wir erwarten keine Rezession, weder in Deutschland noch in den USA oder weltweit. Lediglich in China erwarten wir einen leichten Rückgang des Wachstums als Folge des Handelskonflikts.

Heller: Ich sehe keine Rezessionsgefahr für Deutschland. In Amerika wird die Konjunktur weiterhin robust laufen, China erholt sich gerade, in Japan wird zudem ein riesiges Konjunkturpaket aufgelegt. Zusätzlich zur lockeren Geldpolitik der Notenbank wird also auch fiskalisch investiert. Deshalb glaube ich nicht daran, dass es irgendwo auf der Welt 2020 eine Rezession geben wird.

Wo sehen Sie 2020 das größte Risiko für den Aktienmarkt?

Heller:

Die größte Gefahr ginge meines Erachtens von einem stärkeren Konjunktureinbruch aus. Die Notenbanken hätten dann kaum noch Möglichkeiten, dagegen einzuschreiten, weil sie ihr Pulver schon komplett verschossen haben. Aber einen solchen Konjunktureinbruch erwarte ich nicht, solange die Inflation so niedrig bleibt, wie sie ist. Einen Crash könnte ich mir außerdem nur bei einem unvorhergesehenen Unglücksfall vorstellen, etwa einer kriegerischen Handlung oder Ähnlichem.

Gibt es bald eine Lösung im Handelsstreit zwischen den USA und China?

Kaldemorgen:

Zunächst wurde mit dem Phase-1-Abkommen nur eine Art Waffenstillstand geschlossen - es gab keine weitere Eskalation, es wurden keine zusätzlichen Zölle eingeführt. Ich rechne damit, dass es erst nach den Präsidentschaftswahlen in den USA zu einer echten Einigung kommt. Trump wird versuchen, den Konflikt im Wahlkampf für sich zu nutzen. Und China hofft auf einen Wechsel, um dann mit einem anderen Präsidenten verhandeln zu können.

Droht ein Einbruch an der Wall Street, wenn Trump die US-Wahl gewinnt?

Halver:

Schlimmer für die US-Wirtschaft und Märkte wäre es wohl, wenn sich ein demokratischer Kandidat mit neosozialistischen Ideen durchsetzen und ganze Branchen und die Wall Street regulieren würde. Trump wäre, unabhängig davon, ob man ihn mag oder nicht, für die Börse besser. Allerdings dürften Anleger dann auch nach der Wahl Gewinne mitnehmen.

Halten Sie das Risiko eines ungeregelten Brexit für gebannt?

Heller:

Die Sache ist nicht aus der Welt. Der britische Premier Johnson hat jetzt eine zweite Deadline aufgebaut mit dem geplanten Freihandelsabkommen. Und auch diesen Termin will er auf Biegen und Brechen einhalten, obwohl das eine Illusion ist. Es ist weiterhin ein Unruheherd. Aber für gravierende Störungen der Aktienmärkte hat England wirtschaftlich ein zu kleines Gewicht.

Wann gibt es wieder höhere Zinsen?

Kaldemorgen:

Ich erwarte nicht, dass wir in Europa in den nächsten drei bis fünf Jahren große Änderungen sehen werden. Die negative Rendite bei der zehnjährigen Bundesanleihe wird wohl irgendwann verschwinden, aber mit ­einem deutlichen Anstieg über die Null­linie rechne ich nicht. Bei Anlageentscheidungen sollte man also nicht da­rauf warten, dass es in Deutschland oder der Eurozone bald höhere Zinsen geben wird.

Beunruhigt Sie die Illiquidität des US-Repomarkts?

Halver:

Sie sprechen vom Geldhandel zwischen den Banken, wo 2008 die größte Finanzkrise nach dem Zweiten Weltkrieg begann. Die Fed müsste geistesgestört sein, so eine Krise auch nur anfänglich zuzulassen. Sie ist aber bei klarem Verstand, deshalb hat sie im Oktober auch massiv interveniert. Und sie wird nicht mit der Wimper zucken und bei nächster Gelegenheit sofort eingreifen. Es gibt also keinen Grund zur Sorge. Aus der Rettungsnummer kommt die Fed aber nicht mehr raus.

Aktienmärkte:


Welche Investmentideen würden Sie mir für 2020 geben?

Kaldemorgen:

Am Aktienmarkt empfiehlt es sich, breit in den USA und in Europa - nicht nur in der Eurozone, sondern auch in der Schweiz und in Großbritannien - investiert zu sein. In Europa gibt es gute Aktien, die hohe Dividenden zahlen, in den USA starke Wachstumswerte aus dem Tech-, aber auch dem Pharmabereich. Daneben sind die Emerging Markets und der japanische Aktienmarkt interessant.

Welche Branchen profitieren von einer Erholung am meisten?

Heller:

In Europa jene, die am stärksten unter dem Damoklesschwert der Strafzölle litten: also Maschinenbau, Autoindustrie und Chemie, speziell in Deutschland. Verbrauchsgüter, Nahrungsmittel, Medizin litten dagegen nicht so stark. Und unter den europäischen Börsen ist die deutsche Börse mit einem Kurs-Gewinn-­Verhältnis von 13 oder 14 noch mit am preiswertesten. Zudem liegt die Dividendenrendite beim DAX knapp unter drei Prozent - angesichts der Nullzinsen ein interessanter Aspekt für Anleger.

Ich investiere vor allem in DAX-Werte, welche Aktien favorisieren Sie?

Halver:

Die Banken könnten eine Renaissance erleben. Die Konjunkturzykliker sind auch interessant. Ich muss aber zugeben, dass ich kein Freund des Leitindex bin. Mir gefallen Werte aus der zweiten Reihe viel besser, etwa aus dem MDAX oder TecDAX. Da sind exportstarke Werte darunter, die bei einer Einigung im Handelskrieg am stärksten profitieren. Zudem dürften die Zykliker künftig in einer einsetzenden Konjunkturerholung ihre Gewinne besonders stabilisieren.

Gibt es attraktive Aktienmärkte in ­bestimmten Ländern?

Kaldemorgen:

Die Länderauswahl spielt keine so große Rolle mehr. Auch deshalb, weil der Sitz und das Börsenlisting eines Unternehmens nicht mehr unbedingt im selben Land sind. Ich schaue eher auf Sektoren - Health Care und Technologie gehören hier zu meinen Favoriten.

Dividendenaktien finde ich gut. Welche würden Sie empfehlen, oder soll ich auf ETFs setzen?

Halver: Dividendenlust ersetzt Zinsfrust. Im Übrigen bleiben die Dividenden hoch. Große Vermögensverwalter üben wegen der Niedrigzinsen massiven Druck auf die Unternehmen aus, weiterhin hohe Ausschüttungen zu zahlen. Wenn Sie nicht mehrere Aktien kaufen wollen, sollten Sie, um Ihr Risiko zu streuen, einen ETF oder einen Fonds nehmen. Es gibt in beiden Kategorien gute Produkte. Empfehlen kann ich etwa den DWS-Fonds Top Dividende oder einen Xtrackers-ETF (ISIN: LU 029 209 553 5).

Wirecard ist in einigen DWS-Fonds hoch gewichtet, obwohl es immer ­wieder Vorwürfe wegen Bilanztrick­sereien gegen das Unternehmen gibt. Wie beurteilen Sie Wirecard?

Kaldemorgen:

Bei den angesprochenen DWS-Fonds ist es zuallererst eine Sektorentscheidung: IT- und Finanzaktien werden gemäß unserem jüngsten Marktausblick bei der DWS zurzeit höher gewichtet. In international anlegenden Fonds gibt es viele Titel, die den IT-Sektor gut abdecken. Für Deutschland-Fonds kommen dagegen nur wenige IT-Werte infrage. Deshalb ist in diesen Fonds die Wirecard-Aktie relativ hoch gewichtet. Hinzu kommt: Grundsätzlich beruht jede Anlageentscheidung in den DWS-­Aktienportfolios auf gründlicher Analyse. Wirecard ist kein neues Unternehmen für uns. Die verantwortlichen Fondsmanager haben sich in Zusammenarbeit mit externen Wirtschaftsprüfern, Rechnungswesenexperten und seriösen Analysten intensiv mit den Zahlen und Vorwürfen beschäftigt.

Haben britische Aktien Nachholpotenzial? Soll ich mit einem Einstieg bis nach dem Brexit Ende Januar warten?

Halver:

Ein Geheimtipp sind britische Aktien tatsächlich. Premier Boris Johnson hat eine breite Mehrheit im Parlament und wird sie nutzen, etwa um die Finanzindustrie zu deregulieren und die Unternehmensteuern massiv zu senken. Diese Standortverbesserungspolitik à la Margaret Thatcher treibt die Kurse, weil sich ausländische Firmen ansiedeln werden. Nach einem Austritt zahlen die Briten zwar höhere Zölle für den Export in die EU, aber das wird mittelfristig durch günstigere Produktionskosten auf der Insel überkompensiert. Deshalb sind britische Aktien attraktiv und dürften es auch bleiben.

Ich denke über einen ETF auf den Nasdaq 100 nach, was halten Sie davon?

Halver:

Bei US-Technologiewerten würde ich bei Einzelwerten kleinere aus der zweiten Reihe favorisieren. Die ganz großen wie Amazon, Alphabet oder Face­book könnten auch wegen der geplanten Digitalsteuer unter Druck ge­raten. Da aber Digitalisierung ebenso weltweit mindestens den Stellenwert der Erfindung der Dampfmaschine hat, kann man das Thema ebenso über einen ETF spielen, beispielsweise den Lyxor MSCI World Information Technology.

In welchen Schwellenländern würden Sie investieren?

Halver:

Die Beispiele Türkei und Argentinien zeigen, dass es durchaus Risiken gibt, gleichwohl darf man nicht alle Staaten über einen Kamm scheren. Generell dürften die Schwellenländer davon profitieren, dass die Amerikaner den Dollar zu schwächen suchen. Denn ein starker Dollar führt zu Kapitalflucht. Wenn sich der Handelskonflikt abkühlt, kann China auch seine Rolle als wirtschaftlicher Zentralstern Asiens wieder besser spielen. An China hängen viele andere asiatische Länder.

Was halten Sie von Goldminenaktien?

Heller:

Goldminenaktien waren früher gute Dividendenaktien. Das ist heute nicht mehr der Fall. Da der Goldpreis inzwischen ziemlich hoch ist, sind auch die Gewinnmargen für Goldminen nicht mehr sehr groß. Ich habe keine Goldminenaktien und ich würde Rohstoffaktien nur kaufen, wenn sie an eine industrielle Verwendung geknüpft sind, also beispielsweise Kupfer- und Silberminenaktien.

Was halten Sie von Ölkonzernen?

Heller:

Bei Ölkonzernen ist die Sache anders: Das sind auch Rohstoffe. Ob sie Royal Dutch, Total, Exxon oder BP heißen, die haben Dividendenrenditen zwischen vier und sechs Prozent und sind allein schon von der Dividende her interessant.

Halver: Die Dividenden derartiger ­Titel sind sehr schön. Aber die Überkapazitäten im Markt bleiben. Sobald die OPEC die Förderung drosselt, wird die Lücke durch amerikanisches Fracking­öl oder -gas wieder geschlossen. Und die Russen würden auch gern mehr produzieren. Die Preise bleiben also unter Druck, das heißt, dass auch die Aktienkurse vergleichsweise begrenztes Potenzial haben.

Ich bin mit RWE immer noch im Minus. Soll ich nachkaufen und verbilligen?

Halver:

Generell gilt für deutsche Energieversorger: Gäbe es eine Regierungsbeteiligung der Grünen auch im Bund, könnte es frühere Laufzeitbegrenzungen von Kohle- und Gasmeilern geben und durchaus früher Schluss sein mit dem Betrieb deutscher Kohlekraftwerke. Das ist ein Risiko.

Halten Sie nachhaltige Investments für aussichtsreich?

Heller:

Das Wort "nachhaltig" wird ebenso inflationär verwendet wie das Wort "Crash". Nachhaltig ist ein Modewort. Ich halte nicht allzu viel davon.

Kommt endlich das Comeback der Value-Investoren?

Kaldemorgen: Ich würde weniger stark auf Value setzen und davor warnen, sich von günstigen Bewertungen blenden zu lassen. Für ein besonders niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis gibt es immer einen guten Grund, so kann das Unternehmen stark von den Folgen des Klimawandels betroffen sein.

Anleihen:


Ich halte seit Jahren einige Unternehmensanleihen. Soll ich die Papiere jetzt verkaufen und Gewinne mitnehmen?

Kaldemorgen:

Bei Anleihen mit einer kurzen Restlaufzeit von wenigen Jahren empfiehlt es sich nicht zu verkaufen. Bei lang laufenden Anleihen hängt es von den jeweiligen Konditionen der Anleihen ab, aber auch vom Zustand und den Perspektiven des Emittenten.

Mein Depot besteht zu einem Drittel aus Anleihen. Davon sind jeweils ein Drittel Staatsanleihen, Schwellenländerpapiere und nachrangige Anleihen. Seit fünf Jahren sind sie im Depot, soll ich sie stehen lassen?

Halver:

Ich persönlich sehe Anleihen im kommenden Jahr eher kritisch, ich würde Positionen in Staatsanleihen, etwa aus Deutschland oder Europa, abbauen. Denn es ist gut möglich, dass bei einer Einigung im Handelskonflikt die Kurse von Anleihen mit geringerem Risiko, wenn auch nur leicht, nachgeben. Um regelmäßige Einnahmen zu haben oder als Ersatz für Zinsen, könnten Sie Fonds oder ETFs auf Dividendentitel ins Depot nehmen. Die Schwellenländer­anleihen würde ich wegen der schönen Zinskupons halten, Gleiches gilt für Nachranganleihen.

Haben Sie in Ihrem DWS Concept Kaldemorgen derzeit überhaupt Anleihen?

Kaldemorgen:

Wir haben US-Staatsanleihen als Risikopuffer, die im Gegensatz zu Bundesanleihen auch noch ­positive Renditen bieten. Außerdem Staatsanleihen aus Emerging Markets, die in US-Dollar oder Euro emittiert wurden. Unternehmensanleihen aus dem Euroraum sind zurzeit eher un­interessant. Wenn die Dividenden­rendite eines Unternehmens um ein Vielfaches über der Anleiherendite liegt, bietet die Aktie ein weit besseres Einkommen als die Anleihe.

Gold / Rohstoffe:

Wie ist Ihre Meinung zu Gold?

Halver:

Ich glaube nicht, dass Gold im kommenden Jahr stark zulegt. Die politischen Unsicherheiten schwinden, der Drang nach Sicherheit auch. Und die Notenbanken haben kein Interesse, dass der Goldpreis steigt. Sie wollen nicht, dass die Leute in Währungsalternativen fliehen. Sonst funktioniert die Rettung der hoch verschuldeten Welt über das billige Geld nicht mehr. Grundsätzlich bin ich wegen der Werterhaltungsfunktion aber ein großer Fan von Gold, man sollte es für Krisenfälle als letzte Sicherheit haben, am liebsten physisch. Beim Gold zählt der langfristige Besitz, nicht die kurzfristige Rendite.

Heller: Gold profitiert zwar von den Nullzinsen. Aber solange die Inflation niedrig bleibt und die globalen Krisen nicht eskalieren, sondern sich eher entspannen, solange wird Gold keine großen Sprünge machen und eher seitwärts oder leicht nach unten tendieren. Gold im Portfolio ist sowieso Geschmackssache. So wie man Aspirin für Notfälle im Nachtkästchen hat, so kann man Gold haben. Als Anlageform spielt es aber keine große Rolle, weil es keine Rendite bringt, sondern sogar noch Lagerkosten verursacht. Goldzertifikate sind auch keine Lösung, hier kaufen Anleger die Bonität des Emittenten mit. Fünf Prozent Gold im Depot ist in meinen Augen eher ein Placebo. Wenn man besser schläft dabei, dann von mir aus. Aber ich investiere nicht in Gold.

Kaldemorgen: 2019 hat Gold ordentlich zugelegt. Diese Entwicklung dürfte sich 2020 kaum fortsetzen. Der Preis könnte sich beim aktuellen Stand von rund 1.500 Dollar je Feinunze stabili­sieren.

Was halten Sie von Palladium?

Kaldemorgen:

Nachdem der Preis für die Feinunze zum ersten Mal über 2.000 Dollar gestiegen ist, erscheinen mir Investments hier sehr, sehr spekulativ. Auch, weil es sich um einen vergleichsweise dünnen Markt handelt.

Portfolio / Fonds:

Wie stelle ich denn im gegenwärtigen Niedrigzinsumfeld ein ausgewogenes Depot zusammen?

Kaldemorgen:

Weniger auf eine Mischung aus Aktien und Anleihen achten, sondern am Aktienmarkt ausgewogen investieren. Das heißt, hinreichend global investieren und mit einer guten Streuung über die wichtigsten Branchen, wobei strukturell belastete Branchen wie die Autoindustrie nicht zu viel Gewicht haben sollten.

Ich habe Aktien und Aktienfonds. Wie kann ich mein Depot absichern - mit Puts, Gold oder Staatsanleihen?

Kaldemorgen:

Die Absicherung mit Put-Optionsscheinen ist relativ teuer und auch eher für den kurzfristigen Einsatz geeignet. Besser sind US-Staatsanleihen, die sichersten und liquidesten Staatsanleihen der Welt. Diese Papiere bieten auch zurzeit noch eine positive Rendite auf Fälligkeit. Ein weiterer Vorteil ist, dass sie in US-Dollar emittiert sind. Dies ist eine zusätzliche Absicherung, weil die US-Währung als sicherer Hafen gesucht ist, wenn es an den Märkten unruhig wird, und sie deshalb aufwertet. Auch Gold ist gut geeignet. Anleger sollten dabei allerdings keine großen Renditeerwartungen haben, sondern Gold in erster Linie als Mittel zur Absicherung sehen.

Ich habe ein Depot mit einem Volumen von 100.000 Euro, je ein Drittel stecken in Anleihen, Immobilien und Aktien, ich möchte es internationaler ausrichten, also beispielsweise in Richtung Wasser-, Nahrungsmittel- und Hightechaktien. Wie soll ich mein Depot ­umbauen?

Heller: Bei den Aktien würde ich auf ETFs gehen, die weltweit positioniert sind, also den MSCI World oder zusätzlich mit Schwellenländern den MSCI All Country World. Bei Nebenwerten könnten sie einen MDAX-ETF kaufen oder europaweit einen Stoxx-200-ETF mit den Nebenwerten. Bei den Anleihen können Sie auch auf ETFs setzen, die in Unternehmensanleihen investieren - entweder mit Investment Grade, also mit hoher Bonität, oder in High-Yield-Anleihen - also hohe Rendite, aber schlechtere Bonität. Diese High-Yield-Anleihen kann man mit ETFs trotz des höheren Risikos spielen, weil in den ETFs 800 bis 900 Einzelanleihen enthalten sind. Das heißt, wenn eine oder zwei Anleihen ausfallen, merken Sie das gar nicht. In unserem Fiduka-Fonds Pro Select-Weltfonds haben wir etwa ein Drittel Anleihen als Absicherung und zur Stabilität. Der Rest ist international investiert in Dividendentitel aus Europa, den USA und Asien, zudem Schwellenländeraktien. Er setzt auch auf Megatrends wie Wasser, Ernährung und Hightech wie künstliche Intelligenz.

Ich habe einen aktiv gemanagten Dividendenfonds im Portfolio. Wäre nach Ihrer Meinung ein Dividenden-ETF eine gute Ergänzung?

Kaldemorgen:

Für eine gute Diversifikation wäre zum Beispiel ein weiterer international investierender, aber nicht auf Dividenden spezialisierter Fonds eine Möglichkeit. Bestimmte Branchen und Aktien, die wenig Dividende bieten, sind in Dividendenfonds unterdurchschnittlich vertreten, beispielsweise wachstumsstarke Techtitel. Das geht auch mit einem ETF.

Steuern:


Für den Kauf einer Immobilie habe ich auf meinem Girokonto eine größere Summe geparkt. Meine Hausbank hat mir 2019 auf das Guthaben erstmals Strafzinsen berechnet. Kann ich das steuermindernd geltend machen?

Anton Götzenberger:

Seit Einführung der Abgeltungsteuer 2009 sind Werbungskosten für Kapitalerträge, unter die auch Bankspesen fallen, mit dem Sparerpauschbetrag (801 Euro Alleinstehende, 1.602 zusammenveranlagte Partner) abgegolten. Geht es aber um Strafzinsen, sollten betroffene Bankkunden diese Aufwendungen als negative Kapitaleinkünfte außerhalb des Sparer-Pauschbetrags in der Steuererklärung geltend machen. Die FDP-Bundestagsfraktion hat dazu einen neuen Antrag auf Berücksichtigung von Negativzinsen im Steuerrecht gestellt (Bundestags-Drucksache 19/15771). Er wird derzeit im Finanzausschuss beraten.

Von unserem ehelichen Gemeinschaftsdepot haben wir 2019 Aktien verkauft und dabei Verluste von 10 000 Euro realisiert. Können wir den Verlust auf ein Einzeldepot meiner Ehefrau bei einer anderen Bank übertragen?

Depotbanken müssen einen Aktien-Verlustverrechnungstopf und einen allgemeinen Verlustverrechnungstopf führen. Beide sind grundsätzlich zu einer anderen Depotbank übertragbar. Dazu müsste zunächst das Gemeinschaftsdepot auf das Einzeldepot bei der anderen Bank übertragen werden. Depotüberträge unter Ehegatten gelten als unentgeltlich. Auf Antrag können dann bisher nicht ausgeglichene Verluste von der abgebenden Bank der übernehmenden Bank mitgeteilt werden. Voraussetzung ist jeweils Personenidentität, also gleiche Kontoinhaberschaft. Ein einfacherer Weg wäre, die Verluste von der Bank bescheinigen zu lassen und dann die Aktienverluste aus dem Gemeinschaftsdepot mit Aktiengewinnen aus dem Einzeldepot - bei Zusammenveranlagung - gegenseitig verrechnen zu lassen.

Ich halte eine Staatsanleihe aus Portugal und muss auf Kupons 35 Prozent Quellensteuer zahlen. Die Anleihe habe ich bei der Sparkasse Uckermark gekauft. Meine Depotbank S Broker lehnt eine Unterstützung bei der Rückforderung ab, ebenso eine Steuerfreistellung via Wohnsitzbescheinigung. Begründung: Beim "ComfortDepot" würden diese Dienstleistungen nicht angeboten. Das portugiesische Finanzministerium teilte mir auf Anfrage mit, nur die Depotbank könnte die nötigen Unterlagen einsenden. Was soll ich jetzt tun?

Der einfachste Weg ist ein Depotübertrag zu einem Geldinstitut, das seine Kunden bei der Rückforderung ausländischer Quellensteuer kooperativ unterstützt. Das Bundeszentralamt für Steuern (www.bzst.de) stellt zudem die jeweiligen Links zu den Internetauftritten ausländischer Steuerbehörden zur Verfügung. Dort können dann Antragsformulare für Steuererstattungen heruntergeladen werden.

Was erfährt das Finanzamt, wenn ich Goldbarren bei einem Edelmetallhändler in bar bezahle - und Monate später gegen Barauszahlung wieder verkaufe?

Zunächst einmal gar nichts. Edelmetallhändler müssen aber Goldtransaktionen ab einem Betrag von 2.000 Euro mit dem Namen des Kunden dokumentieren und diese Geschäftsunterlagen zehn Jahre lang aufbewahren. Bei einer Betriebsprüfung könnten Finanzbeamte Kontrollmitteilungen schreiben. Veräußerungsgewinne von Edelmetallen sind als sonstige Einkünfte aus privaten Veräußerungsgeschäften steuerpflichtig, wenn der Zeitraum zwischen Anschaffung und Veräußerung nicht mehr als ein Jahr beträgt und die maßgebliche Steuerfreigrenze von 600 Euro dabei überschritten wird.

Ich habe thesaurierende Investmentfonds von in- und ausländischen Gesellschaften im Depot. Was ist zu beachten?

Anfang des Jahres ermitteln die Depotbanken als Zahlstellen des Fiskus wieder die sogenannten Vorabpauschalen der Anleger als Bemessungsgrundlage für die Kapitalertragsteuer. Deren Höhe errechnet sich aus dem Kurswert des Fondsanteils zu Jahresbeginn, multipliziert mit 70 Prozent des speziellen Basiszinses für die Vorabpauschale. Für 2019 und 2020 beträgt der Multiplikator 0,609 Prozent (errechnet aus 0,87 mal 0,70). Weil bei thesaurierenden Investmentfonds nichts an die Anleger ausgeschüttet wird, wird ihnen auch nichts angerechnet. Die fällige Steuer führt die Depotbank direkt an den Fiskus ab. Betroffene Bankkunden sollten deshalb ihre Freistellungsaufträge für Kapitalerträge (bis zu 801 Euro Alleinstehende, bis zu 1.602 Euro zusammenveranlagte Partner) bei ihrem Depotinstitut frühzeitig im Jahr stellen oder entsprechend anpassen. Da auf den meisten Tages- und Festgeldkonten kaum noch Zinserträge eingehen, gibt es dafür jetzt in vielen Fällen ausreichenden Spielraum.