Der Streit über den künftigen Reformkurs lastete auf dem Euro und den europäischen Börsen. Finanzexperten schätzen die Gefahr eines sogenannten "Grexit" mittlerweile auf 50 Prozent. Viel hängt jetzt von der Europäischen Zentralbank (EZB) ab, die den griechischen Banken jederzeit den Geldhahn zudrehen könnte.

Den Euro-Finanzministern war es auch am Montagabend nicht gelungen, den Konflikt mit der von Links- und Rechtspopulisten getragenen Regierung zu lösen. Sie setzten den Griechen ein Ultimatum bis Ende der Woche, um das in elf Tagen auslaufende Rettungsprogramm um einige Monate zu verlängern. Das lehnt die Regierung in Athen jedoch strikt ab, weil sie die im Gegenzug für die Milliardenhilfe vereinbarten Reformauflagen kippen will.

Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann warnte, niemand könne sagen, welche Auswirkungen ein "Grexit" auf Geldabflüsse in anderen Ländern habe. Die Bürger in Europa dächten in dem Fall, es sei klüger, ihr Geld unter das Kopfkissen zu legen. Sein Vizekanzler Reinhold Mitterlehner unterstrich, es gebe auch für die Griechen keine wirkliche Alternative zu Reformen. Der britische Finanzminister George Osborne sagte, ein Scheitern hätte sehr ernste Folgen für die wirtschaftliche und finanzielle Stabilität. Sein Land wolle "Kompetenz, nicht Chaos" sehen.

Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem beteuerte, dass die Finanzminister grundsätzlich zu einem Kompromiss bereit seien. Es liege aber an den Griechen, sagte der Niederländer. Sein spanischer Ministerkollege Luis de Guindos machte zugleich klar, dass es rote Linien gebe. So müssten die Griechen Schulden zurückzahlen: "Der Ball liegt jetzt im Feld der griechischen Regierung", sagte er vor der Tagung der EU-Finanzminister. Der finnische Ressortchef Antti Rinne zeigte sich skeptisch. Er halte das griechische Versprechen, binnen zwei Tagen eine Einigung mit den Gläubigern zu erzielen, für unglaubwürdig.

Aus Griechenland kamen harsche Reaktionen. So sagte Vize- Außenminister Nikos Chountis: "Wir akzeptieren keine erpresserischen Angebote, keine Ultimaten zur Verlängerung des Programms." Zugleich zeigte er sich aber optimistisch, dass eine Einigung gelingen werde; Gründe dafür nannte er nicht. Dagegen sagte EU-Währungskommissar Pierre Moscovici, das Land, das seit 2010 von der Euro-Zone und vom IWF mit 240 Milliarden Euro gestützt wird, müsse eine Programm-Verlängerung beantragen.

Auf Seite 2: EZB SITZT AM GELDHAHN - BÖRSEN NERVÖS



EZB SITZT AM GELDHAHN - BÖRSEN NERVÖS

Sollte das vom Finanzmarkt abgeschnittene Griechenland ab März ohne Unterstützung dastehen, droht die Staatspleite. Eine Schlüsselrolle hat dabei die EZB. Wegen des Streits akzeptiert sie von den griechischen Banken keine bonitätsschwachen Anleihen mehr als Pfand für die Geldversorgung. Sie toleriert aber bisher kurzfristige ELA-Notfallhilfen der griechischen Notenbank. Am Mittwoch entscheidet die EZB, ob der Geldhahn geöffnet bleibt. Im Falle Zyperns, das sich auch gegen Reformen gesperrt hatte, hatte eine Drohung der EZB die Regierung zum Einlenken gebracht.

Sorge besteht außerdem, dass die Griechen ihre Banken stürmen, denen dann schnell die Luft ausgehen würde. Aus Furcht vor einer Staatspleite ziehen griechische Sparer bereits pro Woche rund zwei Milliarden Euro von ihren Bankkonten ab.

"Wenn sich ein Staatsbankrott Griechenlands abzeichnete, wäre die EZB gezwungen, den griechischen Banken den Geldhahn zuzudrehen. Das wäre faktisch ein Rauswurf aus der Euro-Zone", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Er erwarte nicht, dass die EZB die ELA-Kredite durchwinke und damit den Euro-Finanzministern in den Rücken falle. Aus Krämers Sicht ist die "Grexit"-Wahrscheinlichkeit von 25 auf 50 Prozent gestiegen. Den Bestand der Euro-Zone würde das allerdings nicht mehr gefährden.

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn plädiert unterdessen für ein Ende der Rettungspolitik und einen Euro-Austritt Griechenlands: "Dieses Füllen des Fasses ohne Boden, das wir seit fünf Jahren betreiben, ist vollkommen sinnlos", sagte der Ökonom dem Nachrichtensender n-tv und fügte hinzu: "Es ist Zeit, die Sache zu beenden. Es wäre für die griechische Bevölkerung und den Rest Europas wirklich besser, wenn jetzt Griechenland austreten würde."

An den Börsen sorgte die Angst vor einem Staatsbankrott für reichlich Nervosität. Die Athener Börse rutschte in der Spitze um knapp fünf Prozent ab, der dortige Bankenindex um fast zehn Prozent. Auch der deutsche Leitindex Dax und der EuroStoxx50 verloren zeitweise jeweils 1,4 Prozent. Zugleich stiegen die Risikoaufschläge für griechische Staatsanleihen: Die Rendite der zehnjährigen Papiere kletterte um 82 Punkte auf 10,74 Prozent. Auch die zehnjährigen italienischen und spanischen Anleihen gerieten unter Druck. Dahinter stehen Sorgen, die Hellas-Krise könnte auf andere Länder übergreifen. Der Euro konnte sich stabilisieren und notierte bei 1,1436 Dollar. In der Nacht war er auf 1,1322 Dollar gefallen.

Reuters