Die Papiere von Hapag-Lloyd haben bei 356,40 Euro ein neues Allzeithoch markiert. Allein in der in der laufenden Woche beträgt das Plus bereits 28 Prozent. Die Aktien der Container-Reederei profitieren vom starken Branchenumfeld.

Noch ist die Situation auf den Weltmeeren von Verspätungen, knappen Transport-Kapazitäten und erheblich gestiegenen Preisen für Schiffstransporte geprägt. Doch vor einer Woche machte die Hamburger Reederei Verbrauchern und Industriekunden Hoffnungen auf eine allmähliche Entspannung der gestörten globalen Lieferketten. "Wir haben das Möglichste getan, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen, aber es war sehr schwierig für alle in der Branche", sagte Vorstandschef Rolf Habben Jansen bei der Präsentation des Jahresberichts 2021. Nach seinen Worten ist derzeit jedes verfügbare Schiff unterwegs.

In der zweiten Jahreshälfte dürfte sich die Situation bei den Lieferketten aber verbessern und "zu einer beginnenden Ergebnisnormalisierung führen", so die Prognose der Nummer Fünf unter den großen Container-Reedereien. Mittelfristig dabei helfen sollen auch zwölf neue Riesenfrachter, die 2020 und 2021 in Südkorea bestellt wurden.

Begrenzte Kriegs-Auswirkungen


Der Krieg in der Ukraine und die erheblichen internationalen Sanktionen gegen Russland dürften laut Habben Jansen für wenig zusätzliche Störungen im globalen Logistikgeschäft sorgen. Weniger als zwei Prozent des Gesamtgeschäfts von Hapag-Lloyd seien betroffen. Die größte Herausforderung seien derzeit die Container, die bereits unterwegs sind. Dafür müssten nun Lagerorte gefunden werden.

Container-Reedereien wie Hapag-Lloyd gehören zu den finanziellen Gewinnern der Corona-Pandemie und der dadurch ausgelösten Störungen der globalen Lieferketten. Für 2022 rechnen die Hamburger nach dem Ausnahmejahr 2021 abermals mit sprudelnden Gewinnen. Angepeilt wird nach derzeitiger Prognose ein Gewinn vor Steuern und Zinsen (Ebit) zwischen 8,9 und 10,7 Milliarden Euro, nach fast 9,4 Milliarden Euro im Jahr zuvor.

Die Aktionäre sollen davon mit einer auf das Zehnfache erhöhten Dividende von 35 Euro je Aktie profitieren. Hinter dem Gewinnsprung steht eine nahezu Verdoppelung der durchschnittlichen Frachtraten auf 2003 Dollar je 20-Fuß-Standardcontainer (TEU). Die Transportmenge lag mit 11,9 Millionen TEU in etwa auf dem Niveau des Vorjahres.

Analysten sehen ausgereizte Bewertung


Einige Analysten sind jedoch skeptisch. Christian Cohrs von Warburg sieht das faire Kursniveau für die Hapag-Lloyd-Aktie bei 195 Euro und bestätigt seine Verkaufsempfehlung. Das Branchenumfeld habe das Optimum erreicht und die Bewertung sei ausgereizt, so Cohrs. Die US-Bank JPMorgan hat ihr Kursziel für Hapag-Lloyd sogar von 167,20 auf 165,00 Euro gesenkt. Analyst Samuel Bland sieht ab dem zweiten Halbjahr Risiken für Angebot und Nachfrage bei der Reederei und belässt den Wert auf "Underweight".

Analyst Alex Irving von der Investmentbank Bernstein signalisiert angesichts neuer Corona-Maßnahmen chinesischer Behörden in Shenzhen und Shanghai Chancen steigende Frachtraten. Noch sei zwar unklar, inwieweit von den Corona-Shutdowns der Millionenstädte auch Hafenarbeiter betroffen seien. Sollte die Produktivität in den Häfen sinken oder diese ganz schließen, dürften die Seefrachtraten anziehen. Zu der eigentlich für 2022 erwarteten Entspannung auf dem Seefrachtmarkt würde es dann wohl erst einmal nicht kommen.

Einschätzung der Hapag-Lloyd-Aktie


Hapag-Lloyd profitiert von der angespannten Fracht-Situation mit seinen voll ausgelasteten Schiffen. Die Aktie läuft seit Herbst 2020 in einem intakten Aufwärtstrend. Seit dem Zwischentief im September 2020 bei 42,70 Euro hat sich der Wert bereits mehr als verachtfacht. Der jüngste Preissprung sorgt für eine Überbewertung, eine baldige Korrektur sollte nicht überraschen. Dennoch sollten engagierte Anleger ihre Gewinne laufen lassen. Zur Absicherung empfehlen sich persönliche Stopp-Loss-Marken - etwa bei 280 Euro.

mmr mit dpa-AFX