In der Corona-Krise hat der Gesetzgeber Kapitalgesellschaften erstmals die Möglichkeit gegeben, die Hauptversammlung (HV) komplett online und ohne direkte Präsenz der Aktionäre abzuhalten. Die Unternehmen sind mit diesem Format im Großen und Ganzen zufrieden - das ergab eine Umfrage von €uro am Sonntag unter den 16 DAX-Unternehmen, die ihre HV bis jetzt online abgehalten haben. Kritik hatte es zuvor von institutionellen Anlegern wie von Aktionärsschützern gegeben. Bemängelt wurde besonders, dass sich Vorstand und Aufsichtsrat nicht persönlich den Aktionären stellen müssten. Und dass es unmöglich sei, Folgefragen zu stellen, und eine echte Aussprache unterbleibe.

Doch in Anbetracht der Pandemiesituation sehen die Unternehmen in der Online-HV eine akzeptable Notlösung. Ein Sprecher der Allianz sagt, das Onlineformat habe sich als "sehr vorhersehbarer, sehr gut planbarer Prozess" erwiesen. Die HV sei "hervorragend" gelaufen. Ein Sprecher von Bayer betont, dass der "geringere organisatorische und finanzielle Aufwand" ein "großer Vorteil" der digitalen HV sei. Auch andere Unternehmen sehen die Planbarkeit der Online-HV als Pluspunkt. Die Worte "den Umständen entsprechend" fielen allerdings häufig. Es hieß, die diesjährigen Hauptversammlungen seien Notlösungen und müssten als solche bewertet werden. Ein Sprecher von SAP räumt ein, "eine wirkliche Debatte" sei "nicht realisierbar".

Übergang oder Dauerlösung?


Unklar ist bislang, ob die Online-HV auch in Zukunft von den Unternehmen fortgeführt wird - nicht zuletzt deswegen, weil die entsprechenden gesetzlichen Regelungen zunächst auf dieses Jahr begrenzt sind. Darauf angesprochen reagieren die meisten Firmen ausweichend. Ein Sprecher der Deutschen Börse sagt: "Wir ziehen die direkte Kommunikation mit den Anteilseignern vor und werden im kommenden Jahr zu einer Präsenzveranstaltung zurückkehren." Es sei jedoch zu früh, um sich festzulegen.


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Ähnlich äußert sich die Deutsche Bank: "Einen vollständigen Verzicht auf Präsenzveranstaltungen sehen wir deshalb aktuell nicht." Aus dem Rahmen fällt der Versorger Eon. Finanzvorstand Marc Spieker erklärte gegenüber dem "Handelsblatt", man sei grundsätzlich "offen", auch in Zukunft Online-HVs zu veranstalten. SAP wiederum betont, man wolle "auf jeden Fall" zum Präsenzformat zurückkehren, doch man wolle "Rückschlüsse ziehen", ob und wie eine "hybride" HV möglich sei.

Den Vorwurf, die digital ausgetragene Hauptversammlung hätte die Aktionärsdemokratie geschwächt, weisen die Unternehmen zurück. Die Deutsche Börse berichtet, die Anzahl der Aktionärsfragen sei deutlich gestiegen "von 46 Fragen 2019 auf 81 Fragen 2020". Die Allianz betont, dass das vorherige Einreichen von Fragen eine ausführlichere und bessere Beantwortung von Aktionärsfragen ermöglicht habe, auch weil das Bündeln von ähnlichen Fragen zu einem strafferen Ablauf führe - eine Einschätzung, die viele andere Konzerne offenbar teilen. Doch bleibt die Online-HV eben eine Notlösung, die kurzfristig und erstmalig organisiert wurde.

Franz-Josef Leven, Vizechef des Deutschen Aktieninstituts, spricht sich dafür aus, dass digitale Hauptversammlungen auch nach dem Ende der Corona-Pandemie möglich sein sollten: "Die Institution der Hauptversammlung hat eine 150-jährige Rechtsgeschichte. Würde man sie heute neu regeln, müsste man sie deutlich digitaler machen." Den Umgang der Unternehmen mit der Möglichkeit der Online-HV nennt er "angesichts der Umstände grundsätzlich verantwortungsvoll".