Vor zwölf Jahren überzeugte das Potenzial von Airbnb Investoren nicht so richtig. Erst als die Gründer Brian Chesky, Joe Gebbia und Nathan Blecharcyk mit dem Geschäftsplan auch ihr Talent als In­dustriedesigner mit selbst gestalteten Schachteln für Frühstücksflocken in die Waagschale warfen, gelang die erste ­Finanzierung des Start-ups. Ihre Karikaturen der Präsidentschaftskandidaten 2008, Barack Obama und John McCain, für Frühstücksflocken namens "Cap’n McCains" und "Obama O’s" stimmten die Finanziers des inzwischen weltgrößten bekannten Onlinevermittlers von Unterkünften positiv. Die kalifornische Venture-Capital-Firma Y Combinator setzte Airbnb auf ihre Liste.

Heute sind über sechs Millionen Inserate auf den Webseiten von Airbnb fast überall auf der Welt online. Der Wert des Unternehmens wird auf über 30 Milliarden Dollar geschätzt. Mit seiner Plattform zur Buchung und Vermietung privater Unterkünfte setzt der Internetkonzern mit Sitz in San Francisco die Hotelbranche weltweit unter Zugzwang.

Operativ arbeiten die Kalifornier profitabel, sie haben zudem 3,5 Milliarden Dollar an Reserven in der Kasse. Für Airbnb-Chef Chesky ist es ein guter Zeitpunkt, seine Firma in diesem Jahr aufs Parkett zu führen. Nach den aktuell verfügbaren Zahlen wurden bei Airbnb im Quartal ab Juli, dem ersten Quartal des Geschäftsjahrs 2019/20, rund 91 Mil­lionen Übernachtungen im Wert von 9,4 Milliarden Dollar gebucht. Das waren 31 Prozent mehr als im Vorjahr. Schon im Geschäftsjahr davor hatten die Erlöse um 40 Prozent zugelegt.

Hoffnung auf starken Impuls


Mit dieser starken Bilanz kann der ­kalifornische Onlineriese als Börsen­debütant 2020 bei Investoren viel von dem Vertrauen wiederherstellen, das die sogenannten Unicorns, also Börsenneulinge mit Milliardenwert, 2019 zerstört haben. Nach der vielversprechenden Eröffnung der IPO-Saison an der Wall Street durch Unicorns wie Veggiefleischpionier Beyond Meat machte eine veritable Debakelserie den Ruf dieser Schwergewichte zunichte.

Bei den Mobilitätsdienstleistern Uber und Lyft, die mit ihren Onlineplattformen das herkömmliche Taxigewerbe weltweit verändern wollen, müssen Anleger, die Papiere der beiden Firmen ­gezeichnet haben, prozentual hohe zweistellige Wertverluste seit dem Börsendebüt verdauen.

Und das ausgerechnet in einem Jahr mit massiven Zuwächsen der Börsenindizes weltweit. Die Enttäuschung sitzt tief, auch weil der Ausbau der Onlineplattformen bei Uber und Lyft weiterhin Milliarden verschlingt. Beispiel Uber: Für den globalen Primus erwarten Analysten bei 12,9 Milliarden Dollar Erlös für 2019 sechs Milliarden Dollar Verlust. Erst 2024 werde Uber mit voraussichtlich mehr als 37 Milliarden Dollar Umsatz erstmals gut 1,5 Milliarden Gewinn einfahren, schätzen Experten.

Und dennoch: Trotz 34 Prozent Wertverlust seit dem IPO entspricht Ubers Börsenwert knapp dem Vierfachen des für 2019 erwarteten Umsatzes. Damit ist der Konzern immer noch hoch bewertet. Anleger trauen dem Unternehmen offenbar zu, bei Mobilitätsdienstleistungen weltweit Standards zu setzen.

Schlagzeilenträchtig war auch das verlustreiche Debakel des Vermieters von Büroflächen, Wework. Kurz vor dem schließlich abgesagten IPO der Firma aus dem Portfolio des auf Technologiewerte spezialisierten Beteiligungsriesen Softbank wurden hohe Verluste und die laxe Bilanzierungspraxis bei Wework publik. Der geschätzte Wert des Einhorns schrumpfte rasant von 48 auf acht Milliarden Dollar.

Einhörner auf Diät gesetzt


Das drückt im gesamten Silicon Valley die Stimmung. Finanzierungen verlaufen schleppend. Gewarnt durch den Fall Wework nehmen Investoren Einhörner jetzt an die kurze Leine und achten strenger auf korrekte Bilanzierungen. Vitaliy Katsenelson, Chef des Anlageberaters Investment Management Asso­ci­ates, warnt vor dem Platzen einer Techblase wie nach der Jahrtausendwende: "Außerhalb der Börsen befinden wir uns in einer Dotcom-Blase 2.0." Seinen Anteil an Softbank hat der in Greenwood Village, Denver, ansässige Investmentprofi im Oktober verkauft.

Trotz Katerstimmung bei den Einhörnern sollten Anleger die Neulinge, die sich 2019 behaupten konnten, nicht übersehen. Beyond Meat zum Beispiel: Obwohl die Aktie Mitte November fast 70 Prozent vom Allzeithoch entfernt war, lag ihr Wert nach Berechnungen des US-Börsendiensts Bloomberg immer noch um das 17-Fache höher als bei der letzten Finanzierung vor dem IPO.

Aussichtsreich ist auch die Mainzer Biotechfirma Biontech, die an der Wall Street debütierte, genauso wie Peloton Interactive. Der New Yorker Hersteller von Fitnessbikes verkauft seine Geräte im Paket mit einem Streaming-Abo für Trainingseinheiten zu Hause.

Ähnlich wie an der Wall Street ging auch in Europa das exzellente Börsenjahr 2019 ganz ohne Impulse für Börsengänge zu Ende. "Die durchschnittliche Wertentwicklung relevanter europäischer IPOs seit dem ersten Handelstag der Aktien liegt bei etwa neun Prozent. Die Börsenindizes haben um 20 bis 25 Prozent zugelegt", stellt Joachim von der Goltz, Leiter Equity Markets Nordeuropa bei Crédit Suisse, fest.

In Deutschland war 2019 das schwächste IPO-Jahr seit der Finanzkrise von 2009 - obwohl Teamviewer in Frankfurt den größten IPO einer Techfirma seit 2000 lieferte und Volkswagen seine Nutzfahrzeugsparte Traton aufs Parkett brachte.

Anleger in Europa selektiv


Die Unsicherheit im IPO-Geschäft in Frankfurt bleibt - bis auf Weiteres. Nach starken Abflüssen aus Aktienfonds werden erst seit zwei Quartalen wieder moderate Nettozuflüsse registriert. Auch für Börsengänge steht den institutio­nellen Anlegern damit wenig Kapital zur Verfügung. Die durchschnittliche Größe einer IPO-Order habe sich im Vergleich zu 2017 etwa halbiert, meint Experte von der Goltz.

Und nach den Erfahrungen aus 2019 werden Anleger sehr selektiv investieren. "Auch ohne eine Verschärfung des Handelskriegs zwischen Amerika und China oder einen Hard Brexit erwarten wir nicht allzu viele IPOs - und darunter werden vor allem Spin-offs sein", sagt der Experte. Spin-offs sind ausgegliederte Bereiche eines Konzerns, deren Aktien beim Börsendebüt direkt in die Depots der Aktionäre des Mutterkonzerns gebucht werden. Weil bei Spin-offs anders als bei klassischen Börsengängen keine neuen Aktien angeboten werden, fließt auch kein frisches Kapital in die Konzernkasse.

Im gegenwärtig schwierigen Umfeld sind auch klassische Börsengänge eine Herausforderung - auch jener der begehrten Aufzugsparte von Thyssenkrupp. Die Liquidität des Essener Industrie- und Stahlkonzerns hat sich zuletzt verschlechtert, die Verschuldung ist gestiegen. Die Margen im Stahlgeschäft schrumpfen, nur das Geschäft mit Aufzuganlagen, die Sparte Elevator, ist ein Lichtblick. Womöglich würde ein Verkauf mehr Geld einbringen als ein IPO. Interessenten sollen für Elevator 15 Milliarden Euro bieten. Mit einem teilweisen Börsengang könnte sich Thyssenkrupp aber einen wichtigen Cashbringer erhalten. Im ersten Quartal soll über einen IPO entschieden werden.

Dass Spin-offs bei den Börsengängen 2020 in Europa wohl dominieren, ist für Anleger durchaus ein Vorteil. So wird ihr Wert nicht direkt am Markt fest­gelegt. Die spätere Kursentwicklung ist häufig stärker als bei einem klassischen IPO. Außerdem sind die Aktien von Spin-offs deutscher Firmen für inländische Aktionäre steuerfrei.

Die Geschäftsmodelle der Debütanten in Europa sind zudem vielen Anlegern bekannt - auch das spricht für diese Spin-offs. Auf der Liste steht etwa Vitesco, die Antriebsparte des Autozulieferers Continental. 2018 setzte sie 7,7 Milliarden Euro um. Das Geschäft mit Verbrennungs- und Elektroantrieben unterliegt dem Wandel in der Auto­branche, das birgt auch Chancen.

Siemens Energy wiederum soll im Herbst an die Börse gehen. Siemens-­Finanzvorstand Ralf Thomas strebt die Erstnotiz der Tochter kurz vor Ablauf des Geschäftsjahrs, Ende September an. Mit Kraftwerksturbinen und Anlagen für Stromnetze lieferte die Sparte im ­abgelaufenen Geschäftsjahr ein Fünftel der knapp 87 Milliarden Euro Gesamtumsatz. Der Anteil am Windkraftanlagenhersteller Siemens Gamesa in Höhe von 59 Prozent gehört auch dazu. Den größten Anteil am Erlös des Debütanten hat die Sparte "Power and Gas" mit der US-Tochter Dresser-Rand.

Ein Rückschlag für den Börsenplatz Frankfurt ist dagegen die Entscheidung der Milliardärsfamilie Reimann, ihr Kaffeegeschäft mit Jacobs und Douwe Egberts in Amsterdam an die Börse zu bringen. Zuvor soll der weltweit zweitgrößte Kaffeeröster Jacobs Douwe Egberts (JDE) mit der US-Kaffeehauskette Peet’s Coffee fusionieren, die auch den Reimanns gehört. JDE Peet’s kommt auf rund sieben Milliarden Euro Umsatz.

Mit der Börsennotiz wollen die Reimanns, die selbst größter Eigentümer bleiben wollen, den anderen Großaktionären den Ausstieg ermöglichen. Staatsfonds, Stiftungen und vermögende Familien investierten seit 2012 zusammen zwölf Milliarden Euro, um den Aufbau des Kaffeeimperiums der Reimannschen JAB-Holding mitzu­finanzieren. Auch US-Konsumgüterkonzern Mondelez, der Jacobs 2015 an JAB verkauft hatte und 26 Prozent der Anteile hält, könnte dann ohne Probleme aussteigen. Denn die Aktien des Börsenneulings dürften sehr begehrt sein.

Kandidaten 2020
Europa und USA¹


Airbnb, USA, Online-Unterkunftsvermittlung
Arriva (Deutsche Bahn), Deutschland, Bahnnahverkehr
Asda, Großbritannien, Supermärkte
Deliveroo, Großbritannien, Online-Essenslieferdienste
Instacart, USA, Lebensmittellieferdienst
O₂ (Telefónica), Großbritannien, Mobilfunk
Robinhood, USA, Fintech
Siemens Energy, Deutschland, Energietechnik
Thyssenkrupp Elevator, Deutschland, Aufzüge
Tik Tok ², USA, Soziale Netzwerke
Vitesco (Continental), Deutschland, Fahrzeugantriebe
Wintershall Dea (BASF), Deutschland, Öl und Gas

1) angegeben ist jeweils das Land des Börsengangs
2) Herkunftsland China; Quelle: eigene Recherche

Glossar:


Emissionsvolumen oder Platzierungs­volumen ist der Gesamtwert der Aktien, die nach dem IPO erstmals gehandelt werden. Es setzt sich zusammen aus den Anteilscheinen, die Altaktionäre abgeben, und aus den neuen Aktien aus Kapitalerhöhungen. Via Kapitalerhöhungen sammeln die Debütanten zusätzliches ­Kapital ein - den Emissionserlös.

Spin-off meint die Ausgliederung von Sparten, wie 2016 die Lichttechnik Osram bei Siemens und Bayers Chemiesparte Covestro. Die Aktien des Debütanten werden in die Depots der Aktionäre des Mutterkonzerns gebucht. Die Papiere eines deutschen Spin-offs sind für inländische Aktionäre steuerfrei. Den Wert der Aktien eines Spin-offs ausländischer Firmen wertet das Bundesfinanzministerium dagegen als Dividende. Er wird mit 25 Prozent Abgeltungsteuer plus Soli und Kirchensteuer belegt. Um Steuern zu vermeiden, sollten Anleger die Aktien eines ausländischen Unternehmens verkaufen, wenn ein Spin-off angekündigt wird.

Investor-Info

BioNtech
Eindrucksvolle Entwicklung


Biontech verfügt über eine breite Pipeline und reichlich Cash. Die Mainzer sind jetzt an der Börse mehr wert als der US-Wettbewerber Moderna, der mit Technologien auf ähnlicher Entwicklungsstufe arbeitet. Die Bewertung ist ambitioniert. Ändert sich die aktuell sehr gute Stimmung für Biotech-Aktien, etwa aufgrund der anhaltenden Preisdiskussionen in den USA, dürfte den Papieren erst mal die Luft ausgehen. Stoppkurs setzen!

Empfehlung: Beobachten
Kursziel: 35,00 Euro
Stoppkurs: 19,20 Euro

Peloton Interactive
Hoher Einsatz


Der US-Anbieter von Fitnessgeräten mit Software zur Teilnahme an Fitnesskursen platzierte 40 Millionen Aktien am oberen Ende der Preisspanne. Das brachte knapp 1,2 Milliarden Dollar ein. Für Chef John Foley hat hohes Wachstum Vorrang vor Profitabilität. Für das Geschäftsjahr bis Ende Juni erwarten Analysten gut 1,5 Milliarden Dollar Umsatz, ein Plus von 65 Prozent. Vor 2023 sind Gewinne kaum zu erwarten. Analysten empfehlen die Aktie mehrheitlich zum Kauf. Bei den gehandelten Papieren ist der Anteil der Shortseller, die auf fallende Kurs setzen, jedoch sehr hoch. Spekulativ.

Empfehlung: Kaufen
Kursziel: 33,00 Euro
Stoppkurs: 18,50 Euro

Teamviewer
Profitables Wachstum


Die erste Quartalsbilanz der Göttinger nach dem IPO war besser als erwartet. Für 2019 schätzen Analysten den Umsatz des Entwicklers von Software zur Fernwartung von Computern und für Videokonferenzen mit Abos in der Cloud auf 382 Millionen Euro, 48 Prozent mehr als im Vorjahr. Beim operativen Gewinn sollen es knapp 27 Prozent mehr sein. Hohe Cashflows erleichtern den Abbau der hohen Schulden. Aussichtsreiche MDAX-Aktie.

Empfehlung: Kaufen
Kursziel: 36,00 Euro
Stoppkurs: 22,00 Euro