Es kam, wie man es befürchtet hatte: Die Regierung unter Ministerpräsident Giuseppe Conte ist am Ende. Die Koalition aus Fünf Sterne, Sozialdemokraten, Italia Viva sowie Liberi e Uguali ist geplatzt. Italia Viva, eine der zwei kleineren Parteien in der Koalition, stellt sich quer. Deren Parteichef Matteo Renzi passt die Verteilung der Mittel aus dem "Wiederaufbaufonds" der EU nicht. Renzi wollte zusätzliche Mittel aus dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) beantragen, um das italienische Gesundheitssystem zu stützen. Das wiederum störte den Koalitionspartner Fünf Sterne, der ESM-Kredite wegen der vielen damit verbundenen Auflagen als "Kolonialinstrument" des europäischen Nordens ablehnt. Allerdings übersieht Fünf Sterne dabei offensichtlich, dass die EU-Hilfen "Wiederaufbaufonds" und "Next Generation EU" ebenfalls nicht ohne Auflagen zu haben sind - wenn auch mit weniger drastischen.

209 Milliarden Euro aus Brüssel


Hauptgrund für das Scheitern der Regierung scheint also eher ein Mix aus Profilierungssucht und parteipolitischen Ränkespielen zu sein - von allen Seiten. Immerhin: 209 Milliarden Euro kommen aus Brüssel. 85 Milliarden Euro bekommt Italien geschenkt, 124 Milliarden Euro fließen als zinsgünstige Kredite.

Viele Ökonomen sehen die EU-Finanzspritzen als letzte Chance, Italiens Dauerkrise zu überwinden. Das hoch verschuldete Mittelmeerland leidet unter einer stagnierenden Wirtschaft, deren Bruttoinlandsprodukt im Corona-Jahr voraussichtlich auf das Niveau von 1998 abgestürzt ist. Mit rund 2,5 Billionen Euro ist zudem kein EU-Mitgliedsstaat so hoch verschuldet wie Italien. Doch wie geht es nun weiter? Neuwahlen will so recht keine der Parteien. Vermutlich dürfte es daher zu einem erneuten Mitte-Links-Bündnis kommen. Das wäre insofern positiv, weil eine größere Krise damit abgewendet wäre. So scheint man es auch an den Märkten zu sehen: Größere Kursverluste bei italienischen Staatsanleihen gab es nämlich nicht.

Gelb statt Orange


Dass die Aktienkurse an der Börse Mailand ebenfalls relativ stabil sind, liegt vermutlich auch am bisher zwar strikten, aber doch pragmatischen Umgang der Behörden mit den Lockdown-Regeln. In Regionen, die als Corona-Risikogebiet "gelb" eingestuft sind, haben seit vergangener Woche tagsüber viele Restaurants, Cafés und Bars wieder geöffnet. Für die gefährdeteren "orangefarbenen" Regionen Kalabrien, Sizilien, Emilia-Romagna, Venetien und nördliche Lombardei gilt das indes nicht. So gibt es immer wieder massive Proteste gegen den Shutdown. Zuletzt auch von Schülern und Studenten, weil es nicht - wie versprochen - zur landesweiten Öffnung der Bildungsstätten kam.

Dass überhaupt partiell wieder gelockert wurde, liegt an der stark gesunkenen Zahl positiver Covid-Tests und dem Start der Impfungen. Bis Ende Januar sollen eine Million der gut 60 Millionen Italiener geimpft sein, bis April 15 Millionen. Laut Umfragen wollen sich 67 Prozent der Einwohner impfen lassen, die anderen sollen laut Politik in Rom - Stand jetzt - nicht dazu gezwungen werden.

An der Börse Mailand wird das gut aufgenommen. Im Schnitt erwarten die Analysten einen Anstieg des Leitindex MIB von 22 734 Punkten (Stand: 1. Januar) auf 27 680 Punkte im Verlauf des Jahres. Dies wäre ein Plus von fast 22 Prozent.

Zu den Favoriten der Analysten zählen etwa Pharmawerte wie Recordati sowie auch Diasorin. Der Spezialist für Mobile Payments Nexi und der Halbleiterproduzent STMicroelectronics wiederum sollten von der beschleunigten Digitalisierung profitieren - was auch vom EU-Wiederaufbauprojekt unterstützt wird.

Bei STMicrolectronics ist es vor allem die hohe Nachfrage nach Produkten aus der Autoindustrie und nach Mikrocontrollern, die für Wachstum sorgt. Nexi ist auch deswegen spannend, weil man sich mit dem Wettbewerber Sia zusammenschließen will. Sia-Mehrheitsaktionär ist der italienische Staat, der wohl die Entstehung eines international bedeutenden italienischen Champions unterstützt. Die neue Gruppe hätte rund zwei Millionen angeschlossene Händler und 120 Millionen ausgegebene Karten.

Interessant ist auch der Bereich Mode. Unternehmen wie Moncler, Prada oder Brunello Cucinelli bauen ihren Onlinevertrieb stark aus. Auch die China-Geschäfte haben sich in diesem Segment zuletzt wieder deutlich erholt.