Donald Trump hat eine Vorahnung: "Vielleicht muss ich das Land verlassen", orakelte der US-Präsident auf einer Wahlkampfveranstaltung im Bundesstaat Georgia. Zumindest seinen Wohnsitz in der Pennsylvania Avenue von Washington wird Trump wohl räumen müssen.

In den Umfragen zu der für den 3. November angesetzten Präsidentschaftswahl liegt Herausforderer Joseph "Joe" Biden von den Demokraten deutlich vorn. Der auf Wahlprognosen spezialisierte Statistiker Nate Silver sieht eine Wahrscheinlichkeit von 87 Prozent, dass vor dem Weißen Haus bald die Umzugswagen vorfahren. Auf der Basis der Umfragen in den Bundesstaaten hat Biden mit hoher Wahrscheinlichkeit 232 Wahlmänner auf seiner Seite, Trump lediglich 125. Der Herausforderer ist der für den Sieg notwendigen Schwelle von 270 also deutlich näher als der Amtsinhaber.

Börsianer drücken bei Wahlen gewöhnlich den Republikanern die Daumen, weil diese mehr Verständnis für die Wünsche von Corporate America haben. Nach Trumps Amtsantritt kürzten die Republikaner den Spitzensteuersatz für Unternehmen von 35 auf 21 Prozent. Die Gewinne der Mitglieder des Aktienindex S & P 500 schossen daraufhin 2018 um knapp 23 Prozent nach oben, doppelt so stark wie im Vorjahr.

Die Demokraten wollen die Steuersenkungen zumindest teilweise zurückdrehen. Biden stellt einen Spitzensatz von 28 Prozent in Aussicht. Analysten kalkulieren, dass die Unternehmensgewinne im S & P 500 in diesem Fall um neun Prozent schrumpfen. Die meisten US-Aktien würden also schlagartig teurer und damit unattraktiver. Das ist aber nur ein Teil der Gesamtrechnung.

Prozent-Rechnung

Die Investmentbank Goldman Sachs rechnet vor, dass die Politik eines Präsidenten Biden mit Unterstützung einer demokratischen Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses unter dem Strich sogar einen "bescheiden positiven" Einfluss auf die Entwicklung der Unternehmensgewinne haben könnte.

Zum einen würden die Demokraten angesichts der schlechten Wirtschaftslage Steuererhöhungen erst ab dem Jahr 2022 starten und den Spitzensatz dann lediglich auf 25 Prozent aufstocken. Die Gewinne im S & P 500 würden somit nur um fünf Prozentpunkte gedrückt.

Außerdem werden der höheren Steuerlast wahrscheinlich positive Effekte staatlicher Investitionsprogramme entgegenstehen. Sehr schnell würde ein von den Demokraten kontrollierter Kongress ein Konjunkturpaket verabschieden. Zusammen mit weiteren Maßnahmen, etwa Investitionen in die Infrastruktur, könnten die Demokraten über mehrere Jahre verteilt etwa sieben Billionen Dollar in die Wirtschaft pumpen, kalkuliert Goldman Sachs. Auch eine Entspannung im Handelsstreit mit China würde vielen Unternehmen helfen.

Mittelfristig dürften ohnehin andere Themen die Richtung der Aktienmärkte bestimmen - vor allem der Kampf gegen die Corona-Krise, die Bewältigung der wirtschaftlichen Schäden der Pandemie und die Zinspolitik der Notenbank. Wirklich gefährlich für die Aktienmärkte dürfte nur ein Szenario sein: eine Wahl ohne klaren Sieger.

Allein durch die diesmal ungewöhnlich hohe Anzahl der Briefwähler könnte sich die Auszählung über mehrere Tage strecken, das Ergebnis in etlichen Staaten kippen und Verschwörungs-Theorien befeuern. Einen Vorgeschmack auf die Reaktion der Aktienmärkte gibt der November des Jahres 2000, als das Rennen zwischen George W. Bush und Al Gore über mehrere Wochen in der Schwebe hing, weil es in Florida Probleme bei der Auszählung gab. Damals verlor der S & P 500 bis Dezember fast elf Prozent. Allein die Tatsache, dass es am Abend des 3. November eine klare Tendenz gibt, würde von den Aktienmärkten darum wohl als gute Nachricht aufgenommen. Welche Auswirkungen also würde ein Biden-Sieg auf die Aktienkurse wichtiger Branchen haben? Hier ein Überblick.

Energie

Für den Energiesektor bedeutet eine Präsidentschaft von Joe Biden eine echte Kehrtwende. Im Gegensatz zu Trump will er, dass die USA ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten, so wie es im Pariser Abkommen festgelegt ist. "Joe Bidens Präsidentschaft wird sich extrem positiv auf den Ausbau einer grünen Infrastruktur auswirken, insbesondere, wenn die Demokraten auch den Kongress gewinnen", sagt Randeep Somel, Aktienfondsmanager bei M & G Investments. Bidens New Green Deal sieht Ausgaben von zwei Billionen Dollar über vier Jahre vor, um die US-Stromversorgung bis 2035 CO2-neutral zu machen und bis 2050 die Klimaneutralität des Landes zu erreichen. Das wird massive Investitionen in regenerative Energieerzeugung und Atomkraft nach sich ziehen. Vier Millionen Geschäftsgebäude und zwei Millionen Privathäuser sollen energetisch saniert werden - bei der teilweise lächerlichen Energieeffizienz amerikanischer Haushalte ein Feld, in dem sich viel CO2 einsparen lässt. Zudem sieht der Plan vor, 1,5 Millionen nachhaltige Häuser zu bauen und Städte über 100.000 Einwohnern in zehn Jahren mit einem öffentlichen Nahverkehrssystem auszustatten.

Im Gegenzug schaut die US-Öl- und -Gasindustrie in die Röhre. Auch wenn eine Regierung Biden sich vielleicht nicht direkt gegen die fossile Energiebranche stellen wird - Bidens Heimatstaat Pennsylvania ist Standort vieler Ölfelder -, reichen schon die aus dem Pariser Klimaabkommen abgeleiteten Verpflichtungen, um so manche Quelle unrentabel werden zu lassen. Analysten verweisen zudem darauf, dass Biden eher kein Unterstützer des OPEC-Plus-Deals sein wird, der die Ölpreise stabilisieren soll. Stattdessen könnte er das Atomabkommen mit Iran wiederbeleben, mit der Folge, dass Iran wieder Öl exportieren dürfte. Beides würde den Ölpreis belasten.

Gesundheit

Das amerikanische Gesundheitssystem ist kompliziert und extrem teuer. Während Bürger mit guter Krankenversicherung (in der Regel über den Arbeitgeber) Zugang zu den besten und neuesten Behandlungen erhalten, können sich viele Millionen Amerikaner nur ein Minimum an Gesundheitsversorgung leisten, weil sie keinen Versicherungsschutz haben. Für Medikamente gibt es kaum Preisgrenzen, der US-Markt ist daher für die Pharmaindustrie der lukrativste der Welt. Die Betonung von Eigenverantwortung und weitgehend marktwirtschaftlicher Organisation gehört ein Stück weit zur DNA der Amerikaner, besonders der Republikaner.

Während einerseits der Unmut in der Bevölkerung über die Kosten wächst, will daher insbesondere die republikanische Parteielite unbedingt Regulierung vermeiden. Die Konsequenz dieser Interessensunterschiede: Es ist sehr schwer, etwas am amerikanischen Gesundheitssystem zu verändern. Nur unter größten Anstrengungen hat Barack Obama seine Gesundheitsreform durchsetzen können. Trump ist es weder gelungen, Obamacare abzuschaffen, noch haben seine Versuche, die Medikamentenpreise zu senken, durchschlagenden Erfolg. Insofern sehen Analysten einem Wahlsieg Bidens entspannt entgegen.

Obwohl er sich für Preisregulierung und eine Erweiterung von Obamacare einsetzt, glauben die Experten allenfalls an moderate Auswirkungen auf die Aktienkurse im Sektor, erst recht, wenn die Republikaner sich im Kongress behaupten. "Die zunehmende Spaltung zwischen den Parteien und die Komplexität des Themas sind große Hürden für Gesetzesinitiativen, die einen spürbaren Einfluss auf die Biopharma-Branche hätten", sagt Brian Abrahams, Analyst bei RBC Capital Markets.

Das wahrscheinlichste Szenario ist deshalb, dass Gesundheitstitel im Umfeld des Wahltermins aufgrund der Unsicherheit vorübergehend unter Druck geraten. Danach werden mit den erwarteten Fortschritten in der Covid-Impfstoff- und -Medikamentenentwicklung wieder fundamentale Themen im Vordergrund stehen.

Technologie

Die großen US-Techkonzerne sind die klaren Gewinner der Aktienmarktrally. Seit Trumps Amtsantritt im Januar 2017 haben die fünf dominierenden Unternehmen Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet und Facebook ihren Wert mehr als verdreifacht. Das hat viele Gründe, einer davon sind Steuergeschenke der Regierung. Allein schon aufgrund ihrer außergewöhnlich hohen Profitabilität haben die Top-Performer viel zu verlieren, wenn eine Biden-Regierung die Abgaben erhöht.

Auch der regulatorische Druck auf Big Tech nimmt zu. Der Wahlkampf liefert viele neue Beispiele, wie Facebook, Twitter und die Alphabet-Tochter Youtube als Propagandaplattformen für Extremisten dienen. Das Justizministerium hat ein Kartellverfahren gegen die Alphabet-Tochter Google eingeleitet. Die Marktmacht der Riesen wird auch im Lager der Demokraten kritisch gesehen: "Sollten die Demokraten Senat und Repräsentantenhaus für sich gewinnen, steigt das Risiko neuer Kartellgesetze, die es einfacher machen könnten, gegen diese Unternehmen vorzugehen", kalkuliert die Investmentbank JP Morgan. Eine Aufspaltung könnte sich aus Sicht der Aktionäre letztlich aber positiv auswirken. Das Analysehaus Needham schätzte unlängst, dass Alphabet in seine Einzelteile zerlegt 20 bis 30 Prozent mehr wert sei als in der aktuellen Konglomeratsstruktur.

Der Techsektor dürfte auch von staatlichen Investitionen profitieren, etwa für den Aufbau des 5G-Netzes. Eine Wende in der Einwanderungspolitik würde Silicon Valley helfen, ausländische Talente anzuwerben. Die Corona-Krise wiederum sollte auch längerfristig das Geschäft vieler Techfirmen ankurbeln. Gegenwind aus Washington muss also den Aktienkursen der Riesen nicht unbedingt schaden. Die Analysten von RBC Capital sehen einen Sieg der Demokraten für die Techs als ein nur leicht negatives Ereignis.

Zykliker

Als Donald Trump nach seinem Wahlsieg 2016 vor die TV-Kameras trat, kündigte er große Investitionen an: Man werde die Innenstädte reparieren, die Highways, Brücken, Tunnel, Flughäfen und Krankenhäuser sanieren. Passiert ist wenig. Den Republikanern waren Steuersenkungen wichtiger. Keine unterschriebenen Gesetze, hakt JP Morgan in einer Analyse der Trump-Bilanz den Bereich Infrastruktur schnell ab.

Bei den Demokraten hat das Thema einen höheren Stellenwert. Zwei Billionen Dollar will Biden in Infrastrukturprojekte stecken. Das Wahlprogramm des Herausforderers erinnert an Trumps damalige Versprechen: Von bröckelnden Straßen und Brücken ist die Rede. Einen klaren Schwerpunkt aber setzt Biden auch bei umweltfreundlichen Projekten, etwa dem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs oder dem Aufbau von Ladestationen für Elektroautos. Sollten die Republikaner ihre Mehrheit im Senat verteidigen, würden Investitionsprojekte wohl am ehesten eine die Parteigrenzen übergreifende Mehrheit finden. "Die Verabschiedung eines Infrastrukturgesetzes im Jahr 2021 wird für beide Parteien hohe Priorität haben", kalkuliert die Fondsgesellschaft Franklin Templeton.

Neben der Baubranche dürften dabei auch andere Bereiche profitieren. Die Analysten von Bloomberg Intelligence sehen auch Telekomkonzerne, Techs und Stromnetzbetreiber als potenzielle Gewinner einer Infrastruktur-Offensive. Große Förderprogramme hätten zudem einen breiteren Effekt auf die Wirtschaft. Verstärkt könnte diese Dynamik durch einen Corona-Impfstoff werden. Goldman Sachs erwartet, dass die US-Gesundheitsbehörde mindestens einen Impfstoff noch in diesem Jahr zulässt. Das würde vor allem ein generell gutes Umfeld für zyklische Branchen schaffen.

Waffen & Drogen

Eine Pandemie, Krawalle in US-Großstädten, verstörende Verschwörungstheorien - für Hersteller von Schusswaffen ist das ein perfektes Umfeld. Der Umsatz von Smith & Wesson hat sich im vergangenen Quartal mehr als verdoppelt. Für die Ballerbranche steht bei der Präsidentschaftswahl viel auf dem Spiel: Trump hat der Waffenlobby seine Unterstützung zugesichert. Biden will strenge Regulierungen, darunter Verbote von Angriffswaffen. Ein Wahlsieg der Demokraten wäre für Aktionäre der Waffenhersteller darum das beste Szenario. Dann nämlich würden Waffennarren in Erwartung schärferer Gesetze aufrüsten. Trump steht dagegen für Entwarnung. Am Tag nach seinem Sieg vor vier Jahren brach die Aktie von Smith & Wesson um 15 Prozent ein.

Mit Aufregung verfolgen auch Aktionäre einer andere Randbranche die Wahl: Bidens Vize-Kandidatin Kamala Harris bekräftigte, dass man Marihuana entkriminalisieren wolle. Das Analysehaus Cantor Fitzgerald sieht "signifikantes" Aufwärtspotenzial für den Sektor, falls die Demokraten neben dem Weißen Haus in beiden Kammern die Mehrheit erobern. Details sind aber noch sehr nebulös, die Aktien aus diesem Bereich extrem riskant.
 


INVESTOR-INFO

Energie

Billionen für die Infrastruktur

Ein riesiges Konjunkturpaket soll helfen, die marode US-Infrastruktur zu sanieren. Der Fokus liegt dabei auf der Reduktion der CO2- Emissionen. Der Fonds BNP Paribas Energy Transition setzt weltweit auf Gewinner der Energiewende - und das höchst erfolgreich. Enphase Energy liefert intelligente Softwaregesteuerte Hausenergiesysteme. First Solar ist ein führender US-Photovoltaikanbieter.

Gesundheit

Vorübergehendes Geplänkel

Die Regulierungsangst dürfte bald der Einsicht weichen, dass sich so schnell und so tiefgreifend nichts ändern wird. Laborzulieferer wie Thermo Fisher profitieren davon, dass eine Regierung Biden wahrscheinlich die Forschungsförderung erhöhen wird. Fundamental kann Pharmariese Pfizer punkten, nicht zuletzt mit einem Covid-Impfstoff. Der RIM Global Bioscience Fonds setzt auf innovative mittelgroße und kleine Healthcare-Firmen.

Technologie

Auswahl wird wichtiger

Für die großen Techs könnte das Leben unter Biden schwerer werden. Gegen regulatorische Eingriffe am besten abgesichert unter Big Tech sollte Microsoft sein. Mobilfunkchipentwickler Qualcomm verfügt über ein starkes 5G-Portfolio und sollte darum von Investitionen in die Infrastruktur profitieren. Der Aktienfonds Vontobel Clean Technology setzt auf Techs, die Lösungen etwa für sauberes Wasser und Energie anbieten. 45 Prozent waren zuletzt in US-Aktien investiert, Top-Positionen sind Synopsys und Nvidia.

Name ISIN Kursentw. 1
Microsoft US5949181045 57,2 %
Qualcomm US7475251036 68,9 %
Vont. Clean Tech LU0384405949 24,6 %

Stand: 21.10.20; 1 letzte zwölf Monate; Quelle: Bloomberg

Zykliker

Aufschwung-Spezialisten

In den ersten zwölf Monaten nach Trumps Wahlsieg stieg die Aktie des Baumaschinenherstellers Caterpillar fast dreimal so stark wie der S & P 500. Jetzt könnte die Rally von den Demokraten und der Aussicht auf einen Bauboom unter Biden angeheizt werden. Von einer durch staatliche Investitionen angetriebenen Wirtschaftserholung würden auch andere Zykliker wie der Industriekonzern Honeywell profitieren. Eine Beschleunigung der US-Wirtschaft und steigende Inflationserwartungen müssten Value-Aktien befeuern, die oft aus zyklischen Branchen kommen.

Name ISIN Kursentw. ¹
Caterpillar US1491231015 31,8 %
Honeywell US4385161066 5,8 %
iShares US Value IE00BD1F4M44 -4,2 %

Stand: 21.10.20; 1 letzte zwölf Monate; Quelle: Bloomberg

Waffen & Drogen

Wo es knallt

Hersteller von Schusswaffen haben in den USA Hochkonjunktur. Analysten erwarten, dass sich der operative Gewinn von Smith & Wesson im laufenden Geschäftsjahr verdoppelt, danach aber wieder normalisiert. Die Aktie ist auch aufgrund der deutlich gestiegenen Kurse ein kurzfristiger Zock. Extrem volatil sind Aktien von Cannabis-Herstellern. In dieser jungen Branche wird meist Geld verbrannt, das regulatorische Umfeld ist schwierig. Zu den prominenten Firmen gehört Canopy Growth, ein Hersteller von medizinischem Marihuana aus Kanada.

Name ISIN Kursentw. ¹
Smith & Wesson US8317541063 +220,5 %
Canopy Growth CA1380351009 -1,13 %

Stand: 21.10.20; 1 letzte zwölf Monate; Quelle: Bloomberg

Biden-Zertifikat

25 Gewinner im Paket

Der Vermögensverwalter Vontobel hat einen Basket mit 25 Aktien erstellt, die von einem Wahlsieg Joe Bidens profitieren sollten. Enthalten sind Versorger wie Nextera, Rohstoffwerte wie Vulcan Materials, Konsumgüterhersteller wie Colgate-Palmolive, Industrietitel wie Honeywell, der Gesundheitssektor u. a. durch Thermo Fischer. Bis zum 2. November können Anleger ein Zertifikat auf den Basket zeichnen (ISIN: DE 000 VP8 0JB 0). Emittiert wird das Produkt drei Tage später, aber nur wenn Biden die Präsidentschaftswahl gewonnen hat. Das Zertifikat läuft ein Jahr.