Die Commerzbank will beweisen, dass sie ohne Unicredit besser aufgestellt ist als nach einer möglichen Übernahme. Die heutigen Zahlen zeigen: Bankchefin Bettina Orlopp kann das schaffen. Doch dafür geht sie jetzt volles Risiko.

Ein Anstieg des operativen Ergebnisses um knapp elf Prozent auf 1,358 Milliarden Euro, gegenüber 1,227 Milliarden Euro im Vorjahresquartal, der Gewinn je Aktie steigt um 15 Prozent auf 0,84 Euro. Das macht eine Nettoeigenkapitalrendite von 12,7 Prozent. So rentabel war die Commerzbank schon sehr lange nicht mehr.

Ist das dieselbe Bank, der Unicredit-Chef Andrea Orcel eine „ unterdurchschnittliche operative Leistung“ attestiert? Die Summe von 7.000 Arbeitsplätzen steht im Raum, die Unicredit in Deutschland abbauen werde, wenn die Übernahme gelingt.

Commerzbank kündigt weiteren Jobabbau an

Tatsächlich zwingt der Übernahmekampf Bankchefin Bettina Orlopp dazu, selbst harte Maßnahmen zu ergreifen. Mit den Zahlen am Freitag stellte sie neue Finanzziele vor. Dazu gehören auch sinkende Kosten – was einen weiteren Jobabbau bedeutet. 3.000 Mitarbeiter wird Orlopp bis 2030 zusätzlich abbauen. Zusammen mit den 3.900, die schon im vergangenen Jahr angekündigt wurden. Bei der Commerzbank handelt es sich allerdings um einen Brutto-Stellenabbau, während Unicredit die Stellen netto und schon deutlich früher abbauen will.

Die neuen Finazziele

In der neuen, überarbeiteten Strategie „Momentum 2023“ setzt sich der Commerzbank-Vorstand nun höhere, ambitioniertere Ziele:

- Das Nettoergebnis soll schon im Jahr 2026 auf 3,4 Milliarden Euro steigen, bei einer Cost-Income-Ratio von 53 Prozent. Im abgelaufene Jahr 2025 hatte die Commerzbank mit gut 2,6 Milliarden Euro unter dem Strich ihren Rekordgewinn von 2024, damals knapp 2,7 Milliarden Euro, nur leicht verfehlt.

- Die Erwartungen bis 2028 wurden ebenfalls angehoben: Bis 2028 soll das Ergebnis auf 4,6 Milliarden steigen, 2030 will die Bank dann schon 5,9 Milliarden Euro erreichen.

- Neues Ziel für 2030 sind eine Nettoeigenkapitalrendite von 21 Prozent (gegenüber 12,7 Prozent im Q1) und ein Cost-Income-Ratio von nur noch 43 Prozent. Das hieße, dass die Commerzbank von jedem Euro 57 Cent als Gewinn behalten kann – das hat selbst die Deutsche Bank in ihren profitabelsten Jahren nie geschafft.

Zum Verglech: Unicredit verdient allein im ersten Quartal 3,2 Milliarden Euro. Die Italiener sind aber auch deutlich größer als ihr Frankfurter Übernahmeobjekt.

100 Prozent Gewinnausschüttung

Der wohl auffälligste Punkt ist aber die neue Ausschüttungspolitik: Orlopp und ihr Vorstand setzen sich das Ziel, spätestens ab 2030 hundert Prozent, also den kompletten Gewinn, an die Aktionäre auszuschütten. Trotzdem soll die Bank eine Kernkapitalquote von 13,5 Prozent behalten. Wie das gelingen soll und wo dann ein Puffer für schlechte Zeiten herkommen soll? Unklar.

Das Geschäftsmodell der Commerzbank wird riskanter

Keine Frage: Die neuen Ziele sind beeindruckend. Doch die Commerzbank-Chefin geht damit auch „all-in“. Indem sie die Ausschüttungen erhöht, schneidet sie viele Puffer weg. Sollte im 180 Milliarden Euro großen Kreditbuch der Bank mal etwas schiefgehen – etwa wenn die Wirtschaft in Deutschland vollends einbricht –, wäre dann nicht mehr viel Verschiebemasse da. Die Commerzbank sieht das anders: Die Kernkapitalquote 1 (CET1) liege jetzt schon bei 14,5 Prozent, regulatorsich müsse die Bank eigentlich nur 10,3 Prozent vorhalten. Das zeige, dass die Bank erhebliche Kapitalpuffer aufgebaut habe. „Das wollen wir jetzt Schritt für Schritt an unsere Eigentümer zurückgeben“, sagt ein Sprecher. Trotzdem solle der Wert selbst unter der neuen Ausschüttungspolitk nicht unter 13,5 Prozent sinken.

Die angekündigte Senkung der Cost-Income-Ratio wird andererseits nur funktionieren, wenn Orlopp das Filialnetz noch weiter ausdünnt – zu Lasten der Privatkunden.

Das heißt: Weitere Sparmaßnahmen gibt es so oder so – und das Geschäftsmodell der Commerzbank wird an vielen Stellen riskanter; das genaue Gegenteil von dem, was Unicredit-Chef Orcel verspricht. Welchen Weg sie lieber einschlagen wollen, müssen nun die Commerzbank-Aktionäre entscheiden.

Die Commerzbank-Aktie startete nach den Zahlen am Freitag bei Tradegate mit kleinen Gewinnen bei 36,61 Euro in den vorbörslichen Handel (+0,5 Prozent, Stand 8:10 Uhr)).

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Commerzbank (WKN: CBK100)

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