Johnson sprach von einer "historischen Wahl" und betonte: "Wir werden den Brexit pünktlich am 31. Januar vollenden - keine Wenns, keine Abers und keine Vielleichts!" Die EU-Spitzen forderten Johnson auf, beim Brexit nun schnell für Klarheit zu sorgen. Ein anschließendes bilaterales Handelsabkommen werde es allerdings nicht um jeden Preis geben.

Die oppositionelle Labour-Partei und ihr Spitzenkandidat Jeremy Corbyn kommen voraussichtlich nur auf 203 Sitze. Sie fuhren damit ihr schlechtestes Ergebnis seit 1935 ein. Corbyn kündigte seinen Rückzug an. Er werde seine Partei nicht mehr in eine Wahl führen. Einen Erfolg verbuchen konnten die schottischen Nationalisten, die für einen Verbleib in der EU eintreten. Ihre SNP errang 48 der insgesamt 59 verfügbaren Sitze. Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon forderte umgehend ein neues Unabhängigkeits-Referendum. "Boris Johnson mag ein Mandat haben, England aus der EU zu führen", sagte sie zu Sky News. "Er hat aber ausdrücklich kein Mandat, Schottland aus der EU zu führen. Schottland muss über sein Schicksal selbst bestimmen."

"EXTREM KURZ"


Johnson muss nun dafür sorgen, dass das neu gewählte Unterhaus dem von ihm mit der EU ausgehandelten Austrittsabkommen zustimmt. Angesichts der neuen Mehrheiten dürfte dies aber kein Problem sein. Wenn dann auch das Europäische Parlament zustimmt, wovon allgemein ausgegangen wird, kann das Vereinigte Königreich die EU am 31. Januar in einem geregelten Verfahren verlassen. Danach beginnt eine Übergangszeit bis Ende 2020, in der der Vertrag zu den künftigen Beziehungen des Landes zur EU ausgehandelt werden soll.

Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet schwierige Gespräche. "Unser größter Knackpunkt wird sein, dass wir diese Verhandlungen sehr schnell machen müssen, weil wir bereits am Ende kommenden Jahres fertig sein müssen", sagte Merkel in Brüssel nach Abschluss des EU-Gipfels. Sie erwarte nicht, dass Johnson Mitte 2020 eine Verlängerung der Übergangsphase bis Ende 2022 beantragen werde. Es gebe aber eine Vielzahl an Themen zu klären, von Handel über Fischerei bis zu Cybersicherheit. Die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte, Ziel der EU seien "null Zölle, null Quoten und null Dumping". Die Zeit für die Verhandlungen sei allerdings "extrem kurz". EU-Ratspräsident Charles Michel sagte, man werde ein Abkommen nicht um jeden Preis abschließen. Bedingung sei Ausgewogenheit.

Bei den Verhandlungen ist Johnson mit seiner neuen klaren Mehrheit im Parlament nicht mehr so stark auf die Brexit-Hardliner angewiesen und könnte leichter auf Kompromisse eingehen. Der Chef der Brexit-Partei, Nigel Farage, zeigte sich jedenfalls enttäuscht über den Wahlausgang. Der Einfluss der Brexit-Hardliner gehe zurück. "Es wird Brexit heißen, aber eigentlich keiner sein", sagte er.

Farrages Brexit-Partei ging bei der Wahl leer aus und gewann kein Mandat. Die Liberaldemokraten, die sich deutlich gegen den Brexit aussprachen, kamen auf 11 Mandate. Parteichefin Jo Swinson verlor ihren Sitz in Schottland und trat umgehend zurück. In Nordirland erhielten die Nationalisten erstmals seit der Abspaltung von Irland 1921 mehr Stimmen als die pro-britischen Unionisten. Die führende Nationalistenpartei Sinn Fein verteidigte ihre sieben Sitze, die pro-irische SDLP gewann zwei Mandate. Zusammen liegen sie damit vor der DUP, die zwei Sitze verlor und nun auf acht Mandate kommt.

"DER POLITISCHE NEBEL LICHTET SICH"


US-Präsident Donald Trump gratulierte Johnson per Twitter und erklärte, beide Länder seien nun frei, um ein "massives neues Handelsabkommen" nach dem Brexit abzuschließen. Dieses könne deutlich umfassender ausfallen als ein Deal mit der EU, schrieb Trump.

Die deutsche Wirtschaft mahnte eine rasche Regelung der künftigen Handelsbeziehungen an: "Jetzt müssen die EU und Großbritannien mit Hochdruck an einem Freihandelsabkommen arbeiten und bis zum Ende des Jahres zum Abschluss zu bringen", erklärte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Thilo Brodtmann. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) erklärte: "Der politische Nebel in London lichtet sich." Hauptgeschäftsführer Joachim Lang betonte: "Mit dem Wahlausgang ist der Auftrag verbunden, das Austrittsabkommen jetzt rasch anzunehmen." Der Verband der Automobilindustrie mahnte: "Aus Sicht der Automobilindustrie sollte das Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU so eng wie möglich bleiben."

Erleichtert gaben sich die Finanzmärkte nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses. Das britische Pfund stieg zeitweise auf ein Eineinhalb-Jahres-Hoch von 1,3514 Dollar. Zum Euro markierte sie mit 1,2079 zwischenzeitlich sogar den höchsten Stand seit dreieinhalb Jahren. "Dieses Ergebnis gibt den Märkten, was sie sich wünschen: Klarheit", sagte Volkswirt Dean Turner von dem Vermögensverwalter UBS Wealth Management.

rtr