Dass KI-Modelle das Zeug dazu haben, ganze Berufszweige abzuschaffen, ist unbestritten. Aber kann KI auch komplexe Konstrukte wie eine Unternehmenssoftware ersetzen? Investoren fürchten genau das - und verkaufen derzeit die SAP-Aktie. Zu früh?

„Disruption“ heißt der Begriff, den Experten benutzen, wenn sie den Niedergang etablierter Geschäftsmodelle durch neue Technologien beschreiben. Das passierte in der Wirtschaftsgeschichte immer wieder: Das Auto ersetzte die Kutsche, die E-Mail den Brief, das Smartphone die Kameras.

Doch die größte Disruption geht nun womöglich von der Künstlichen Intelligenz (KI) aus – und es trifft allen voran die Softwarewelt.

Dank ChatGPT & Co. finden nicht nur gelernte Programmierer schneller Schwachstellen in ihrem eigenen Code, die KI-Modelle ermöglichen es sogar Laien, ohne jegliche Programmierkenntnisse binnen Minuten fertige Programme zu schreiben, die mit etablierten Software-Anbietern in Konkurrenz treten.


Adobe bekam die KI-Disruption schon zu spüren

Oder das KI-Model erledigt den Job gleich komplett selbst, wie etwa bei der Bildbearbeitung. Die These, dass ein Profi-Programm wie Photoshop in der neuen KI-Welt kaum noch gebraucht würde, setzt der Adobe-Aktie seit Monaten zu. Ihr Kur fällt seit Monaten nahezu ungebremst und hat sich seit dem Allzeithoch im Februar 2024 mehr als halbiert. Auch 2026 ist der Kurs in den ersten zweieinhalb Handelswochen schon wieder um 13 Prozent gefallen.

Sorgen um SAP

Jetzt erwischt es ein weiteres Flaggschiff: Den deutschen Softwareriesen SAP. Könnte auch dessen Produkt-Universum einfach per KI ausgehebelt werden? „Nein“, sagen bisher Anwender, die in internen Pilotprojekten immer wieder mit falschen Zahlen und Rechenfehlern konfrontiert werden, wenn sie der KI etwas umfangreichere Analyseaufgaben geben.

„Ja“ sagen KI-Unternehmen wie Anthropic. Der Erfinder des KI-Modells „Claude“ arbeitet seit dem Herbst 2025 eng mit IBM zusammen, „um die Entwicklung von Unternehmenssoftware mit bewährter Sicherheit und Governance voranzutreiben“, wie es in einer Pressemitteilung heißtGerüchten zufolge sind die beiden Partner schon sehr weit. Aber wird ihre KI-Lösung im Praxistest standhalten?


Die große Unbekannte: Oracle

Gespannt richten sich die Blicke auch auf Oracle, das mittlerweile auch im Rennen um die größten und leistungsfähigsten KI-Rechenzentren mitspielt. Wäre der Datenbank-Pionier und ERP-Anbieter, der sich seit Jahrzehnten auf diesem Gebiet mit SAP ein hartes Duell um die Kunden liefert, duelliert, nicht prädestiniert dafür, das perfekte, KI-basierte Unternehmenssoftware-System auf die Beine zu stellen? Genau das dürfte der Grund sein, warum Oracle-Gründer Larry Ellison rieisge Schulden aufgenomen hat und quasi sein ganzes Unternehmen riskiert, um im KI-Rennen mitzumischen.

SAP (WKN: 879535)

Pro und Contra SAP

Zwischen diesen beiden Extremen wir aktuell die SAP-Aktie zerrieben. Denn die Walldorfer haben auf den ersten Blick zu wenig KI im Angebot. Doch das täuscht, sagt eine Studie von Bloomberg Intelligence. 

Zum einen verfügt SAP über ein wachsendes Cloud-Geschäft, was die Voraussetzung für KI-Anwendungen ist. Zweitens haben die Walldorfer ihr System bereits mit einer KI-Erweiterung namens „Joule“ ausgerüstte, einem agentenbasierten KI-Tool , das den Anwendern beim gezielten Auffinden, Zusammenstellen und Aufbereiten relevanten Informationen aus dem SAP-System hilft. Kritiker bemängeln zwar, dass sich Joule mit Schnittstellen und Workflows außerhalb des SAP-Systems schwertut. Ersten Studien zufolge schafft es Joule jedoch, komplexe, kontextsensitive Aufgaben wie die Optimierung der Lieferkette um bis zu 75 Prozent schneller zu automatisieren. Auch die Gefahr zu Halluzinationen, also erfundenen Daten oder Zusammenhängen, wie sie immer noch bei sogenannten generischen Large Language Modellen (LLM) auftreten, bestehe innerhalb der SAP-Welt nicht.

Hinzu kommt die installierte Basis an SAP-Systemen, die eine immense Markteintrittsbarriere darstellt. Denn Unternehmen, die es sich einmal angetan haben, zum Teil über Jahre hinweg eine SAP-Softwsare zu implementieren, werden dieses Risiko nicht noch einmal eingehen. Weil diese Firmen die Software im Laufe der Jahre in ihrer gesamten Organisation integriert hätten, sei es sehr schwierig, sie zu entfernen und zu ersetzen, schreiben die Analysten von Bloomberg Intelligence. „Es ist unwahrscheinlich, dass globale Finanzvorstände ein regulatorisches Risiko eingehen und ihre seit über 40 Jahren eingesetzte primäre Berichtssoftware aufgeben.“ Ähnliches gelte für den Softwareanbieter Workday, „da über 65 Prozent der Fortune-500-Unternehmen das System zur Verwaltung ihrer Mitarbeiter nutzen.“


Fazit für Anleger

Für Anleger heißt das: Anders als Adobe bei Video- oder Bildbearbeitungssoftware wird SAP noch sehr lange in der Unternehmenslandschaft verankert bleiben, weil die Risiken und Kosten eines Systemwechsels einfach zu hoch sind. Zudem garantiert ein integriertes ERP-System eine Datensicherheit, die KI-Modelle noch auf absehbare Zeit nicht bieten können. Und SAP arbeitet selbst daran, mit neuen KI-Funktionen die Fähigkeiten seiner Software zu erweitern.

Der jüngste Kursrutsch könnte deshalb eine Gelegenheit bieten, die Aktie noch einmal günstiger zu bekommen. Da aber noch nicht klar ist, ob die Korrektur schon abgeschlossen ist, sollten Investoren zunächst eine Bodenbildung im Chart abwarten. Immerhin notiert der Kurs mittlerweile bei 191 Euro und damit schon 44 Euro oder fast 20 Prozent unter der 200-Tage-Linie, die bei 235 Euro verläuft. Ein Kaufsignal ist das definitiv nicht.

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