Echte Volkswagen baut der VW-Konzern schon lange nicht mehr – zumindest, wenn man auf den Preis schaut. Doch die Schuld dafür allein beim Management zu suchen, wäre zu einfach, schreibt Markus Voss in seinem Kommentar.
Zwei verschiedene Meldungen, die ich innerhalb von nicht einmal 24 Stunden zu VW gelesen habe. Am Mittwoch veröffentlicht ein großes deutsches Nachrichtenportal einen Bericht zum neuen, elektrischen VW Polo, der jetzt ID. Polo heißt. Er kostet in der Einstiegsversion ungefähr 25.000 Euro.
Darunter finden sich Kommentare wie dieser: „25.000 Euro für einen Kleinwagen, gebaut bei Volkswagen. Passt alles nicht mehr zusammen.“ Ein anderer schreibt: „Die Chinesen verkaufen solch langweilige und uninspirierte Autos für die Hälfte der Kosten. Es ist eine Unverschämtheit der deutschen Hersteller, ihre deutschen Kunden so abzuzocken.“ Ein Dritter stimmt ihm zu: „Da verkauft VW in China ein E-Modell Jetta für 10 000 Euro. Hier wird ein kleineres Modell für mindestens 20.000 Euro angeboten. Merkwürdig, oder?“
Man kann nicht beides haben
Dann kommen am Donnerstagmorgen die Quartalszahlen von VW. Der Gewinn nach Steuern ist um 28 Prozent gefallen, die Marge mit 3,3 Prozent tief im Keller. Wenig Aussicht auf baldige Besserung.
Warum gehören die beiden Meldungen zusammen? Weil VW offenbar noch nicht mal mit Preisen, die Kunden als „Abzocke“ empfinden, stabile Gewinne erwirtschaften kann. Denn man kann nicht beides haben: Gut bezahlte Arbeitsplätze und ein engmaschig abgepuffertes Sozialsystem, dazu ein Stromnetz, das stark auf erneuerbaren Energien basiert, damit die Luft bei uns besser ist als in China, Tankrabatte und, und, und. Und gleichzeitig günstig hergestellte Industrieprodukte – wie zum Beispiel ein Auto.
Viele VW-Mitarbeiter sind nach den Maßstäben der SPD „reich“
Jahrelang hat die IG Metall dafür gesorgt, dass Mitarbeiter bei VW zu den bestbezahlten in ganz Deutschland gehören. Während die Arbeiter rund um die Montage laut Tarif im Schnitt 3.900 bis rund 4.300 Euro brutto im Monat verdienen – zuzüglich Schicht- und Nachtzulagen – sollen Büromitarbeiter in der mittleren Managementebene nach Angaben im Karriereportal Glassdoor im Durchschnitt mit 82.600 Euro im Jahr nach Hause gehen. Mit Boni dürfte dieser Wert in den vergangenen Jahren eher über 90.000 Euro gelegen haben. Zur Erinnerung: Ab einem zu versteuernden Einkommen von 69.879 Euro greift in Deutschland der Spitzensteuersatz. Im Vokabular der SPD – deren Chef Lars Klingbeil als Niedersachse ja regelmäßig für die VW-Standorte kämpft – würde man diese VW-Beschäftigten also als „Reiche“ titulieren.
Deshalb sind 10.000 Euro für den China-Jetta möglich
In China, wo ein elektrisches Einstiegs-SUV unter der Marke Jetta tatsächlich um die 10.000 Euro kosten wird, gibt es das alles nicht. Der Strom kommt in den Industrieregionen noch überwiegend aus Kohle und Atomkraftwerken, die sozialen Standards für die Mitarbeiter sind, sagen wir: luftig. Von Mindestlohn oder Arbeitszeitgesetzen keine Rede.
Man kann nicht beides haben: Gut bezahlte Arbeitsplätze, Stromumlagen für die Erneuerbaren Energien, immer weiteres Geld für die Sozialsysteme – und günstige Autos. Wer durch die Vororte Wolfsburgs, Braunschweigs und Umgebung fährt, sieht, wofür sich die Beschäftigten bei VW bisher entschieden haben. Man kann dort bisher von einem VW-Gehalt sehr gut leben.
Doch jetzt diktieren Sparprogramme den Alltag, für 2026 gilt bei der Marke Volkswagen in Deutschland ein Gehalts-„Freeze“: Tariferhöhungen, die die IG Metall für die Branche erstreitet, fallen erstmal aus. Das heißt: nicht ganz. Sie werden nachgeholt, wenn es VW wieder besser geht.
Für drei Millionen Autos gibt es keine Käufer mehr
Damit dieser Tag überhaupt kommt, müssen sich die Fahrzeuge besser verkaufen – und sie müssen kostendeckend sein.
Mit dem ID. Polo und dem für den Jahreswechsel avisierten ID. Cross hat Volkswagen zwei Hoffnungsträger im Köcher, die bei ersten Präsentationen sehr gut angekommen sind. Auch unter dem besagten Artikel zum ID. Polo stehen zahlreiche positive, teils überraschte Kommentare. Hinzu kommt im VW-Konzern der beeindruckende Markterfolg des Skoda Elroq, des derzeit meistverkauften Elektroautos in Europa. Auch der große ID.7 wird von Kunden und Konkurrenz ob seiner großen Reichweite anerkannt. Gleichzeitig verkaufen sich die Verbrenner- und Hybridversionen von T-Roc, Tiguan oder Tayron passabel.
Es geht also. Aber es reicht nicht. Volkswagen geht deshalb in diesem Jahr von einem allenfalls stagnierenden Umsatz aus. VW-Chef Oliver Blume rechnete nach einem Bericht der Bild-Zeitung intern vor, dass die Volkswagen-Fabriken derzeit auf eine Jahreskapazität von zwölf Millionen Fahrzeugen ausgelegt sind. Man brauche aber in Zukunft nur noch neun Millionen. Ein Viertel weniger. Das wären 2,25 Millionen Autos im Quartal. Im ersten Quartal 2026 verkaufte der VW-Konzern gerade mal zwei Millionen.
Dazu braucht VW keine zehn VW-Werke in Europa, plus die drei von Audi und eins von Porsche. Neun dieser Werke stehen in Deutschland.
Das Problem liegt tiefer
Es wird also weitere Einschnitte geben, damit VW mit seinen Autos wieder so viel Geld verdien kann, dass der Konzern damit dauerhaft überlebensfähig ist. Damit sind weitere Arbeitsplätze in Gefahr – und die Immobilienpreise rund um Wolfsburg werden fallen.
Abzocke der Kunden? Sicher hat der VW-Vorstand in den vergangenen Jahren viele Fehler gemacht und die Weichen zum Teil falsch gestellt. Doch das Problem liegt viel tiefer. Es ist ja so einfach, nach Schwarz und Weiß zu urteilen und dann erstmal den billigen Chinesen zu kaufen. Wiederverkaufswert? Darüber denken diese Kunden dann nach, wenn es so weit ist. Oder zu spät.
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Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Autor und der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, sind unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Volkswagen Vz..