Wall-Street-Guru Michael Burry hat eine letzte große Crash-Warnung an seine Anhänger geschickt. Er rät, alles zu verkaufen. Von Jens Castner

Die Botschaft ist so einsilbig wie eindeutig. „Sell“ teilte Michael Burry seiner Fangemeinde via Twitter mit: „Verkauft“. Das letzte Wort, ehe er seinen Account, den er unter dem Namen „Cassandra B.C.“ führte, bei dem Kurznachrichtendienst löschte.

Michael Burry, Gründer des Hedgefonds Scion Asset Management, erlangte Kultstatus, als er den Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes vorhersagte, der zur Finanzkrise 2008 führte. Das damalige Finanzdebakel machte ihn zur Legende. Der Film „The Big Short“ aus dem Jahr 2015 beschreibt, wie der Investor durch seine Wetten auf fallende Kurse zu einer Art Orakel der Wall Street wurde.

In den vergangenen Monaten hatte er vor mehrfach vor Massenentlassungen Technologiesektor gewarnt – und Recht behalten. 2022 bauten Technologieunternehmen fast 100.000 Arbeitsplätze ab, um sich für die schlechteren wirtschaftlichen Bedingungen zu wappnen. Der Stellenabbau setzte sich Anfang 2023 fort: Microsoft kündigte 10.000 Entlassungen an, Google 12.000. Insgesamt hat der Technologiesektor seit Januar 85.207 Stellen abgebaut, wie das Datenunternehmen „Layoffs.fyi“ berichtet.

Aktienrally als Fata Morgana

Burry hat kürzlich auch erklärt, dass die US-Wirtschaft in diesem Jahr in eine Rezession fallen werde, „unabhängig davon, wie das Wort Rezession definiert wird“. Viele Ökonomen rechnen ebenfalls mit einer Rezession, die verbreitete Meinung ist jedoch, dass sie nicht allzu schwer ausfallen wird.

Das sieht Burry anders. Auch die jüngste Rally nach dem Beschluss, der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), die Leitzinsen nur moderat um 0,25 Prozentpunkte zu erhöhen, hielt ihn nicht hat davon ab, weiter vor einem großen Crash zu waren. Die mit dem Jahreswechsel begonnene Aktienmarktrally bezeichnete er als Fata Morgana. Der Börsendienst „TheStreet.com“ nennt Burry deshalb den „Partyspoiler der Wall Street“.

Hitzige Diskussionen

In den sozialen Netzwerken debattieren Anleger unterdessen, ob man dem Ratschlag „Verkaufen“ folgen solle oder nicht. „Michael Burry liegt normalerweise nicht daneben“, kommentierte ein Twitter-Nutzer. Andere führen ins Feld, dass die Verlangsamung der Zinsanhebungen durch die Fed darauf hindeuten, dass die Zentralbank sich in ihrem Kampf gegen die Inflation gut aufgestellt fühle. „Das Schlimmste könnte demnach bereits hinter uns liegen“, schrieb ein Nutzer.

Bereits am 23. Januar hatte sich Burry recht wortkarg gegeben. Da hatte er einen Chart verschiedener gescheiterter Erholungsrallys nach dem Blasen der Dotcom-Blase in den Jahren 2000 bis 2003 mit „vielleicht“ kommentiert und Rätselraten unter seinen Anhängern ausgelöst, was damit gemeint sein könnte. Die Aufforderung „sell“ – seine vorläufig letzte über Twitter – hingegen ist unmissverständlich. Ob Burry mit seinen düsteren Prognosen Recht behält, muss sich in den kommenden Monaten weisen. Zumindest, was deutsche Aktien angeht, sprechen die Bewertungen von DAX und Co nicht für einen Absturz wie nach dem Platzen der Immobilienblase und der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers.


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