Nach der öffentlichen Reaktion auf eine Shortseller-Attacke hat ein US- Hoffnungswert seinen größten Kunden verloren. Die Aktie bricht um 47 Prozent ein – und der Kunde, Marvell Technology, lässt heftig Federn. Das ist passiert.

Wenn ein Unternehmen seinen wichtigsten Kunden verliert, ist das immer schlimm. Im Falle von Poet Technologies kommt es am Montag einem Erdbeben gleich. Denn der Kunde heißt Celestial AI und ist eine Tochter von Marvell Technology, einem der wichtigsten Platzhirsche im KI-Sektor. Und Celestial hat sämtliche Aufträge storniert – mit sofortiger Wirkung. Was den gesamten Sektor heute erschüttert, ist aber weniger, „dass“ Celestial AI die Aufträge storniert, sondern „warum“. Es geht um nichts weniger als den Verrat von Geschäftsgeheimnissen.

Marvellkündigte schon am Freitag

Am Montagmorgen gab Poet bekannt, dass Marvell Technologies formell alle zuvor erteilten Bestellungen storniert hat, die von Celestial AI ausgestellt worden waren. Diese Mitteilung sei Poet von Marvell am 23. April 2026 schriftliche übermittelt worden. Um welches Auftragsvolumen es geht, ist nicht bekannt. Auch die Tatsache, dass Poet erst heute damit herausrückt, kommt an der Börse nicht gut an.

Poet Technologies produziert optische Hochgeschwindigkeits-Engines, Lichtquellen und Chips für Rechenzentren und KI-Systeme. Kernprodukt ist eine Plattform mit dem Namen „Poet Optical Interposer“, die Elektronik und Photonik auf einem Chip integriert, um Datenübertragungen schneller, kompakter und kostengünstiger zu machen. Eine Technik, die Marvell als einer der führenden Ausrüster von Datenübertragungschips für KI-Rechenzentren dringend benötigt.

Die Ursache: Verstöße gegen Vertraulichkeit

Die Stornierung erfolgte nicht etwa, weil technische Fehler an den Chips auftraten, sondern wegen eines selbstverschuldeten Fehlers in der Poet-Kommunikation.

Marvell erklärte, Poet habe gegen Vertraulichkeitspflichten verstoßen. So seien Informationen im Zusammenhang mit den Bestellungen öffentlich geworden sowie detaillierte Versandinformationen.

Der Hintergrund: Poet war kürzlich ins Visier von Short-Sellern geraten. Anlass war ein kritischer Bericht von Wolfpack Research Mitte April, einem shortseller-nahen Research-Büro. Als der Kurs daraufhin begann zu fallen, entschied sich Poet dafür, die Vorwürfe öffentlich auszuräumen. CFO Thomas Mika führte ein Exklusivinterview mit der Retail Trading Plattform Stocktwits, das stark beworben wurde. Darin nannte Mika Marvell Technology ausdrücklich als Kunden, bestätigte die Existenz der Bestellungen und erklärte, Lieferungen würden „bereits ab dem nächsten Quartal“ erwartet.

Das war wohl der Satz, der das Fass zum Überlaufen brachte. Denn in einem hochkompetitiven Umfeld inmitten von hunderten Milliarden an Investitionssummen der Hyperscaler sind strenge Geheimhaltungsvereinbarungen (NDAs) Standard, um den Wettbewerb nur ja keinen Wissensvorsprung zu geben. So brach der Eifer des Poet-Vorstands, die vermeintlich falschen Anschuldigungen öffentlich zu widerlegen, dem Unternehmen das Genick.

POET Technologies Inc (WKN: A3DWD8)

Heftige Marktreaktion

Die Marktreaktion war schnell und hart. Die Aktie, die nach dem Interview eine spektakuläre Rally erlebt hatte und – vermutlich ausgelöst durch einen Short-Squeeze – binnen einer Woche um 76 Prozent gestiegen war, stürzte nach Veröffentlichung der Nachricht am Montag sofort um 45 Prozent ab.

Auch Marvell geriet mit in den Abwärtssog: Die Aktie verlor am Montag sechs Prozent, nachdem sich ihr Kurs seit Anfang März mehr als verdoppelt hatte. Auslöser war eine Zwei-Milliarden-Dollar-Beteiligung von Nvidia an Marvell.

Unterdessen könnte für Poet das KI-Spiel vorbei sein: Auf dem Höchststand von 15,10 US-Dollar wurde die Aktie zu einem extremen Multiple, dem 12,5-fachen des Buchwerts gehandelt. Zum Vergleich: Die US-Halbleiterwerte notieren im Schnitt mit dem 5,4-fachen. Das ist umso erstaunlicher, da das Unternehmen bislang nicht profitabel ist.

Sehr viel hing also vom Großkunden Celestial/Marvell ab – und dieser Traum ist nun ausgeträumt.

Marvell Technology Group (WKN: A3CNLD)

Reputationsschaden für die gesamte Branche?

Womöglich ist es aber mit dem bloßen Storno nicht getan. Denn Brancheninsider halten die Blazar-Lichtquellenleiter von Poet für einen zentralen Bestandteil der Photonen-Chips von Celestial AI – die wiederum als wichtiger Baustein für die selbstentwickelten Chips von Google gelten. Reicht das Datenleck also womöglich noch tiefer?

Die Frage wird sein, wie einzigartig die Poet-Technologie innerhalb des Chipsektors ist, wer sie ersetzen könnte – und wie lange es dauern würde, neue Chips auf Basis dieser Alternative zu entwerfen und zu produzieren.

Poet hatte angedeutet, es gebe einen separaten, kürzlich offengelegten, fünf Millionen Dollar schweren Auftrag von „einem anderen Technologieunternehmen“. Außerdem arbeitete Poet für die bevorstehende Massenfertigung offenbar eng mit globalen Fertigungsriesen wie Foxconn und Luxshare zusammen. Die Lieferzeitpläne sollten nach Aussage des CFOs in den nächsten Wochen fixiert werden. All das müsste ein Wettbewerber erst neu aufbauen.

Für die Milliarden-Bewertung von Poet hängt nun alles an der Frage, ob wenigstens der Auftrag mit dem zweiten großen Kunden umgesetzt werden kann. Der Spielraum für Fehler ist auf null geschrumpft. Die KI-Branche wird sich derweil die Frage stellen, inwieweit man seinen Partnern noch vertrauen kann, oder man essentielle Partner – so wie im Falle von Marvel und Celestial AI – besser direkt akquirieren sollte, damit die Konkurrenz keinen Zugriff mehr auf sie hat.

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Häufige Fragen zum Thema

Welche Chips stellt Poet Technologies her?

Poet Technologies produziert optische Hochgeschwindigkeits-Engines, Lichtquellen und Chips für Rechenzentren und KI-Systeme. Kernprodukt ist eine Plattform mit dem Namen „Poet Optical Interposer“, die Elektronik und Photonik auf einem Chip integriert, um Datenübertragungen schneller, kompakter und kostengünstiger zu machen.

Welche Art von Chips stellt Marvell Technolgy her?

Marvell Technology hat sich auf Hochleistungs-Chips für die Dateninfrastruktur spezialisiert. Das Unternehmen agiert "fabless", entwirft also Chips, die dann aber von externen Foundries (wie TSMC) produziert werden.