Bekannt wurde er durch seinen Bestseller "Der Crash kommt" im Jahr 2006. Als der Crash da war, riet Max Otte im Gespräch mit BÖRSE ONLINE zum Einstieg in Aktien. Das war in Heft 09/2009. Exakt zehn Jahre später ist er so pessimistisch wie nie zuvor. Im Interview erklärt der Wirtschaftsprofessor, warum.

BÖRSE ONLINE:

Wie groß ist die Enttäuschung des CDU-Mitglieds Max Otte, dass sich Annegret Kramp-Karrenbauer bei der Wahl zur Parteichefin durchgesetzt hat?

Max Otte:

Wieso Enttäuschung? So bleibt wenigstens alles, wie es ist.

Als Wirtschaftswissenschaftler müssten Sie doch eindeutig Friedrich Merz favorisiert haben - oder etwa nicht?


Für mich ist Friedrich Merz in erster Linie ein Jurist, ein Dealmaker - und ein Lobbyist, der eine der größten US-amerikanischen Kapitalsammelstellen vertritt, die sich nach und nach in deutsche Unternehmen einkauft. Vom Mittelstand versteht er nichts. Weiß der Geier, warum ausgerechnet ihm die Wirtschaftskompetenz der Partei zugesprochen wird. Wahrscheinlich, weil alle anderen noch weniger davon haben.

Sie sprechen seine Tätigkeit für Blackrock an. Was ist denn daran verwerflich, dass eine Fondsgesellschaft deutsche Aktien kauft?


Verwerflich ist, dass die USA einen gnadenlosen Wirtschaftskrieg gegen Europa und den Rest der Welt führen und sich Stück für Stück mehr von unserem Volksvermögen sichern. Traurig ist, dass die EU und die nationalen Regierungen nichts dagegen unternehmen.

Die Stimmrechte in den Händen von Blackrock sind Ihrer Meinung nach Teil eines Wirtschaftskriegs?


Ach, das ist noch das Subtilste. Völlig offensichtlich ist, dass deutsche Konzerne durch Kampagnen und Sammelklagen plattgemacht werden sollen: Bayer, VW und die Deutsche Bank werden systematisch geschwächt, wenn sie nicht gar übernahmereif geschossen werden. Dazu ziehen Politik, Wirtschaft und Justiz in den USA an einem Strang, ob geplant oder ungeplant. Auch die jüngsten Short- Attacken auf Wirecard fügen sich in dieses Gesamtbild. Ein deutscher Zahlungsabwickler von internationaler Bedeutung ist den US-Oligopolen ein Dorn im Auge.

Das klingt nach Verschwörungstheorie ...


Das ist nüchterne Interessen- und Geopolitik, wie sie von den amerikanischen Chefdenkern wie dem verstorbenen Zbigniew Brzeziński, Robert Kaplan, Robert Kagan oder Paul Wolfowitz offen vertreten wird. Zu "Verschwörungstheorien" nur so viel: In Dokument 1035-960 aus dem Jahr 1967 weist die CIA den diplomatischen Dienst und die Botschaften der USA im Zusammenhang mit dem Kennedy-Mord an, diesen Begriff möglichst oft zu benutzen, um politische Gegner zu diskreditieren. Ich liste einfach nur Fakten auf.Die Sie zu welchem Ergebnis bringen? Dass die Bundesregierung und die EU endlich aufwachen und Gegenmaßnahmen einleiten müssen, sonst gehen die Filetstücke unserer Wirtschaft verloren.

Was können die Regierungen tun?


Das kann man sich doch bei den Amerikanern abschauen. Die zerren unsere Manager vor Gericht, warum wir nicht ihre? Warum lassen wir nicht die Herren Bezos, Page und Zuckerberg per internationalem Haftbefehl zur Fahndung ausschreiben, weil sie laufend gegen europäische Datenschutzgesetze verstoßen? Und dann investieren wir auch noch furchtbar unklug. Die USA schaffen es trotz ihrer verheerenden Außenhandelsbilanz, europäisches Produktivkapital in ihren Besitz zu bringen, während wir mit unseren Überschüssen Target-II-Salden anhäufen.

Heißt das, die Bundesbank und die EZB sollten wie die Schweizerische Nationalbank Apple-Aktien aufkaufen statt Staatsanleihen strauchelnder EU-Mitgliedsländer?


Warum nicht? Ein erster Schritt wäre zumindest, italienische Immobilien und Aktien zu kaufen. Dann könnten uns die Südeuropäer nicht so leicht an die Wand schieben.

Wie meinen Sie das?


Deutschland finanziert die EU größtenteils und fügt sich brav dem Willen der Leistungsempfänger. Es wäre doch logisch, dass das einwohner- und finanzstärkste EU-Land den Führungsanspruch erhebt. Aber wir überlassen das den Briten, und, wenn die ausgetreten sind, den Franzosen. Sogar Luxemburg hat das Prinzip besser verstanden als wir. Alle schicken ihre gewieftesten Bürokraten nach Brüssel - und wir schicken Oettinger.

Und aus Frust über die handelnden Personen sympathisiert CDU-Mann Otte mit der AfD?


Wir haben eine gelenkte Demokratie, die Medien wirken zunehmend gleichgeschaltet, Meinungsfreiheit und Pluralität existieren de facto nicht mehr. Demokratischer Diskurs statt Ausgrenzung muss möglich sein.

Die AfD ist also der Hort der Demokratie?


Die Ziele unterscheiden sich nicht grundlegend vom konservativen Flügel der CDU, sprich der Werteunion, deren Mitglied ich bin und der sich jüngst Hans-Georg Maaßen und Werner Patzelt angeschlossen haben.

Auf Seite 2:

Wozu eigentlich das ganze politische Engagement? Wollten Sie nicht kürzertreten?



Wozu eigentlich das ganze politische Engagement? Wollten Sie nicht kürzertreten?


Was mich antreibt, ist die brutale Form des Staatssozialismus, auf die wir zusteuern. Als Investor und als Staatsbürger möchte ich nicht in einem solchen System leben.

Noch scheint es Ihnen ganz gut zu gehen. Sie beraten fünf Fonds, die Firmen, an denen Sie beteiligt sind, verwalten ein Vermögen von rund einer Milliarde Euro. Und Sie halten nicht gerade damit hinterm Berg, dass Ihre Fonds wieder besser laufen, seit Sie einige Ihrer anderen Tätigkeiten ruhen lassen.


Es gab eine kurze Durststrecke von Ende 2014 bis Anfang 2016. In dieser Zeit bin ich - sicher auch wegen meines politischen Engagements - hart attackiert worden. Ich habe mir aber nichts vorzuwerfen: Wer vor zehn Jahren 1000 Euro in den ersten von mir beratenen Fonds PI Global Value investiert hat, besitzt heute 2340 Euro. Ohne die besagte Durststrecke wäre es wohl noch mehr geworden. Wer sich mit Value-Investing beschäftigt, weiß, dass es immer wieder zu temporären Schwächephasen kommen kann. Ich habe mir die Kritik trotzdem zu Herzen genommen und die Zahl der Vorträge und Fernsehauftritte drastisch reduziert. Meine Lehrtätigkeit an der FH Worms habe ich auf eigenen Wunsch aufgegeben: Seit dem 31. Dezember 2018 bin ich glücklich entbeamtet.

Und jetzt kaufen Sie als glücklicher Ex- Beamter Alphabet-Aktien, obwohl Sie den Chef Larry Page gerne hinter Gittern sähen?


Das muss man trennen. Wenn die Welt schon von steueroptimierten amerikanischen Oligopolen regiert wird, kann man als kleiner Investor nichts machen. Dazu muss sich die Politik ändern. Und da engagiere ich mich.

Meiden Sie deutsche Aktien wegen Ihres Szenarios eines Wirtschaftskriegs?


Nicht grundsätzlich. Bei Unternehmen wie VW, Daimler, Bayer, Siemens oder Deutsche Bank, die im Zentrum des Wirtschaftskriegs stehen, bin ich vorsichtig. Aber Werte aus der zweiten Reihe kann man sich ansehen. Punktuell kann man nach stärkeren Rücksetzern auch beim einen oder anderen DAX-Titel zugreifen. Lufthansa haben wir gerade zum dritten Mal gekauft, bislang mit Erfolg.

Vor zehn Jahren haben Sie massiv zum Einstieg in Aktien geraten, vor einem Jahr zum Ausstieg, weil Sie wieder einen Crash heraufziehen sahen. Das klingt jetzt anders.


Ich habe gesagt, dass der Kollaps in die erste Amtszeit von US-Präsident Donald Trump fällt. Noch haben wir eineinhalb Jahre. Vielleicht geht es auch noch zwei, drei Jahre länger gut. Aber was dann droht, ist Systemcrash, gegen den uns die Finanzkrise 2008/09 vorkommen wird wie ein Wellnessurlaub.

Warum so pessimistisch?


All die vorhin geschilderten Faktoren, die Macht der Firmenoligopole, das Auseinanderdriften von Arm und Reich, führen dazu, dass das bisherige Modell der Globalisierung und des Hyperkapitalismus auf den Prüfstand gestellt werden. Wir müssen aufpassen, dass der bis zu einem gewissen Grad verständliche Ruf nach nationaler Kontrolle und Souveränität nicht in eine neue Ära des Nationalismus mündet. Die Gefahr ist real. Und der Handelskrieg der USA mit China könnte in einen militärischen Konflikt ausarten. Immer, wenn eine Supermacht lange Zeit alles bestimmt hat und dann eine zweite aufstieg, führte das zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Hoffen wir, dass es diesmal mit Stellvertreterkriegen wie in Syrien sein Bewenden hat.

Angenommen, es kommt nicht gleich zum Dritten Weltkrieg - was wird passieren?


Die Zwangsmaßnahmen werden noch stärker werden. Die Negativzinsen sind nur ein Vorgeschmack. Die regulatorischen Feigenblätter, die nach der Bankenkrise vor zehn Jahren eingeführt wurden, haben nicht das Geringste verändert. Die einen wirtschaften unverfroren in die eigene Tasche, der Rest wird mit dem Mindestlohn abgespeist. Die Mittelschicht löst sich auf. Das wird nicht ohne Folgen bleiben. Der soziale Sprengstoff ist enorm. Ohne einen grundlegenden Systemwechsel wird das nicht abgehen.

Gibt es bei einem Systemcrash noch einen Grund, Ihre Fonds zu kaufen?


Die immer wieder zitierte Idee, Cash halten und am Tiefpunkt wieder einzusteigen, klappt leider nie, weil niemand weiß, wann der Boden erreicht ist. Ich halte das sogar für gefährliche Augenwischerei. Ganz davon abgesehen, dass Bankguthaben in Extremsituationen auch eingefroren werden können, Aktien aber Besitztitel sind. Es führt also kein Weg an soliden Qualitätsaktien als Wertaufbewahrungsmittel vorbei, selbst wenn alles nach unten rauscht. Die Historie hat gezeigt, dass sich die Aktienkurse mit den Jahren wieder erholen. Aber wer will, kann den Goldanteil in Richtung 30 Prozent erhöhen - immer in der Hoffnung, dass der private Goldbesitz nicht verboten wird.

Eine Befürchtung, die Sie auch hinsichtlich des Bargelds hegen.


Da sind wir inzwischen weiter als fünf vor zwölf. Politik und Steuerbehörden wollen den gläsernen Bürger, Banken, Kreditkartenfirmen und Zahlungsabwickler ebenso wie die Techgiganten im Silicon Valley. Hier machen viele mächtige Interessengruppen gemeinsame Sache.