Ein Absatzmarkt von 770 Millionen Menschen entsteht mit dem Handelsdeal, durch den Zölle und Beschränkungen für viele Bereiche nach und nach wegfallen. Das sind die Profiteure.
Mercosur ist die Abkürzung für „Mercado Común del Sur“. Das steht für gemeinsamer Markt des Südens und umfasst die Länder Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay. Bolivien ist zwar seit Juli 2024 Vollmitglied der Mercosur-Staaten, war aber nicht Teil der eigentlichen Verhandlungen und ist vorerst auch nicht Teil des Handelsabkommens.
Seit 1999 hatte die Europäische Union mit den Mercosur-Staaten um das größte Freihandelsabkommen der Welt gerungen. Seit fast sieben Jahren ist das Abkommen grundsätzlich fertig ausgehandelt, eine Unterzeichnung ruhte aber wegen Protesten von Landwirten in einigen Ländern der EU. Die politische Einigung der beteiligten Staaten und die formelle Unterzeichnung im Januar 2026 in Montevideo, Uruguay, ist daher gewissermaßen historisch. Ab dem 1. Mai soll das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den südamerikanischen Staaten nun vorläufig angewendet werden. In einer Zeit von Deglobalisierung, Handelskriegen und geopolitischen Eskalationen, einen Absatzmarkt für 770 Millionen Menschen zu schaffen, das ist beachtlich.
Durch den Abbau von Handelsbarrieren und Zöllen soll der Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen den Mercosur-Staaten und der Europäischen Union angekurbelt werden. Das offizielle Inkrafttreten des Abkommens wird wegen der Anfang Januar getroffenen Entscheidung des Europäischen Parlaments vermutlich noch Monate oder länger auf sich warten lassen. Das Europäische Parlament hatte im Januar mit knapper Mehrheit beschlossen, den Vertragstext vor einer endgültigen Abstimmung vom Europäischen Gerichtshof überprüfen zu lassen. Dafür gibt es keine Frist. Aus Luxemburg hieß es, dass die letzten Gutachtenverfahren dieser Art zwischen 16 und 26 Monaten gedauert hätten. Mercosur ist dabei nicht das erste Handelsabkommen, das vor dem Europäischen Gerichtshof landet. Das oberste Gericht in der EU erstellte auch schon Gutachten zu einem Abkommen mit Singapur oder dem Ceta-Abkommen mit Kanada.
Das EU–Mercosur-Abkommen sieht zollfreie Quoten für landwirtschaftliche Produkte vor. So sehen die Regelungen zusätzliche zollbegünstigte Exportmengen von 180.000 Tonnen Zucker, 650.000 Tonnen Ethanol, 60.000 Tonnen Reis und 45.000 Tonnen Honig vor. Davon profitiert der in Luxemburg ansässige Agrar- und Industriekonzern Adecoagro, der in Argentinien, Brasilien und Uruguay Ackerbau betreibt sowie Düngemittel, Milchprodukte aber auch Zucker und Ethanol produziert. Zu den angebauten Feldfrüchten gehören Soja, Mais, Weizen, Erdnüsse und Sonnenblumen. Durch das EU–Mercosur-Abkommen profitiert das Unternehmen vor allem davon, dass Zölle und Hürden für Agrar- und Lebensmittel- importe in die EU sinken und gleichzeitig Zölle auf europäische Maschinen, Agrartechnik und Chemikalien im Mercosur abgebaut werden, was Investitions- und Betriebskosten senkt. Zudem erlaubt das Abkommen den Mercosur-Ländern ein zusätzliches Rindfleisch-Exportvolumen von 100.000 Tonnen pro Jahr, das schrittweise in fünf Jahren aufgebaut wird. Marfrig Global Foods verfügt bereits über ein großes Netz von in der EU zugelassenen Schlachthöfen in Brasilien, Argentinien und Uruguay und ist daher optimal positioniert. Der Konzern ist einer der größten Rindfleischproduzenten der Welt und ein führender Anbieter von Hamburger-Patties, mit Schlacht- und Verarbeitungsstandorten in Brasilien, Argentinien, Uruguay und den USA. Das Unternehmen verkauft Rindfleisch, verarbeitete Fleischprodukte und Nebenprodukte in mehr als 100 Länder; der Absatz aus den südamerikanischen Werken lag 2025 bei gut 1,08 Millionen Tonnen, wovon rund 428.000 Tonnen in den Export gingen.
Ein weiterer Profiteur ist der weltweit größte Fleischproduzent JBS. In Brasilien betreibt das Unternehmen 33 Produktionsstandorte mit einer täglichen Verarbeitungskapazität von 33.500 Rindern. 2026 erwarb das brasilianische Unternehmen zudem eine 50-prozentige Beteiligung an Mantiqueira, dem größten Eierproduzenten Südamerikas. Mit dem Erwerb von The Vegetarian Butcher gelang es JBS 2025 seine Präsenz im schnell wachsenden Plant-Based-Markt in Europa zu festigen. Der Konzern ist bereits jetzt einer der dominierenden Exporteure brasilianischen Rindfleischs in die EU und produziert einen Großteil des für den Export bestimmten Rindfleischs in Brasilien.
Investitionskosten sinken
Die Zollsenkungen für Investitions- und Industriegüter werden vorgezogen umgesetzt. Das bedeutet, dass die Zölle entweder sofort vollständig abgeschafft werden, etwa für bestimmte Maschinen und mechanische Ausrüstungen, oder innerhalb eines Zeitraums von etwa einem bis vier Jahren schrittweise auslaufen. Aus Sicht der Mercosur-Länder dürfte dieses Vorziehen des Zollabbaus Produktivitätsgewinne unterstützen, indem es die Kapitalkosten senkt und den Zugang zu fortgeschrittenen europäischen Technologien erleichtert. So dürfte auch der südamerikanische Ölsektor profitieren. Energie sticht als zentraler Profiteur hervor, da die Investitionsbestimmungen weitere Investitionen in Öl- und Gas-Joint-Ventures zwischen europäischen Unternehmen und argentinischen Firmen in der Region Vaca Muerta erleichtern. Vaca Muerta ist das zentrale Schieferöl‑ und ‑gasbecken Argentiniens in der Provinz Neuquén, das inzwischen zum Energiezentrum des Landes geworden ist. Von dort stammen rund 70 Prozent der argentinischen Öl‑ und Gasproduktion.
Vaca Muerta erstreckt sich über etwa 30.000 Quadratkilometer und hält die weltweit zweitgrößten Schiefergas‑ und viertgrößten Schieferölreserven. Zwischen 2021 und Ende 2025 hat sich die Schieferölproduktion aus dem Gebiet mehr als verdreifacht. Argentinien wurde so erstmals zu einem Energie-Nettoexporteur. Mehrere Großprojekte für zusätzliche Pipelines und LNG-Exportterminals befinden sich in Planung oder Umsetzung, unter anderem mit dem Ziel, ab 2027 signifikante LNG-Mengen nach Europa zu liefern. Im März dieses Jahres haben der deutsche Staatskonzern SEFE („Securing Energy for Europe“) und das argentinische Konsortium Southern Energy einen Vertrag für die Lieferung von LNG geschlossen. So sollen ab Ende 2027 bis zu zwei Millionen Tonnen LNG pro Jahr aus der Region Vaca Muerta nach Europa geliefert werden, der Vertrag läuft über acht Jahre.
Parallel treiben einige Ölkonzerne das Großprojekt „Argentina LNG“ voran: eine Flüssiggas-basierte Exportplattform mit zunächst zwölf Millionen Tonnen Kapazität pro Jahr ab etwa 2029, die explizit auf die Belieferung internationaler Märkte inklusive Europa abzielt. Einer der Profiteure ist das Unternehmen YPF, das ebenfalls am Konsortium Southern Energy beteiligt ist. Operativ steht YPF auf drei Säulen: ein wachstumsstarkes Förder- und Produktionsgeschäft in Vaca Muerta, ein integrierter Bereich für Verarbeitung und Vertrieb mit großen Raffinerien und Tankstellennetz sowie die Vermarktung von Erdgas und Strom. Der argentinische Staat hält 51 Prozent der Anteile.
Auch Transportadora de Gas del Sur (TGS) gehört zu den Profiteuren. Der führende Gasnetzanbieter Argentiniens betreibt über 9.200 Kilometer an Pipelines. TGS ist ebenfalls in der Region Vaca Muerta aktiv und errichtet und betreibt dort die erforderliche Infrastruktur, um das Erdgas aufzubereiten, zu transportieren und in die Fernleitungsnetze einzuspeisen. Rund 630 Millionen US-Dollar sollen 2026 in den Ausbau des Perito-Moreno-Pipelinesystems fließen, über das zusätzliche Erdgasmengen aus der Region Vaca Muerta in die großen Stammleitungen und damit in die Inlands- und Exportmärkte gebracht werden. Parallel arbeitet TGS an einem Großprojekt zur Verarbeitung und Vermarktung von Flüssiggas mit einem Investitionsvolumen von etwa 2,9 Milliarden Dollar; die finale Investitionsentscheidung wird bis Mitte 2026 erwartet.
Argentiniens Wirtschaft erholt sich
Die Wachstumsperspektiven Argentiniens verbessern sich allgemein, da die makroökonomische Stabilisierung unter Präsident Milei zunehmend Wirkung zeigt. Diese stützt sich auf ein striktes Strukturreformprogramm, das auf fiskalischer Disziplin und der Normalisierung des Wechselkursregimes basiert. Nach einer rückläufigen Phase im Jahr 2024 hat sich das Wachstum kräftig erholt und wird zunehmend durch Investitionen getragen — insbesondere in den Bereichen Energie und Bergbau. Die Liberalisierung des Devisenmarktes und die Einführung einer kontrollierten Wechselkursbandbreite, unterstützt durch den Internationalen Währungsfonds, haben die Währungsreserven und das Marktvertrauen deutlich gestärkt.
Fazit
Angesichts des schrittweisen Abbaus der Zölle — in einigen Fällen über einen Zeitraum von zehn bis 15 Jahren — werden die Auswirkungen des EU-Mercosur-Abkommens auf die Aktienmärkte voraussichtlich vor allem mittel- bis langfristig sichtbar werden. Wer lieber breit gefächert in einen Indexfonds investieren will, kann auf einen ETF auf den MSCI Brazil oder den MSCI EM Latin America Index zurückgreifen, bekommt bei Ersterem allerdings nur Exposure auf das Mercosur-Land Brasilien. Abgesehen von Brasilien enthält der MSCI EM Latin America Unternehmen aus den Ländern Mexiko, Chile und Peru, die jedoch nicht Teil des Abkommens sind. Die anderen am Mercosur-Abkommen beteiligten Länder sind über ETFs und Fonds kaum investierbar. Hier können Anleger auf die erwähnten Einzeltitel zurückgreifen.