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Morphosys-Chef Kress: "Eine neue Ära in der Behandlung"

Morphosys-Chef Kress:

WKN: 663200 ISIN: DE0006632003 MorphoSys

22,34 EUR
0,26 EUR 1,18 %
05.08.2022 - 21:55
30.04.2022 13:00:48

Seit der Übernahme der US-Firma Constellation ist der Aktienkurs um 66 Prozent gefallen. CEO Jean-Paul Kress erklärt, wie er Wert für Aktionäre schaffen will. Von Julia Groß, Euro am Sonntag

Unter den Morphosys-Aktionären rumort es. Seit Jean-Paul Kress an der Spitze des Münchner Biotechs steht, hat sich das Unternehmen von Grund auf verändert. Dass der Vorstand fast die gesamten Lizenzeinnahmen aus den bestehenden Pharma-Partnerschaften verkauft hat, um die Übernahme der unbekannten US-Firma Constellation zu finanzieren, kam an der Börse bisher nicht gut an. Im Interview mit €uro am Sonntag erklärt Kress, warum er die Umwälzungen für alternativlos hält und wieso er überzeugt ist, dass sie sich auch für Aktionäre auszahlen werden.

€uro am Sonntag: Herr Kress, was waren die Gründe für die Übernahme von Constellation Pharmaceuticals?

Jean-Paul Kress: In der Vergangenheit hat Morphosys im Grunde genommen Produkte für andere Unternehmen gesucht und entdeckt. Vor ein paar Jahren haben wir beschlossen, unser Geschäftsmodell zu verändern und unsere eigenen Medikamente zu entwickeln und zu vermarkten. Damit halten wir unser Schicksal mehr in eigenen Händen und können selbst viel mehr von der Wertschöpfung profitieren. Wir haben zwar eine starke Expertise im Bereich der Biologika und eine eigene Pipeline, aber wir sind zu der Erkenntnis gelangt, dass wir sie mit externen Innovationen anreichern müssen, um langfristig erfolgreich sein zu können. Denn es gab eine zeitliche Lücke, bis unsere nächsten innovativen Produktkandidaten in der fortgeschrittenen Entwicklung sein werden. Deshalb haben wir angefangen, uns nach Möglichkeiten für eine Übernahme oder Einlizenzierung umzusehen.

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Und warum fiel die Wahl dabei auf die US-Firma Constellation?

Wir haben beschlossen, uns auf den Therapiebereich Blutkrebs zu konzentrieren, weil es dort einen großen ungedeckten medizinischen Bedarf gibt und wir hier bereits mit Tafasitamab ein erstes Medikament entwickelt und in den USA eingeführt haben. Wir haben uns viele Unternehmen auf dem Markt angeschaut und waren sehr beeindruckt von Constellation, die mit Pelabresib einen vielversprechenden Produktkandidaten für Myelofibrose in der späten klinischen Entwicklung hatten. Myelofibrose ist eine Krebserkrankung des Knochenmarks, die, kurz gesagt, in vernarbtem Gewebe im Knochenmark mündet. Patienten mit dieser Krankheit leiden unter starken Symptomen und es gibt keine Heilung. Die Patienten haben eine stark vergrößerte Milz, sie können sich nicht hinlegen, sie können nicht schlafen, sie sind am Ende völlig handlungsunfähig. Viele Patienten reagieren nicht auf die Behandlung oder erleiden einen Rückfall. Wir sehen in unseren Daten klare Signale, dass wir die aktuelle Standardtherapie durch eine Kombination mit Pelabresib erheblich verbessern können.

Morphosys galt bisher als Antikörper-Firma, und es gibt viele spannende Weiterentwicklungen dieser Technologie. Pelabresib ist ein niedermolekularer Wirkstoff, eine völlig andere Molekülkategorie. Warum haben Sie nicht nach Wirkstoffen gesucht, die auf Morphosys’ Kernkompetenz aufbauen?

Wir wollen ein führendes Unternehmen in der Hämatologie-Onkologie werden und als wir nach Übernahmekandidaten Ausschau gehalten haben, war der Therapiebereich ganz entscheidend. Wir halten Pelabresib für eine sehr gute Ergänzung, insbesondere da es bereits in Phase 3 untersucht wird. In der späten Entwicklung und Kommerzialisierung spielt es eigentlich keine Rolle, um was für eine Molekülklasse es sich handelt. Natürlich bauen wir weiterhin auf unserer Antikörper-Expertise auf, denn das ist unsere Stärke. Als wir Constellation übernommen haben, haben wir uns beide Forschungsplattformen angesehen und dann entschieden, uns auf unsere Biologika-Kompetenz in Deutschland zu konzentrieren. Wir haben die Forschungseinrichtung in Cambridge geschlossen und werden unsere Labore in Planegg bei München ausbauen.

Sie wollen also selbst keine Forschung im Bereich der niedermolekularen Wirkstoffe betreiben, sondern würden solche Moleküle gegebenenfalls auch in Zukunft einlizenzieren?

Wir müssen Prioritäten setzen. Unsere Priorität ist jetzt, unsere Phase-3-Studien voranzubringen. Damit haben wir in finanzieller und personeller Hinsicht alle Hände voll zu tun. Wir suchen jetzt nicht aktiv nach weiteren Produkten, aber man muss opportunistisch sein.

Der Aktienkurs von Morphosys notiert auf dem gleichen Niveau wie vor zehn Jahren. Die Aktionäre hatten in ein Unternehmen mit beträchtlichen Einnahmen aus Lizenzgebühren und der Aussicht auf mehr Wachstum durch die ersten firmeneigenen Produkte investiert. Stattdessen wird Morphosys jetzt wieder eine Zeitlang Geld verlieren. Was ist Ihre Botschaft an diese Aktionäre?

Zunächst einmal, dass wir mit dem Aktienkurs natürlich nicht zufrieden sind. Wobei viele Unternehmen mit der aktuellen Entwicklung am Aktienmarkt nicht zufrieden sind. Zum Zweiten sind wir davon überzeugt, dass die Strategie, die wir verfolgen, und die Entscheidungen, die wir getroffen haben, richtig sind. Denn das wird Wert für die Aktionäre schaffen. Nun arbeiten wir hart an der Umsetzung. Das mit den Lizenzeinnahmen ist eine andere Geschichte. Um Kapital für neue Innovationen zu bekommen, mussten wir einige Entscheidungen treffen. Deshalb haben wir einen Teil der Lizenzeinnahmen an Royalty Pharma abgetreten.

Was für ein Unternehmen wird Morphosys in Zukunft sein?

Morphosys wird ein Hämatologie-Onkologie-Unternehmen sein, das Patientinnen und Patienten innovative, möglichst Best- und First-in-Class-Medikamente zur Verfügung stellt. Im Jahr 2025 könnten wir wahrscheinlich mit zwei Krebsmedikamenten in verschiedenen Einsatzgebieten auf dem Markt sein.

Planen Sie etwas, um den Aktionären die Wartezeit bis dahin zu versüßen, etwa ein Aktienrückkaufprogramm?

Wir sind davon überzeugt, dass unser Kapital am besten angelegt ist, indem wir in unsere klinischen Studien investieren. Wir haben einen sehr gesunden Bargeldbestand, der ausreicht, um uns bis zu den Ergebnissen der Phase-3-Studie mit Pelabresib zu finanzieren. Und wissen Sie, im Moment ist der Zugang zu Barmitteln für Biotech-Unternehmen das Wichtigste. Mehr denn je müssen viele Unternehmen sparen oder können ihre Programme nicht mehr finanzieren. Morphosys befindet sich da in einer sehr guten Position, und je näher wir Katalysatoren wie den Phase-3-Ergebnissen kommen, desto mehr wird auch die Wertschöpfung, die wir bringen können, in den Fokus rücken.

Haben Sie Pläne, selbst Aktien zu kaufen?

Ich bin über meine langfristigen, variablen Vergütungsanteile stark in Morphosys investiert und hochmotiviert, unseren Unternehmenserfolg sicherzustellen.

Ist Ihnen bewusst, dass die Aktionäre es vielleicht nicht für den richtigen Zeitpunkt halten, bei der Hauptversammlung im Mai einem neuen Vergütungspaket zuzustimmen?

Der Aufsichtsrat hat viel Zeit damit verbracht, das Vergütungssystem für den Vorstand auf Basis des Feedbacks unserer Investoren nach der Hauptversammlung 2021 umfassend zu überarbeiten. In dem angepassten Vergütungssystem sind die Kriterien für die kurz- und langfristige variable Vergütung deutlich klarer und detaillierter definiert als bisher, und die Erreichung von nichtfinanziellen und insbesondere ESG-Zielen ist fest verankert. Auch die kritisch gesehene Möglichkeit außerordentlicher Bonuszahlungen wurde im neuen System gestrichen. Alles in allem verstärken diese Änderungen und die gesamte Vergütungsstruktur die langfristige Ausrichtung auf die Interessen der Aktionäre und fördern so eine nachhaltige Leistung.

Die Markteinführung von Monjuvi in den USA verläuft relativ schleppend. Neben der Covid-Situation haben Sie als Grund dafür ausgemacht, dass die Ärzte es nicht lang genug verschreiben. Wie kann das passieren?

Das liegt nicht zuletzt an der Neuartigkeit von Monjuvi. Monjuvi ist eine Immuntherapie und die einzige dieser Art, die als Zweitlinien-Therapie bei dieser Form des Lymphoms, DLBCL, zugelassen ist. Die Ärzte behandeln diese Erkrankung traditionell mit Chemotherapie über einen kurzen Zeitraum. Das optimale Behandlungsschema für eine Immuntherapie wie Monjuvi ist deutlich länger. Das ist ein Paradigmenwechsel. Deshalb kommunizieren und interagieren wir verstärkt mit den Ärzten, um das Behandlungsverhalten zu verändern. Da sehen wir Fortschritte, aber es dauert länger, als wir erwartet haben.

Das ultimative Ziel ist die Zulassung als Erstlinientherapie, korrekt?

Genau, das ist ein großer nächster Schritt, und darin sehen wir das größte Potenzial für Tafasitamab. In den USA werden jedes Jahr 30.000 Patienten mit DLBCL diagnostiziert, aber nur die Hälfte von ihnen wird durch die Standardbehandlung mit Chemotherapie geheilt. Wir sind mitten in einer Zulassungsstudie für die Erstlinientherapie.

Wann erwarten Sie die Ergebnisse?

In der zweiten Hälfte des Jahres 2025.

Sind Sie immer noch zuversichtlich, was Ihre Prognose von 500 bis 750 Millionen Dollar Spitzenumsatz für Monjuvi in der Zweitlinie angeht?

Unser Ziel für den Spitzenumsatz in den USA liegt immer noch in diesem Bereich für die Anwendung beim rezidivierten oder refraktären DLBCL. Aber angesichts des langsameren Starts, den wir hatten, kann man sicherlich sagen, dass sich der Zeitpunkt verschoben hat.

Sie haben bereits einiges zu Ihrem Hoffnungsträger Pelabresib gesagt. Was meinen Sie damit, dass der Wirkstoff vielleicht krankheitsmodifizierendes Potenzial haben könnte?

Das ist wirklich spannend. Gegen Myelofibrose wird seit rund zehn Jahren nur ein einziges Medikament angewendet. Das ist ein Jak-Inhibitor, der allerdings nur gegen die Symptome wirkt, jedoch nicht auf die Ursache der Krankheit. Nach einer gewissen Zeit erleidet ein beträchtlicher Teil der Patienten einen Rückfall, oder es treten Nebenwirkungen auf. Wir haben erste Hinweise, dass Pelabresib einen positiven Effekt auf die Vernarbung des Knochenmarks haben könnte. Das erforschen wir weiter. Es liegt auf der Hand, dass eine krankheitsmodifizierende Wirkung eine neue Ära in der Behandlung einleiten würde.

Die anderen beiden Kandidaten in Morphosys’ Pipeline, Felzartamab und CPI-0209, passen nicht unbedingt zu einem Hämatologie-Unternehmen. Was haben Sie damit vor?

Wir wollen uns nicht allein auf Blutkrebs beschränken, sondern können uns durchaus Aktivitäten im Bereich solider Tumore vorstellen. Bei Pelabresib konzentrieren wir uns jetzt auf Myelofibrose, aber wir schauen uns für die Zukunft natürlich auch Potenzial darüber hinaus an. CPI-0209 hat sowohl in hämatologischen als auch in soliden Tumoren Potenzial, das untersuchen wir gerade in einer Phase-2-Studie und werden im Lauf des Jahres erste Ergebnisse dazu bekommen. Felzartamab ist ein vielversprechender Wirkstoff für Autoimmunerkrankungen, aber wie Sie richtig gesagt haben, passt er nicht zu unserer zukünftigen strategischen Ausrichtung. Es ist also kein Geheimnis, dass wir den Wirkstoff für die weitere Entwicklung wahrscheinlich verpartnern oder auslizenzieren wollen.

Was ist mit dem Rest der früheren Entwicklungspipeline? Sie taucht gar nicht mehr so prominent in Ihren Präsentationen auf.

Die meisten dieser rund 100 Programme, die früher auch auf unserer Webseite zu sehen waren, sind in frühen Stadien und die allermeisten sind an andere Pharmaunternehmen verpartnert. Das heißt, wir haben keinerlei Kontrolle über deren Entwicklung. Manchmal funktioniert das, manchmal nicht. Pharmapartner ändern ihre Strategien andauernd. Das einzige Medikament, bei dem es bisher bis zur Marktzulassung geklappt hat, ist Tremfya. Hoffentlich wird es in Zukunft noch viele weitere Erfolge geben, aber auf dieser Grundlage kann man kein Biotech-Unternehmen aufbauen. Deshalb zeigen wir jetzt die Pipeline-Programme, die wir selbst entwickeln und die wir selbst kontrollieren können. Es ist mein Ehrgeiz, immer sehr fokussiert und klar zu sein.

Das heißt aber, Morphosys forscht durchaus weiter selbst an neuen Produktkandidaten?

Selbstverständlich, wir haben sehr interessante präklinische Projekte in unseren Laboren. Unsere Wissenschaftler forschen zum Beispiel an einem Programm, aus dem vielleicht die nächste Generation bispezifischer Antikörper hervorgehen könnte. Wenn Morphosys ein Start-up-Unternehmen wäre, würde ich über nichts anderes reden. Aber es ist eben bisher noch nichts Handfestes - ganz im Gegensatz zu Monjuvi, das schon zugelassen ist, oder zu Medikamentenkandidaten in der Spätphase wie Pelabresib.

Vita:

Erfahrener Branchenkenner

Jean-Paul Kress hat an der Faculté Necker-Enfants Malades in Paris Medizin studiert und an der École Normale Supérieure in Paris ein Studium der Biochemie sowie der molekularen und zellulären Pharmakologie abgeschlossen. Er war CEO der US-Biotechfirma Syntimmune, die 2018 von Alexion übernommen wurde. Zuvor arbeitete er unter anderem bei Biogen, Sanofi, Abbvie und Eli Lilly.

INVESTOR-INFO

Morphosys

Spottbillig, aber hochriskant

Aktuell notiert Morphosys unter dem Wert des Cash-Bestands. Trotzdem birgt ein Invest- ment hohe Risiken, da die weitere Entwicklung stark von zwei Faktoren abhängt: vom kommerziellen Erfolg von Monjuvi in einem sehr wettbewerbsintensiven Feld - und von der Zulassung von Pelabresib. Berenberg-Analysten rechnen mit einer Milliarde Dollar Spitzenumsatz, die Ergebnisse werden 2024 erwartet. Anleger sollten die Etablierung eines stabilen Aufwärtstrends abwarten jgr

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