Ein bei Börsianern beliebtes ­Gedankenexperiment ist die "Marsfrage": Käme man sozusagen als Raumfahrer vom roten Planeten auf die Erde und wüsste nichts von den Geschehnissen der letzten Monate, wie würde man die Kapitalmärkte beurteilen? Vermutlich würde man sich verwundert die Augen reiben. Zehnjährige Bundesanleihen bei einem Rendite-­Allzeittief, über 85 Prozent der ausstehenden deutschen Staatsschulden mit einem Minuszeichen bei der laufenden Verzinsung und Rentenpapiere mit einem Volumen von weltweit mehr als zwölf Billionen US-Dollar im negativen Renditebereich - das ist die aktuelle Lage am Rentenmarkt.

Dabei sah es vor einem Jahr noch anders aus. Die Notenbanken hatten den Abschied von der ultralockeren Geldpolitik eingeleitet, die Konjunktur schien schwach, aber stabil, und die Renditen waren auf breiter Front gestiegen. Moderat zwar, aber immerhin. Was ist also in der Zwischenzeit geschehen? Und - viel wichtiger - noch: Bleibt uns diese Situation erhalten?

Geringeres Wachstum und
wachsame Notenbanken


Dreh- und Angelpunkt ist dabei die ­Konjunktur. Zuletzt hat sich das Wachstum abgeschwächt, unter anderem bedingt durch den stockenden Welthandel. Hier zeigen sich erste Auswirkungen der Protektionismusdebatte. Internationale Arbeitsteilung ist aber effizienzfördernd, schafft also Wachstum. Diese Effekte verlieren nun an Kraft, und zwar in erster Linie bei den stark in die Weltwirtschaft eingebundenen Ländern. Das ist auch der Grund dafür, warum vor allem China und Deutschland von der Abschwächung betroffen sind.

Die Konjunktur hat also einen Dämpfer bekommen, und mit ihr die Inflation. Diese Mischung hat die Notenbanken auf den Plan gerufen, sowohl in den USA als auch in der Eurozone. Waren vor wenigen Monaten noch Leitzinsanhebungen geplant, lassen die Währungshüter nun ihre Bereitschaft zum Gegenteil erkennen. Jüngstes Beispiel sind die Äu­ßerungen von EZB-Chef Mario Draghi. Falls nötig, so seine Botschaft, werde man wieder in den Lockerungsmodus schalten.

Neben den bereits beschlossenen, großzügigen Refinanzierungshilfen für die europäischen Banken wird auch die Einführung von Freibeträgen bei den negativen Einlagezinsen diskutiert. Die Schweizerische Nationalbank wendet ein solches System bereits an, um die negativen Effekte des "Strafzinses" auf die eidgenössischen Geldhäuser zu verringern. Sollte das alles nicht reichen, sind perspektivisch sogar weitere Zinssenkungen durch die Zentralbank oder eine Neuauflage der Anleihe-Ankaufprogramme denkbar.

Das Niedrigzinsumfeld
wird weiter anhalten


Der Rentenmarkt hat diese Entwicklungen bereits vorweggenommen und mit deutlichen Kurssteigerungen auf Staats- und Unternehmensanleihen reagiert. Per Ende Mai 2019 hatten deutsche Staatsanleihen einen Jahresertrag von 4,1 Prozent erzielt. Anleger, die sich in die ehemaligen Krisenstaaten der Eu­ro­zone vorwagten und Staatsanleihen aus Griechenland, Irland, Italien, Portugal oder Spanien erwarben, konnten damit auf zwölf Monate gerechnet sogar 6,1 Prozent erzielen.

Den Kursgewinnen auf Rentenpapiere stehen spiegelbildlich rückläufige Renditen gegenüber, und ein plötzlicher Anstieg der Renditen würde diese Gewinne wieder zunichte machen. Doch eine solche Trendumkehr scheint uns nicht in Sicht. Die schwächere Konjunktur und geringe ­Inflation als Triebkräfte hinter dem Renditerückgang werden so schnell nicht verschwinden - und damit ist auch mit einer Fortsetzung des Niedrigzinsumfelds zu rechnen. Welche Chancen bieten die Rentenmärkte für Anleger in diesem Umfeld?

Ausweichalternativen in
und außerhalb Europas


Mit Staatspapieren europäischer Kernländer allein sind nach den skizzierten Kurssprüngen keine großen Gewinne mehr zu erzielen. Zwar haben lang laufende sichere Anleihen weiterhin ihren Platz in jedem breit aufgestellten Depot, denn sie dienen als "Schockabsorber" gegen mögliche Finanzmarktkrisen. Aber solange solche Krisen ausbleiben, wird man mit diesen Papieren kaum Geld verdienen. Staatsanleihen aus der europäischen Peripherie sind hingegen einen Blick wert, allerdings ist bei der Emittentenauswahl Vorsicht geboten. Wir favorisieren derzeit griechische und spanische Staatsanleihen - in beiden Ländern sorgt der Aufschwung für rückläufige Staatsverschuldung. Gleichzeitig lastet der Konflikt um das Haushaltsdefizit zwischen Rom und Brüssel weiter auf italienischen Staatsanleihen.

Daneben bleiben Unternehmens­anleihen eine interessante Ausweich­alternative. In Europa spricht viel für Papiere solider Schuldner mit guter Bonität, während bei hochverzinslichen Anleihen die wachsenden Risiken nicht (mehr) hinreichend durch Renditeaufschläge kompensiert werden.

Wir steuern auf japanische
Verhältnisse zu


Und schließlich lohnt der Blick nach Übersee. Die europäischen Rentenmärkte steuern unweigerlich auf japa­nische Verhältnisse zu, die durch ex­trem niedrige Renditen gekennzeichnet sind. Für die sprichwörtliche "Frau Wata­nabe" - das japanische Pendant zur schwäbischen Hausfrau - ist das nichts Neues. Sie legt ihre Ersparnisse bereits seit Jahrzehnten im Ausland an und nimmt das damit verbundene Währungsrisiko bewusst in Kauf. Damit ist sie gut gefahren. Aufgrund der höheren Renditen haben Auslandsanleihen in Yen gerechnet in den letzten 20 Jahren deutlich mehr abgeworfen als japanische Staatsanleihen. Und das obwohl auch die Heimatwährung von Frau ­Watanabe ähnlich wie früher die deutsche Mark und wie heute der Euro unter Aufwertungsdruck steht.

Von den positiven Erfahrungen japanischer Anleger mit der Internationalisierung ihrer Investitionen können wir als Deutsche lernen. Konkret heißt das: Lokalwährungsanleihen aus Schwellenländern und Unternehmensanleihen der entwickelten Volkswirtschaften außerhalb Europas sind attraktiv, gerade für langfristig orientierte Anleger. Man muss also nicht auf den Mars reisen, um mit Rentenpapieren Geld zu verdienen - aber ein Blick über den europäischen Tellerrand dürfte sich lohnen.

zum Gastautor:

Christian Kopf, Leiter
Rentenfondsmanagement Union Investment

Kopf leitet seit 2017 das Rentenfondsmanagement von Union Investment mit mehr als 50 Mitarbeitern und gut 60 Milliarden Euro Kunden­geldern. Der Diplom­ökonom ist eines von sechs Mitgliedern des Union Investment Committee. Union Investment ist die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken. Mit rund 300 Milliarden Euro verwaltetem Vermögen ist sie einer der größten deutschen ­Vermögensverwalter für private und ­institutionelle Anleger.