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Osteuropa: Rebellen und Profiteure - das macht die Region für Anleger interessant

Osteuropa: Rebellen und Profiteure - das macht die Region für Anleger interessant

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21.09.2019 - 11:47
03.09.2019 21:00:00

Innerhalb der EU verstehen sich Polen, Ungarn und Tschechien als politisches Gegengewicht zu Brüssel. Die ökonomische Entwicklung ist robust. Das macht die Region für Anleger interessant. Von Gian Hessami

Polen, Ungarn und Tschechien gelten in der Europäischen Union als "Aufmischer", als "Rebellen". Die drei osteuropäischen Länder hatten nach der EU-Erweiterung 2004 zunächst kaum noch politisches Gewicht. Doch dann kam 2015 die Flüchtlingskrise. Sie schmiedete die drei Staaten zusammen - gegen Brüssel. Eine verpflichtende Verteilung von Flüchtlingen lehnten sie ab. Politiker der drei Länder kritisieren die Europäische Union als "Imperium" und die Brüsseler EU-Kommission als "neues Moskauer Politbüro", das ihnen ihrer Auffassung nach Entscheidungen aufzwingen will.

In Polen und Ungarn riefen die Regierungsparteien PiS und Fidesz zur "Verteidigung und Rettung des christlichen Europa" auf. Ungarns Premier Viktor Orbán warf der EU-Kommission vor, eine Massenansiedlung von Muslimen zu planen. Tschechiens Premier Andrej Babiš wetterte gegen eine zu starke und politisierte EU-Kommission. Die Führungspolitiker in Polen, Tschechien und Ungarn plädierten für ein stärkeres "Europa der Nationen" und weniger Kompetenzen für EU-Gremien. Konkrete Reformvorschläge dazu gab es bislang jedoch nicht.

Auch wenn sich die drei Länder nach außen hin solidarisch zeigen, von kompletter Einigkeit untereinander kann bei genaueren Hinsehen keine Rede sein. Vor allem wenn es um das Verhältnis zu Russland geht. Polen betrachtet Russland als Gefahr und fordert weitere Sanktionen und eine stärkere Loslösung von der wirtschaft­lichen Zusammenarbeit mit Moskau, insbesondere bei Gas- und Erdöl­lieferungen in die EU. Ungarn hingegen betreibt eine ausgesprochen russlandfreundliche Politik. Orbán trifft Wladimir Putin so oft wie kaum ein anderer EU-Regierungschef.

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In Polen ist der erzkonservative Antikommunismus eines Jarosław Kaczyński prägend, in Tschechien hingegen amtiert mit Babiš ein ehemaliger realsozialistischer Wirtschaftsfunktionär und Mitarbeiter der tschechoslowakischen Staatssicherheit. Die Osteuropäer verstehen sich zwar als Gegengewicht zu Brüssel, profitieren aber zugleich von Förderungen des Staatenverbunds und von wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Polen ist dafür ein gutes Beispiel. Das ehemalige Ostblockmitglied pflegt gute Handelsbeziehungen zur EU, insbesondere zu Deutschland. Der Dienstleistungssektor hat inzwischen einen Anteil am Bruttoinlandsprodukt von über 55 Prozent, die Industrie circa 24 Prozent, Handwerk und Gewerbe 19 Prozent und Landwirtschaft gut zwei Prozent.

Hoher privater Konsum


Etwa 70 Prozent der Wertschöpfung entsteht im Privatsektor, wo sieben von zehn Arbeitnehmern tätig sind. Polen verzeichnete in den vergangenen Jahren ein erhebliches Wirtschaftswachstum - 2019 sollen es 3,8 Prozent werden. Das Wachstum wird getragen durch einen hohen privaten Konsum, den Export, ein flexi­bles Arbeitsrecht, durch Investitionen der Kommunalverwaltungen und nicht zuletzt auch durch umfangreiche ausländische Direktinvestitionen.

Die ungarische Wirtschaft soll 2019 um 3,6 Prozent wachsen. Das Exportgeschäft läuft gut. Der Wert der Ausfuhren erreichte im Jahr 2018 ein Gesamtvolumen von rund 105 Milliarden Euro. Mehr als drei Viertel der Ausfuhren gehen in die EU, über ein Viertel allein nach Deutschland. Deutschland ist mit einem Anteil von rund 28 Prozent auch der mit Abstand größte ausländische Direktinvestor: 3500 deutsche Firmen beschäftigen über 250 000 Menschen. Zu den größeren Investitionen gehören Werke von Audi, Mercedes und Bosch. Neben Großinvestoren wie Allianz, Bosch, Deutsche Telekom, RWE, Thyssenkrupp und SAP sind viele Mittelständler in Ungarn aktiv. Deutsche Unternehmen genießen durch Vermittlung von Managementwissen und Fachausbildung ein hohes Ansehen im Land.

Tschechiens Wirtschaft wächst 2019 wahrscheinlich um 2,9 Prozent. Die Arbeitslosigkeit war im vergangenen Jahr mit 2,4 Prozent so niedrig wie in keinem anderen EU-Land. Der Kurs der Haushaltskonsolidierung wird fortgesetzt. Das Außenhandelsvolumen steigt kontinuierlich an und übertrifft das Volumen des Bruttoinland­produkts um mehr als zwei Drittel. Das Land erzielt jedes Jahr hohe Export­überschüsse von mehreren Milliarden Euro, mehr als 80 Prozent der Exporte gehen in die EU.

Die top Wachstumsraten sind jedoch keine Garantie für steigende Kurse. Dies zeigt der von der Wiener Börse berechneten CECE-Composite-Index. Das Barometer fasst die umsatzstärksten Bluechips der Länder Polen, Ungarn und Tschechien zusammen. In den vergangenen drei Jahren hat sich der Index mit einem Plus von knapp 20 Prozent recht ordentlich entwickelt. In diesem Jahr steht jedoch ein Minus von fünf Prozent zu Buche.

Weiter großes Potenzial


Da das Wachstum aber stark von der Inlandsnachfrage getrieben wird, gehen Marktbeobachter davon aus, dass externe Konflikte wie der zwischen den USA und China die Volkswirtschaften in ­Polen, Ungarn und Tschechien nicht unmittelbar beeinträchtigen wird. Wegen des Nachholbedarfs bei der Infrastruktur, der Modernisierung der Wirtschaft und der wachsenden Einkommen ist das Potenzial offenbar noch lange nicht ausgeschöpft.

Der CECE-Composite-Index umfasst aktuell 28 Unternehmen. Knapp die Hälfte der Indexgewichtung entfällt auf den Bankensektor. Auf Platz 2 liegt der Bereich Öl und Gas mit rund 20 Prozent. Mit rund zwölf Prozent Gewichtung ist die Erste Group Bank das Schwergewicht im Index.

Erste Group ist zwar eine österreichische Gesellschaft, die Papiere des Unternehmens werden aber auch mit hohen Umsätzen in Prag gehandelt. Zudem ist die Aktie im Leitindex PX der Prager Börse enthalten. Mit 16 Millionen Kunden und mehr als 2500 Filialen in sieben Ländern ist die Erste Group eine der größten Bankengruppen in Zentral- und Osteuropa. Die OTP Bank wiederum ist eines der größten Kreditinstitute in Ungarn. Die Bank unterhält auf dem Heimatmarkt über 400 Filialen für Privat- und Geschäftskunden und vertreibt ihre Angebote auch elektronisch via Internet und Mobiltelefon.

Die polnische Erdölgesellschaft PKN Orlen zählt zu den größten Betreibern von Erdölraffinerien. Die Gesellschaft verarbeitet Erdöl zu unverbleitem Benzin, Diesel, Heizöl, Flugzeugtreibstoff und Plastik. Das polnische Kreditinstitut PKO Bank Polski ist die größte Bank Polens und bietet Produkte und Dienstleistungen für Privat- und Geschäftskunden an. PZU ist der größte Versicherungsanbieter des Landes und hat ein breites Portfolio an Sachversicherungen und Finanzprodukten.

Anleger, die ihr Investment auf mehrere Werte verteilen möchten, können per ETF oder Zertifikat auf die Aktien der drei Länder setzen. Da die Länderindizes von den jeweiligen Landeswährungen abhängen, spielt natürlich auch die Entwicklung des ungarischen Forint, des polnischen Złoty und der tschechischen Krone eine wichtige Rolle.

Auf einen Blick: Osteuropa


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