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Portrait: Manfred Weber - Ein Bayer greift nach dem EU-Topjob

Portrait: Manfred Weber - Ein Bayer greift nach dem EU-Topjob

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08.11.2018 21:00:00

Für einen CSU-Spitzenpolitiker ist Manfred Weber auffallend diplomatisch. So gut wie nie kommt dem 46-Jährigen in Brüssel oder München ein böses Wort über andere über die Lippen. Der Charakterzug zeigte sich auch beim Duell der Bewerber für den Posten des Spitzenkandidaten der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) für die Europawahl 2019 in Helsinki.

Statt auf seinen Rivalen verbal einzudreschen, lobte Weber den früheren finnischen Ministerpräsidenten Alexander Stubb, und wurde dann am Donnerstag mit großer Mehrheit gewählt. Auch wenn der Umgang von Politikern in Brüssel generell wesentlich freundschaftlicher ist als in den nationalen Hauptstädten, ist Webers Art eine Ausnahme.



Der Niederbayer greift nach dem Top-Job in der EU. Als Spitzenkandidat seiner Fraktion - der größten im Europaparlament - darf er sich bei einem Erfolg bei der Europawahl im Mai gute Chancen auf das Amt des Kommissionspräsidenten ausrechnen. In Europa ist er schon lange zu Hause und sitzt seit 2004 im EU-Parlament. Bei der mächtigen EVP-Fraktion zieht er seit vier Jahren die Strippen. Wenn es sein muss, kann er aber auch ganz undiplomatisch sein: "Europa wird von außen und innen angegriffen", sagt er bei der Verkündung seiner Kandidatur in Brüssel. Radikale und Anti-Europäer versuchten, die EU zu zerstören. Deshalb stehe Europa bei der Wahl 2019 am Scheideweg.


International ist er bestens vernetzt und war schon beim französischen Präsidenten im Elysee-Palast und auch in der Londoner Downing-Street, dem Dienstsitz der britischen Premierministerin. Und mit der EVP koordiniert er vor EU-Gipfeln die Politik der konservativen Parteienfamilie. Er gilt als Merkels Mann in Brüssel - und argumentiert wie sie immer wieder, dass man nach Ausgleich und Kompromissen suchen müsse. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Weber durch seine Unterstützung für kostenlose Interrail-Tickets für junge Leute bekannt.

In der CSU, die bei ihren Wählern traditionell auch mit Europa-Kritik punktet, ist Weber der Wortführer des liberalen Flügels. Der auf Ausgleich bedachte Parteivize hat sich damit von anderen mächtigen CSU-Politikern wie Alexander Dobrindt und Markus Söder abgegrenzt. Landesgruppenchef Dobrindt und der seit März amtierende bayerische Ministerpräsident Söder haben sich als Verfechter eines rechtskonservativen Kurses profiliert, teilweise mit polemischen Zuspitzungen. Wie Dobrindt und Söder hat Weber seinen Anspruch auf die Nachfolge des 69-jährigen Parteichefs Seehofer durchblicken lassen.

CSU-Forderungen nach Alleingängen in der Flüchtlingspolitik oder bei der Griechenland-Rettung hat Weber nicht geteilt, sondern sich für einen Kompromiss mit CDU-Chefin und Bundeskanzlerin Angela Merkel stark gemacht. Als Seehofer zuletzt mit Dobrindts und Söders Rückendeckung Anfang Juli erneut die Eskalation mit Merkel suchte, warb Weber dafür, statt dessen das Erreichte als Erfolg zu verbuchen. "Die CSU hat in den letzten Wochen Europa gerockt", sagte Weber, nachdem Merkel auf Druck der CSU von anderen EU-Staaten Zusagen für die Rücknahme von Flüchtlingen erhalten hatte. Mit dieser Deutung setzte sich Weber zunächst nicht durch.

WAHLKÄMPFER WEBER UND SÖDER SUCHEN SCHULTERSCHLUSS

Doch nachdem sich der von Seehofer, Dobrindt und Söder verfolgte Konfrontationskurs nicht auszahlte, bekam Weber Oberwasser. Die CSU verlor in der Landtagswahl. Ministerpräsident Söder, der für die CSU eigentlich die absolute Mehrheit verteidigen sollte, schlägt moderatere Töne an und sucht nun den Schulterschluss mit seinem alten Rivalen Weber.

Dieser kann Unterstützung aus Bayern ebenfalls brauchen, um bei der Europawahl im Mai im Stammland der CSU ausreichend Wähler zu mobilisieren. Beide präsentierten sich auch im Wahlkampf zur bayerischen Landtagswahl als Duo. Weber begleitete Söder zudem zu dessen Bierzeltrede auf dem Jahrmarkt Gillamoos in Abensberg, einem der bedeutendsten Volksfeste in Bayern. Unter dem Applaus der 4000 Besucher empfahl Söder seinen CSU-Vorstandskollegen als europäischen Spitzenkandidaten. Ob sich eine weitere EU-Karriere und ein CSU-Vorsitz ausschließen, blieb auch am Donnerstag in Helsinki offen.

Trotz seines langjährigen Wirkens in Brüssel und Straßburg - Weber ist seit 14 Jahren Europaabgeordneter - hat der gelernte Ingenieur die Bodenhaftung nicht verloren. Kraft schöpft der verheiratete Katholik beim wöchentlichen Gottesdienstbesuch und beim Gitarrespiel. "Meine Familie ist für mich der Rückzugsort schlechthin", erklärt Weber auf seiner Internet-Seite. Sein Privatleben schirmt er weitgehend ab. Weber, der seine Karriere wie Söder als Landesvorsitzender der bayerischen Jungen Union begann, erhält nicht nur bei Reden vor dem Nachwuchsverband regelmäßig großen Applaus.

Mit seinem niederbayerischen Akzent wirbt Weber in Gesprächen mit Bürgern in der ländlich geprägten, erzkonservativen Stammregion der CSU regelmäßig für die Einigung Europas. Weber berief sich auch bei seiner Bewerbungsrede auf dem EVP-Kongress am Donnerstag dabei auf ein Zitat des legendären CSU-Chefs Franz Josef Strauß: "Bayern ist unsere Heimat, Deutschland unser Vaterland, Europa unsere Zukunft."

rtr


Bildquelle: European Union/European Parliament/CC/by-nc-nd/4.0

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