Damit sollen sie auf mittlere Sicht auch stärker wachsen und mehr Rendite abwerfen. Die aus Zehntausenden Mitarbeitern bestehende Siemens-Zentrale soll abgespeckt und die Beschäftigten auf die Sparten verteilt werden.

"Weniger Steuerung durch die Zentrale und mehr Freiheit für die Geschäfte machen uns stärker und flexibler", sagte Kaeser. "Die Zeiten, in denen wir Projektgeschäft-, Produkt-, Software- und Dienstleistungsunternehmen mit ihren unterschiedlichen Anforderungen zentral und effizient steuern konnten, sind vorbei." Für den 61-Jährigen ist es eine Art Vermächtnis: Sein Vertrag läuft bis Anfang 2021, die Umsetzung dieser Strategie dürfte weitgehend Sache seines Nachfolgers werden. Die Ziele der Vision 2020, mit der Kaeser vor vier Jahren angetreten war, seien weitgehend erreicht.

KAESERS SPAGAT



Mit der neuen Konzernstruktur will Kaeser auf die Abneigung der Kapitalmärkte gegen Konglomerate reagieren und zugleich den Ängsten der Mitarbeiter vor einer Zerschlagung begegnen. Die Arbeitnehmervertreter äußerten sich verhalten positiv. Der Weg sei grundsätzlich richtig, sagte Aufsichtsratsmitglied und IG-Metall-Vorstandsmitglied Jürgen Kerner. Aus Siemens dürfe aber keine Finanzholding werden. "Das Filetieren von Konzernen mit breitem Portfolio ist momentan zwar ein beliebtes Spiel der sogenannten Finanzmärkte, ein Unternehmen wie Siemens kann jedoch aus eigener Stärke agieren." Gesamtbetriebsratschefin Birgit Steinborn betonte, der Strukturwandel dürfe nicht zulasten der Belegschaft gehen.

Die drei etwa gleich großen Sparten sollen nicht aus München geführt werden. Das Energie- und Gasgeschäft mit rund 71.000 Mitarbeitern und 21 Milliarden Euro Umsatz lenkt Vorstand Lisa Davis aus Houston im US-Bundesstaat Texas, die Infrastruktursparte (Gebäudetechnik und Netze) führt Cedrik Neike aus Zug in der Schweiz, und das Aushängeschild Digital Industries steuert Klaus Helmrich aus Nürnberg. Letztere wird mit der Übernahme des App-Entwicklers Mendix für 600 Millionen Euro ausgebaut. Dessen Produkte sollen Siemens-Industriekunden helfen, Daten aus den eigenen Fabriken schneller zu erfassen und auszuwerten und die Digitalisierung der Produktion zu beschleunigen.

Die Medizintechnik-, Windkraft- und Zugsparte hatte Kaeser schon ausgegliedert. Die Töchter Siemens Healthineers und Siemens Gamesa sind bereits an der Börse notiert, die Zugsparte soll mit der französischen Alstom fusioniert werden und dann ebenfalls börsennotiert sein. Siemens hält an allen drei Firmen die Mehrheit.

HÖHERE MARGENZIELE FÜR DIE SPARTEN



Kaeser erhofft sich davon, dass Umsatz und Rendite im Industriegeschäft schneller wachsen als bisher. Der Umsatz soll mittelfristig jährlich um vier bis fünf Prozent zulegen, das sind zwei Prozentpunkte mehr als bisher. Die Umsatzrendite soll bei 13 bis 14 Prozent liegen, bisher hatte sich Siemens 11 bis 12 Prozent zum Ziel gesetzt. Die höchsten Renditen (Ebita-Marge) erwartet Kaeser künftig von Digital Industries: 17 bis 23 Prozent vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen. Bisher sind es 16 Prozent. Die Medizintechnik-Tochter Siemens Healthineers soll 17 bis 21 Prozent Rendite abwerfen.

Mehrere kleinere Problemfälle, etwa die Post- und Flughafen-Automatisierung, bündelt Siemens in einer eigenen Einheit. Dazu kommt nun auch die Tochter Flender, die mechanische Antriebe herstellt. Die Firmen mit zusammen fünf Milliarden Euro Umsatz und 21.000 Mitarbeitern sollen zentral gesteuert und auf Rendite getrimmt werden. Das Ziel sind fünf Prozent Umsatzrendite bis 2023. Zuletzt schrieben sie zusammen 300 Millionen Euro Verlust. Branchenkreisen zufolge könnten sie früher oder später verkauft werden.

rtr