Die Verhandlungen zwischen den beiden Unternehmen zogen sich bis zuletzt in die Länge. Nachdem Thyssenkrupp am späten Freitagabend die Freigabe der Pläne durch den Aufsichtsrat bestätigt hatte, dauerte es noch Stunden, ehe die Tinte unter den Verträgen trocken war und Hiesinger Vollzug melden konnte. "Durch den Zusammenschluss der Nummer Zwei und Drei in Europa schaffen wir eine deutliche stärkere Nummer Zwei", betonte der Manager.

Der neue Konzern mit dem Namen Thyssenkrupp Tata Steel hat 48.000 Mitarbeiter und macht einen Pro-Forma-Umsatz von rund 17 Milliarden Euro. Thyssen und Tata würden damit zum europäischen Marktführer ArcelorMittal aufschließen. Der Deal ist der größte in der europäischen Branche seit der Übernahme von Arcelor durch Mittal vor mehr als zehn Jahren. Ob die Kartellbehörden die Transaktion noch in diesem Jahr freigeben, ist offen. Es könne auch bis zum ersten Quartal 2019 dauern, räumte Finanzchef Guido Kerkhoff ein.

EINSPARUNGEN DURCH JV ETWAS NIEDRIGER - DIVIDENDEN ERWARTET



"Mit dem Joint Venture sichern wir uns langfristig eine wettbewerbsfähige Position in der europäischen Stahlindustrie - mit einem überzeugenden industriellen Konzept und auf Basis einer klaren strategischen Logik", betonte Hiesinger. "Damit erhalten wir langfristig Arbeitsplätze und erhalten Wertschöpfungsketten." Der Sitz des Konzerns soll in der Region Amsterdam sein, die Führung paritätisch besetzt sein.

Dem seit 2011 an der Spitze von Thyssenkrupp stehenden Hiesinger sitzen Investoren wie der Großaktionär Cevian und der US-Hedgefonds Elliott im Nacken. Sie fordern, dass alle Bereiche des Unternehmens auf den Prüfstand gestellt werden und der Konzern auf Rendite getrimmt wird. "Mit Abschluss des Joint-Venture-Vertrags hat Thyssenkrupp nun die Voraussetzung geschaffen, das strategische Zielbild des Konzerns zu schärfen und damit auch seine finanziellen Zielsetzungen anzupassen", kündigte das Unternehmen an, dessen Geschäfte vom Stahl über Aufzüge bis zu Autoteilen sowie dem Anlagen- und U-Boot-Bau reichen.

Die Prüfung der Bücher habe ergeben, dass das Joint Venture jährliche Synergien von 400 bis 500 Millionen Euro erzielen könne, hieß es. Zuvor waren allerdings bis zu 600 Millionen Euro erwartet worden. Bis zu 4000 Jobs sollen in den kommenden Jahren in der Verwaltung und der Produktion gestrichen werden. Die Stimmrechte sollen bei 50:50 liegen, wodurch Thyssenkrupp das Stahlgeschäft entkonsolidieren kann. Aus einem möglichen späteren Börsengang solle Thyssenkrupp aber ein höherer Anteil zufließen, der einer Beteiligung von 55/45 entspreche. Über den Zeitpunkt des Börsengangs könne Thyssenkrupp alleine entscheiden.

BEWERTUNGSLÜCKE IN MITTLERER DREISTELLIGEN MIllIONENHÖHE



Dieser Teil der Vereinbarung soll dazu dienen, die Bewertungslücke zu schließen, die durch die zuletzt unterschiedliche Geschäftsentwicklung entstanden war. Bei Thyssen lief es zuletzt rund, während Tata schwächelte. In einer Präsentation wurde die Lücke auf einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag beziffert. Das Joint Venture soll zudem jährlich Dividenden in der Höhe eines niedrigen bis mittleren dreistelligen Millionenbetrags abwerfen.

Nach dem langen Hickhack um das Joint Venture mahnten die Arbeitnehmervertreter den Vorstand zu mehr Offenheit an. "Wir mussten uns nicht nur einen Tarifvertrag erkämpfen, wir mussten auch immer wieder um ökonomische Vernunft streiten", kritisiere Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath. Der IG Metall-Sekretär und Vizechef des Aufsichtsrats, Markus Grolms, betonte, dass durch die Kritik und die Forderungen der Arbeitnehmervertreter massive Verbesserungen erzielt worden seien, um die Risiken zu beherrschen. "Die Haftung für gravierende Risiken, wie etwa die Umweltrisiken in UK ,verbleiben bei Tata. Die niederländische Gesellschaft wird am Cash Pooling teilnehmen. Das war uns enorm wichtig."

In Großbritannien muss Tata noch Überzeugungsarbeit leisten. "Die britischen Tata-Beschäftigten sind weltklasse und haben trotz aller Unsicherheiten die britische Stahlproduktion am Leben erhalten", sagte ein Vertreter der größten britischen Gewerkschaft Unite. Die Stahlkocher würden für Garantien in Sachen Beschäftigungssicherung und Investitionen kämpfen.