EZB-Vizepräsident de Guindos kritisiert die Bundesregierung offen für ihren Widerstand gegen eine Unicredit-Übernahme der Commerzbank. Eine ungewöhnlich klare Parteinahme – mit Brisanz.

EZB-Vizepräsident Luis de Guindos hat im Übernahmestreit um die Commerzbank für Aufsehen gesorgt. In einem Interview mit der „Financial Times" vom Montag kritisierte das Direktoriumsmitglied die Bundesregierung ungewöhnlich offen für ihren Widerstandgegen das Übernahmeangebot der italienischen Unicredit. „Es ist für Regierungen sehr schwierig zu argumentieren, dass sie für die Spar- und Investitionsunion sind, wenn sie dann sagen: Nun, wir sind gegen diese konkrete Transaktion", sagte de Guindos. Nationaler Widerstand gegen grenzüberschreitende Bankenkonsolidierungen untergrabe den Geist des europäischen Binnenmarkts.

Den deutschen Bankenmarkt bezeichnete der Spanier als „sehr fragmentiert" und plädierte für grenzüberschreitende Fusionen: „Eine echte europäische Großbank könnte mit den amerikanischen konkurrieren. Die Bewertungen könnten deutlich höher ausfallen, und eine günstigere Finanzierung wäre ebenfalls möglich."

Unicredit will Anteil auf über 30 Prozent erhöhen

Kern des Streits: Die Unicredit hat ein freiwilliges Übernahmeangebot vorgelegt, um ihren Anteil an der Commerzbank von knapp 28 auf mehr als 30 Prozent zu erhöhen. Die Commerzbank lehnt das Angebot ab, pocht auf ihre Eigenständigkeit – und bekommt dafür Rückendeckung aus Berlin. Der Bund hält noch rund zwölf Prozent an der Bank, nachdem er sie in der globalen Finanzkrise mit Steuergeld gerettet hatte. Die Bundesregierung nannte das Vorgehen von Unicredit zuletzt „völlig unangebracht und unfair". Auch die Finanzaufsicht Bafin trat auf die Bremse: Sie untersagte Unicredit „Werbeanzeigen in reißerischer und unsachlicher Aufmachung" – nachdem der Konzern die Commerzbank in sozialen Medien als „vernachlässigt" und „unsicher" dargestellt hatte.

Öffentliche EZB-Kritik ist unüblich

Die Aussagen von de Guindos sind aus mehreren Gründen brisant. Zum einen ist es unüblich, dass sich EZB-Vertreter öffentlich zu konkreten Banken oder laufenden Übernahmekämpfen äußern. Zum anderen prüft die EZB-Bankenaufsicht derzeit selbst, ob Unicredit ihren Anteil auf über 30 Prozent aufstocken darf – und müsste in diesem Verfahren eigentlich neutral bleiben. In der Commerzbank empfinden viele die Haltung der EZB als einseitig: Während die Notenbank wiederholt für grenzüberschreitende Fusionen eintritt, schwieg sie bislang zu den aggressiven Auftritten von Unicredit-Chef Andrea Orcel. Die Amtszeit von de Guindos endet planmäßig Ende Mai – sein Nachfolger wird der Kroate Boris Vujcic.

Für die Commerzbank-Aktie bleibt der Ausgang des Übernahmestreits das alles entscheidende Thema.

Commerzbank (WKN: CBK100)

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Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Commerzbank.