Volkswagen ist ein Konzern der Extreme. Fast 14 Milliarden Euro hat der Automobilhersteller allein im vergangenen Jahr operativ verdient - mehr als jeder andere DAX-Konzern. Auch beim Umsatz sind die Wolfsburger der Riese am deutschen Aktienmarkt.

Volkswagen ist aber auch berüchtigt, nicht nur aufgrund des Dieselskandals: Mit zwölf verschiedenen Marken, starken Gewerkschaften, mächtigen Großaktionären, strengen Hierarchien und einer schwer zu durchdringenden Bürokratie hat der Konzern aus Sicht der Kapitalmärkte sein Potenzial niemals abgerufen. Das soll sich ändern.

Eine bemerkenswerte Zahl hat Finanzchef Frank Witter aufgerufen: In einem internen Brief gibt er als Ziel einen Börsenwert von 200 Milliarden Euro aus. Eine höhere Marktkapitalisierung reflektiere Profitabilität und finanzielle Stärke, zitiert der Finanzdienst Bloomberg aus dem Schreiben. Aktuell sind die im DAX notierten Vorzüge von VW 37 Milliarden Euro wert, die Stämme 52 Milliarden. Kann Volkswagen seinen Wert wirklich mehr als verdoppeln?

Die Zukunft startete Anfang November in Zwickau. Dort rollte der erste vollelektrische VW vom Band. Der ID.3 ist bei Verkaufspreisen ab 30.000 Euro für den Massenmarkt konzipiert. Noch ist nicht abzusehen, wie das Modell bei den Kunden ankommt. Begrenzte Reichweiten und die lückenhafte Infrastruktur könnten Käufer abschrecken. Für die Autoindustrie aber gibt es kein Zurück, schließlich müssen die staatlich verordneten Umweltauflagen erfüllt werden. Der alte Verbrennungsmotor ist nur noch Auslaufmodell.

Der VW-Vorstand wechselt auf den Beschleunigungsstreifen: Fast 60 Milliarden Euro sollen in den kommenden fünf Jahren in klimafreundliche Antriebe und die Digitalisierung gesteckt werden. Im Jahr 2029 will man bis zu 75 reine Elektromodelle und etwa 60 ­Hybride anbieten. Die Investmentbank Goldman Sachs sieht die Wolfsburger schon jetzt als eines der führenden Unternehmen im Markt für batteriebetriebene Elek­trofahrzeuge. Die Analysten von Bloomberg Intelligence halten es für möglich, dass Volkswagen ein ähnliches Image wie Tesla erreichen könne. An den Aktienmärkten ist das allerdings noch nicht sichtbar.

Der technologische Umbruch kommt in einer kritischen Phase. Die Weltkonjunktur kühlt sich ab, ein stärkerer Abschwung dürfte die Branche hart treffen. In China, lange der Wachstumstreiber, gehen die Absatzzahlen nach unten. Der von US-Präsident Donald Trump entfachte Handelskrieg bringt zusätzliche Gefahren. Selbst wenn sich Washington und Peking einigen, ist das kein Grund zur Entwarnung. Womöglich sind die Europäer das nächste Angriffsziel für Trump. Das würde auch Volkswagen treffen. Es gibt also Gründe, vorsichtig zu sein.

Autoaktien sind fast immer niedrig bewertet, weil das Geschäft zyklisch und kapitalintensiv ist. Die im DAX notierte VW-Vorzugsaktie wird derzeit mit dem Sechsfachen der für die kommenden zwölf Monate erwarteten Konzerngewinne gehandelt. Die Papiere sind damit knapp zehn Prozent billiger als im Schnitt der vergangenen zehn Jahre. Dem DAX wird dagegen ein leichter ­Aufschlag zum historischen Durchschnitt zugestanden. Die Schere geht ungewöhnlich weit auseinander.

Prunkstück Porsche


Der stärkste und am leichtesten zu ­bewegende Hebel liegt in der Konzern­struktur: Konglomerate sind an den ­Aktienmärkten unbeliebt. Volkswagen ist mit seiner breiten Palette aus Pkw, Trucks und Motorrädern, mit Massen-, Premium- und Luxusmarken ein extremer Fall.

Die Profitabilität und damit der Wert der einzelnen Bestandteile ist sehr unterschiedlich. Das Prunkstück ist Porsche mit einer operativen Marge von zuletzt über 17 Prozent. Verwässert wird das durch weniger profitable Bereiche. Als alleinstehendes Unternehmen wäre Porsche nach Einschätzung von Goldman Sachs mehr als 70 Milliarden Euro wert und würde bereits einen großen Teil des gesamten Börsenwerts abdecken. Alle Einzelteile des VW-Universums summiert die Investmentbank auf bis zu 153 Milliarden Euro.

Das allerdings sind bislang lediglich Rechenübungen. Der VW-Vorstand hat zwar sein Nutzfahrzeuggeschäft Traton in diesem Jahr an die Börse gebracht, Hinweise auf ein radikales Aufbrechen des Konglomerats gibt es aber bislang nicht. Börsianer werden das Thema auf der Agenda halten. Das Management müsse sich irgendwann fragen, warum es so viel Wert unrealisiert lasse, heißt es bei der Analysefirma Evercore ISI.

Woher soll der Schwung für die Aktie also kommen? Aktuell wird das operative Geschäft durch die schweren Geländewagen angetrieben. In diesem margenstarken und wachsenden Segment hat Volkswagen noch immer Aufholpotenzial. Analysten trauen dem Konzern in den kommenden beiden Jahren somit immerhin Gewinnsteigerungen im mittleren einstelligen Prozentbereich zu.

Ein weiterer Schlüssel sind die Kosten: Volkswagen ist auf allen Ebenen zu kompliziert. Der technologische Umbruch erhöht den Handlungsdruck. Bei der Tochter Audi soll jeder sechste Arbeitsplatz gestrichen werden. Um sechs Milliarden Euro sollen die Kosten dort sinken, auch um mehr Geld für Investitionen in Elektroautos zu haben. Noch immer sind die Margen des Volkswagen- Konzerns enttäuschend, sie sollen aber steigen: Für die operative Rendite vor Sondereinflüssen peilt der Vorstand im laufenden und kommenden Jahr 6,5 bis 7,5 Prozent an. Für 2025 sollen es dann zwischen sieben und acht Prozent werden. Auch das wäre noch nicht sensationell hoch.

Die Prognosen der Profis


Bis wohin kann der Börsenwert steigen? Die Kursziele der Analysten, die meist auf Sicht von zwölf Monaten ausgerichtet sind, liegen laut Bloomberg im Schnitt bei 200 Euro je Aktie. Das würde bei 501 Millionen Papieren auf eine Marktkapitalisierung von rund 100 Milliarden Euro hinauslaufen. Das volle ­Potenzial wird wohl nur mit Geduld zu heben sein. "Die vielen Probleme der Branche - schwache Konjunktur, Handelskonflikte oder auch die Diesel-Nachwehen - drücken das Bewertungs­niveau der Aktie", erklärt Jürgen Pieper vom Bankhaus Lampe. Auf längere Sicht aber könne sich das ändern: "In den frühen 2020er-Jahren, wenn einige dieser Probleme hoffentlich gelöst sein werden und die neuen Technologien in den Vordergrund treten, ist ein Börsenwert im Bereich von 200 Milliarden tatsächlich möglich."

Investor-Info

Konzerngewinn
Zurück in der Erfolgsspur


Der Dieselskandal kommt Volkswagen teuer zu stehen. Im Jahr 2015 rutschte der Konzern durch die Sonderlasten sogar in die roten Zahlen. Noch immer fallen Kosten aus der ­Affäre an, der Gewinn ist aber wieder auf hohem Niveau. Im vergangenen Jahr blieben nach Steuern über zwölf Milliarden Euro. 2019 dürfte sich Volkswagen erneut verbessern.

Konglomerat
Erhebliche Unterschiede


Der operative Gewinn des Volkswagen-Konzerns wird vor allem von drei Marken eingefahren: Audi, Porsche und das Pkw-Geschäft von VW steuerten in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres jeweils etwas mehr als 20 Prozent bei. Darüber hinaus kommt nur noch das Geschäft mit Finanzdienstleistungen auf einen zweistelligen Prozentanteil.

Aktie
Niedrig bewertet


Volkswagen ist eine der spannendsten In­vestmentstorys im DAX. Die Herausforderungen für Branche und Konzern sind nicht zu unterschätzen, die niedrige Bewertung der Aktie aber schafft ein ansprechendes Verhältnis von Chancen und Risiko. Nebenbei gibt es eine ordentliche Dividende. Attraktiv.

Empfehlung: Kaufen
Kursziel: 200,00 Euro
Stoppkurs: 128,00 Euro