Seit Ende März haben sich die Kurse vieler Chipaktien glatt verdoppelt – oder noch mehr. Es wird gekauft, was zu kriegen ist. Aber stellt sich hier noch ein einziger Investor die richtigen Fragen? 

Eine Kolumne von Markus Voss

„FOMO“, die Abkürzung für „fear of missing out“ bezeichnet das Phänomen, dass Menschen permanent auf ihre Handys schauen, weil sie Sorge haben, sie könnten etwas verpassen: die nächste WhatsApp-Nachricht, die Push-Nachricht ihres Lieblings-Nachrichtenportals oder einfach die nächsten 20 TikTok-Videos. Deshalb gucken sie alle paar Sekunden auf ihr Smartphone: im Fitnessstudio, im Meeting, auf der linken Spur der Autobahn bei 180 km/h …

Spätestens seit 2022 wissen wir: FOMO gibt es auch an der Börse. Erst rissen sich alle um Nvidia, dann um KI-Aktien im Allgemeinen – und jetzt um die Chip-Werte. Weil viele den Monster-Bedarf der KI-Modelle nach Datenspeicher nicht kommen sahen, schauten sie der Rally erst ungläubig zu und waren dann, als diese einfach nicht abebbte, gezwungen, noch verspätet aufzuspringen. Manche tun es immer noch.

Gleichzeitig haben viele Profis schon im 1. Quartal Kasse gemacht: Große Vermögensverwalter wie Ken Fisher oder Oppenheimer nahmen Teile ihrer Gewinne im Technologiesektor mit und schichteten um in Pharma, Gesundheit, Energie, Banken. Auch der deutsche Vermögensverwalter Flossbach von Storch ging diesen Weg.

Anleger mit Dauer-Grinsen im Gesicht

Jetzt zeigt sich: Das war zu früh. Die Rally, die seit Ende März nochmal so richtig Fahrt aufnahm, läuft ohne sie. Unterdessen haben Heerscharen von Privatanlegern ein Dauer-Grinsen im Gesicht.

Micron: legt Woche für Woche zweistellig zu.

Intel: weit über dem alten Allzeithoch aus dem Jahr 2000.

Infineon: auf dem Weg dorthin.

Waren die Profis einfach zu blöd, diese Gewinne auch zu machen? Was hat sie veranlasst, so früh vom Gaspedal zu gehen?

Chip Power Index (WKN: SL0FTE)

Wunsch und Wirklichkeit

Dazu ein paar Zahlen: Alphabet/Google ist mittlerweile mit 4,7 Billionen Dollar Börsenwert der zweit-wertvollste Konzern der Welt nach Nvidia. Auf diesem Niveau bewertet der Markt die Aktie mit dem 133-fachen freien, jährlichen Cashflow. Ein selten gesehener Wert für ein etabliertes Unternehmen.

Intel hat seinen Wert seit September fast verfünffacht. Allein die US-Regierung machte aus 8,9 Milliarden Dollar Einsatz rund 30 Milliarden. Das Allzeithoch aus dem Jahr 2000 hat die Aktie mittlerweile weit hinter sich gelassen. Damals war Intel eine Gewinnmaschine. Im ersten Quartal 2026 schrieb der Konzern dagegen immer noch Verluste. Denn es werden noch viele Milliarden benötigt, um die Fabriken wieder auf den neusten Stand zu bringen. Wie viel Gewinnpotenzial ist bei Intel wirklich „inside“?

Flashback: Der berüchtigte Schweinezyklus

Ich gönne jedem seine Kursgewinne. Der Mut, auf noch mehr KI-Investitionen und Turnarounder wie Intel zu setzen, wird belohnt. Das ist Börse.

Aber mit der Realität haben die derzeitigen Kursanstiege nur noch am Rande zu tun.

Wer die Chipbranche in den vergangenen drei Jahrzehnten verfolgt hat, der kennt die berüchtigten Schweinezyklen; vor allem bei den DRAM-Chips: Erst entstanden Knappheiten aufgrund einer explodierenden Kundennachfrage. Die wiederum führten zu steigenden Preisen. Findige Zwischenhändler nutzten die Gelegenheit, in einem ausgetrockneten Markt dicke Arbitrage-Gewinne einzufahren. Erinnert sich noch jemand an den Namen CE Consumer?

Weil so viel Geld zu verdienen war, investierten die Hersteller in neue Fabriken – die dann irgendwann so viele Chips ausstießen, dass schon ein erster, kleiner Nachfragerückgang die Preise einbrechen ließ.

Jedes Mal gab es Opfer; in Deutschland etwa die Infineon-Tochter Qimonda. Auch SK Hynix schaute in seiner Geschichte schon zweimal in den Abgrund der Insolvenz. 

Diesmal, so heißt es, wird das nicht passieren. Erstmals schließen Micron und SK Hynix für Speicherchips Lieferverträge über mehrere Jahre ab. Null Problemo.

Wirklich?

SK Hynix Inc (WKN: A1JWRE)

Die Rüstungsbranche erlebt gerade „die Zeit danach“

Auf welch dünnen Beinen die immer steileren Kurs-Charts der Chipaktien mittlerweile stehen, zeigt ein Detail der vergangenen Woche: Der CEO des Datenspeicher-Konzerns Seagate, Dave Mosley, hatte auf einer Konferenz von J.P. Morgan erwähnt, dass er noch weitere Kapazitäten aufbauen müsse, um die rapide gestiegene Nachfrage aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz bedienen zu können. Da es Zeit brauche, eine Fabrik aufzubauen, könne womöglich nicht die gesamte Nachfrage gleichzeitig befriedigt werden.

Logisch, oder? Das hätte man ahnen können. Nicht so die Anleger: Prompt ging die Sorge um, dass die gesamte Chipbranche Probleme haben könnte, mit der steigenden Nachfrage Schritt zu halten. Das würde ja bedeuten, dass die bereits fest eingepreisten Umsatzsprünge nicht vollends realisierbar sein könnten – oder sich verzögern.

Prompt fielen die Kurse steil ab.

Keine Bange, die Kurslücke wurde bis Ende der Woche schon wieder aufgeholt. Aber auf welcher Basis? Warum stellt sich scheinbar niemand an der Börse ein paar naheliegende Fragen, bevor er die Kurse weiter nach oben treibt?

Spätestens seit der Nvidia-Prognose vom Mittwochabend ist es unzweifelhaft, dass der KI-Boom unvermindert weitergehen wird. Aber zwischen Auftragseingang und Umsatz liegt ein schwieriger, nervenaufreibender Prozess: Die Produktion. Sie erfordert ausreichende Kapazitäten, genügend Vorprodukte und Rohstoffe – und es kann Ausschuss geben, wenn mal ein Fehler passiert.

Die Rüstungsbranche erlebt gerade, was mit den Aktienkursen passiert, wenn die Investoren realisieren, dass es doch ein bisschen länger dauern könnte, bis aus vollen Auftragsbüchern Gewinne werden.

Der Chipbranche steht dieser Moment noch bevor.

Thierry Borgat erklärt den "Gamma-Squeeze" im Chip-Hype

Wenn Sie noch mehr über die Gründe hinter der FOMO und den sogenannten „Gamma-Squeeze“ bei Chipaktien erfahren möchten, empfehlen wir das aktuelle Interview mit Thierry Borgeat auf dem Youtube-Kanal von BOERSE ONLINE.

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