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Wirecard-Milliarden vermutlich weg: "Ein Desaster" - Untersuchungshaft könnte drohen

Wirecard-Milliarden vermutlich weg:
23.06.2020 08:49:00

Der Bilanzskandal beim Zahlungsdienstleister Wirecard hat sich dramatisch zugespitzt. Der Dax-Konzern räumte am Montag ein, die verschwundenen 1,9 Milliarden Euro seien mit "überwiegender Wahrscheinlichkeit" gar nicht existent. Ex-Firmenchef Markus Braun und dem inzwischen geschassten Vorstand Jan Marsalek, gegen die die Staatsanwaltschaft München ermittelt, könnten Insidern zufolge sogar Haftbefehle drohen.

An der Börse brach die Aktie erneut um 44 Prozent auf 14 Euro ein. In nur drei Tagen wurden mehrere Milliarden Euro an Kapital vernichtet. Der Chef der Finanzaufsicht, Felix Hufeld, sprach von einem Desaster und räumte Fehler der Behörde ein.

Hintergrund des drohenden Haftbefehls für die beiden Manager sei eine mögliche Fluchtgefahr, sagten zwei mit der Angelegenheit vertraute Juristen der Nachrichtenagentur Reuters. Die Anwälte der beiden Österreicher Braun und Marsalek, dem nach seiner Suspendierung vergangene Woche nun gekündigt wurde, lehnten einen Kommentar ab. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt wegen des Verdachts der Marktmanipulation gegen Braun, Marsalek und zwei weitere Vorstände. Am Montag erklärte die Behörde, sie prüfe eine Ausweitung der Ermittlungen. "Wir prüfen alle in Betracht kommenden Straftaten", sagte eine Behördensprecherin. Wirecard selbst hatte sich als Opfer eines "gigantischen Betrugs" bezeichnet. Auf Betrug stehen in besonders schweren Fällen bis zu zehn Jahre Gefängnis.

Das Unternehmen aus Aschheim bei München hatte vergangene Woche eingeräumt, dass in Asien vermutete Milliardengelder auf Treuhandkonten nicht aufzufinden seien. Wirtschaftsprüfer von EY verweigerten Wirecard ein Testat für den Geschäftsbericht. Die Folge ist, dass Banken milliardenschwere Kreditlinien kündigen können. "Es ist eine Schande, das so etwas passiert ist", sagte BaFin-Chef Hufeld auf einer Bankenkonferenz. Private und öffentliche Institutionen, einschließlich seiner eigenen Behörde, hätten versagt. "Wir sind nicht effektiv genug gewesen, einen solchen Fall zu verhindern. Ich nehme die öffentliche Kritik voll und ganz an." Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing sprach von einem "ernsten Problem für die Aktienkultur" und die Grundsätze guter Unternehmensführung in Deutschland. "Es ist jetzt Zeit, schnell für Transparenz zu sorgen."

"PLUMPE FÄLSCHUNG" VON DOKUMENTEN


Unter dem neuen Wirecard-Chef James Freis will der Konzern prüfen, ob, in welcher Art und Weise und in welchem Umfang die betroffenen Geschäfte mit Drittpartnern tatsächlich zugunsten Wirecard geführt worden seien. Die gesuchten Milliarden sind nach Angaben der philippinischen Zentralbank nie im Land angekommen. Cezar Consing, der Vorstandschef der Bank BPI, bei der angeblich Konten geführt wurden, sagte Reuters, das Zertifikat sei eine "plumpe Fälschung" gewesen. Ein "sehr niedrigrangiger" Manager habe es unterzeichnet.

Schon vor ein paar Wochen hatten Wirtschaftsprüfer von KPMG nach einer Sonderprüfung Zweifel geäußert an den Treuhandkonten, die das Geschäft von Wirecard in Asien absichern sollten. Dort hat das Unternehmen keine eigene Lizenz, sondern ist bei der Abwicklung von Transaktionen auf Dritte angewiesen.

Wirecard zog die Geschäftszahlen für 2019 und sämtliche Prognosen zurück. Auch die Zahlen aus den Vorjahren stimmten womöglich nicht. Es sei zumindest fraglich, wie verlässlich die Beziehung zu dem Treuhänder in Asien sei. Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" handelt es sich um einen Rechtsanwalt, der als Abteilungsleiter im Verkehrsministerium der Philippinen vor zwei Jahren wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten entlassen worden sei.


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REINE LUFTBUCHUNGEN?


Die Ratingagentur Moody's zog ihre Einschätzung zur Bonität von Wirecard zurück, weil die der Kreditwürdigkeit zugrunde liegenden Finanzdaten nicht mehr verlässlich seien. Am Freitag hatte Moody's das Rating bereits um sechs Stufen gesenkt. An der Börse herrschte Schockstarre. "Waren die angeblichen Forderungen reine Luftbuchungen, steht das gesamte Geschäftsmodell des Zahlungsdienstleisters in Frage und somit auch nahezu jeder Euro, den die Aktie noch wert ist", sagte Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets. Aus dem Leitindex Dax kann Wirecard allerdings frühestens im September herausfallen.

Das Unternehmen hängt nun am Tropf der Banken: Sie haben das Recht, Kredite über zwei Milliarden Euro bis Ende des Monats zu kündigen, weil der Zahlungsdienstleister keine testierte Bilanz vorlegen kann. Allerdings drohen ihnen selbst millionenschwere Abschreibungen, wenn sie tatsächlich die Reißleine ziehen. Wirecard stehe in "konstruktiven Gesprächen" mit den Banken über die Fortführung der Kreditlinien, teilte der Vorstand mit. Die Gesellschaft hat die US-Investmentbank Houlihan Lokey engagiert, um die Finanzierung langfristig zu sichern. Sie gilt als Spezialist für besonders schwere Sanierungsfälle.

Wirecard beantragt Geschäftslizenz in Singapur


Wirecard will sich zur Aufrechterhaltung der Geschäfte in Singapur eine Lizenz in dem Land besorgen. Der von einem riesigen Bilanzskandal erschütterte Zahlungsdienstleister habe einen Antrag bei der Aufsichtsbehörde MAS gestellt, teilte die Zentralbank in Singapur am Dienstag mit. Es müsse sichergestellt werden, dass Kundengelder im Land blieben.

Wirecard ist in Singapur vor allem für die Abwicklung von Zahlungen für Händler zuständig und unterstützt Unternehmen bei der Ausgabe von Prepaid-Karten. Bis ein neues Gesetz, das Grundlage für die nun beantragte Lizenz sei, in Kraft trete, arbeite Wirecard mit einer Ausnahmeregelung, erklärte die Zentralbank.

rtr

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26.06.20 Wirecard Verkaufen Independent Research GmbH
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