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Vielfältig, kostenarm, barrierefrei: Mit ETFs zeitgemäß sparen!

Vielfältig, kostenarm, barrierefrei: Mit ETFs zeitgemäß sparen!
25.06.2021 06:53:01

ETF-Sparpläne sind en vogue. Denn zinsorientiertes Sparen funktioniert nicht mehr. Man muss das Prinzip Sparbuch auf den Kopf stellen: Vorn Kosten sparen löst das Hoffen auf Zinseszins­erträge hinten ab. Wer breit gestreut mit Exchange Traded Funds (ETFs) in Aktien investiert, bekommt mehr Rendite.

Im €uro-Tischgespräch erklären ETF-Experten von Amundi, DWS, Lyxor und Franklin Templeton, wie Aktiv und Passiv ineinanderspielen, warum die Branche die Kosten senken konnte und wie sie für mehr Nachhaltigkeit sorgt.

€uro am Sonntag: Es gibt dreimal so viele ETF-Sparpläne wie vor drei Jahren. Werden sie über kurz oder lang das Sparbuch ablösen?


Patrick Diel (Leiter Kundengeschäft D/A DWS Xtrackers): Das ist zu hoffen und rückt in greifbare Nähe. Die Aktienkultur in Deutschland hinkt anderen Ländern stark hinterher. Umso schöner, dass Anleger im großen Stil in den Aktienmarkt kommen. Ex­change Traded Funds (ETFs) können hier aus vielen bekannten Gründen - Kosteneffizienz, Flexibilität und Transparenz - eine gute Option sein. Befeuert wird der Trend aber auch dadurch, dass es mehr und einfachere Zugangswege gibt. Das ist wichtig, weil ETFs nicht vertrieben, sondern gekauft werden. Durch Direktbanken und unlängst den Markteintritt der Neobroker kam noch einmal Bewegung in die Preisgestaltung. Man sieht an den Wachstumsraten der ETF-Sparpläne deutlich, dass neue Kundengruppen in den Markt gekommen sind. Das freut uns als Anbieter und ist für die private Altersvorsorge in Deutschland unserer Einschätzung nach eine positive Entwicklung.

Thomas Meyer zu Drewer (Head of Public Distribution D/A bei Lyxor ETF): Der ETF-Heißhunger ist in allen Altersgruppen zu beobachten. Das beginnt schon in den Abschlussklassen der Schulen und reicht bis ins hohe Alter. Für die Jüngeren sind ETF-Sparpläne sicherlich der Initial­zünder, um langfristig geduldig und ­diszipliniert Vermögen aufzubauen. Wichtig ist dabei natürlich eine breite Streuung und nicht kurzfristiges Denken, was aber immer wieder zu beobachten ist, ­sicherlich auch angespornt durch die ­rasanten Bewegungen nach oben seit März vergangenen Jahres. Hier hilft nur Aufklärung.

Thomas Wiedenmann (Head of ETF-, Indexing- & Smart-Beta-Sales D/A, Amundi). Zusammengenommen zeigen alle Daten, dass die Beschäftigung mit ETFs ein Breitensport ist. Mittlerweile interessieren sich nicht nur BWL-Studenten und Portfolio­ingenieure aus nüchternen Kostengründen für ETFs, sondern ein breites Pu­blikum. Das Spektrum der Teilnehmer an Webinaren reicht von Super-­ETF-Profis, von denen auch ich noch etwas lernen kann, bis hin zu Leuten, die gerade anfangen, sich mit ETFs zu beschäftigen. Das zeigt die Breiten­fähigkeit dieses Konzepts…

Marcus Weyerer (ETF-Spezialist bei Franklin Templeton): …die sich auch in Social Media widerspiegelt. Von Youtube, Instagram und Tiktok angestachelt, beschäftigt man sich früh mit Vermögensaufbau, sucht sich im Internet eigenständig die Informationen zusammen und interessiert sich gleichermaßen für die Vorteile der Produkte wie für deren Vertriebswege, also für die Broker und Direktbanken. Hier liegt ein enormes Potenzial, das bei Weitem noch nicht ausgereizt ist.

Meyer zu Drewer (Lyxor): Was man auch an der relativen Unabhängigkeit der Influencer erkennen kann. Sponsoren nehmen hier noch deutlich weniger Einfluss als etwa in der Modebranche.

Diel (DWS Xtrackers): Dazu kommt noch, dass der Informationsfluss im Internet oftmals freier und unabhängiger ist. Deswegen finden ETFs ­online deutlich stärker Gehör als in anderen Kanälen, weil Vertriebs­interessen nicht im Vordergrund ­stehen. Zudem sind ETFs weniger erklärungsaufwendig als viele andere Finanzprodukte.

Die Gesprächspartner


Patrick Diel begann seine Karriere 2004 in der Deutschen Bank im ­Bereich Corporate Banking & Securities. Seit 2013 fokussiert er sich in der DWS auf den Vertrieb von passiven Investments (ETFs). Er leitet das Kundengeschäft für passive Fonds in Deutschland und Österreich und ist Certified ESG Analyst.

Thomas Meyer zu Drewer leitet den öffentlichen Vertrieb bei Lyxor Deutschland und betreut ETF-Kunden in Deutschland und Österreich. Er ist seit mehr als 25 Jahren in der Fonds- und ETF-Branche tätig. Auf seinem Berufsweg war er sowohl aktiv als auch passiv anlegender Fondsmanager bei unterschiedlichen Gesellschaften.

Marcus Weyerer ist bei der Fondsgesellschaft Franklin Templeton ETF-Spezialist und soll vor allem den Ausbau der ETF-Plattform Frank­lin ­Libertyshares in der DACH-Region unterstützen. Zuvor war er von 2016 bis 2018 beim ETF-Anbieter WisdomTree tätig.

Thomas Wiedenmann ist Head of Amundi ETF, Indexing & Smart ­Beta Sales für Deutschland, Österreich und Osteuropa. Er verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung im Bereich Indexprodukte und verantwortet unter anderem die Retail-Strategie und betreut Banken, Plattformen ­sowie Vertriebspartner.



Demnach ist das Interesse an ETFs nicht auf eine Altersgruppe beschränkt?


Wiedenmann (Amundi): Keineswegs, bei Youtube und Co gibt es ja auch keine Altersbegrenzung. Der "leichtere Zugang" hat ja eigentlich drei Aspekte: leicht zugängliche Informationen über ETF-Foren, Youtube und Co; die leichte Handhabung meist auch übers Smartphone ohne komplizierte TAN-Listen und der geringe Preis für die Transaktion selbst. Insgesamt merkt man, dass Kunden ETFs auch ­online oder übers Handy handeln, so wie sie eben auch schon Reisen gebucht oder Essen bestellt haben.

Weyerer (Franklin Templeton): Die Jüngeren sind nur in bestimmten Kanälen besonders aktiv. Weil sie mit dem Internet aufgewachsen sind, ist es für sie viel leichter, an die richtigen Informationen zu kommen. Die ältere Generation dagegen nutzte üblicherweise Bankberater, um ihren Vermögensaufbau zu organisieren. Auch sie orientiert sich aber teilweise um und wird weniger abhängig von den lange bestehenden klassischen Kanälen. Corona hat da nochmals einen Schub gebracht.

Diel (DWS Xtrackers): Genau, der zurückliegende Lockdown hat überall die Digitalisierung vorangetrieben. Man denke nur an Homeschooling und Videokonferenzen, die alle mit ihr in Berührung gebracht hat. Auch solche, die sich vorher nicht damit abgeben wollten. Das war eine Art zwangsläufiger Schub…

Wiedenmann (Amundi): … und Schub auf unterschiedlichen Levels. Der eine klickt sich kurz rein, weil er ETFs spannender findet als das hundertste Netflix-Video, andere beschäftigen sich minutiös mit dem besten Weg zum Vermögensaufbau.

Meyer zu Drewer (Lyxor): Hier kommen mehrere Dinge zusammen: natürlich die Digitalisierung, die meiner Erfahrung nach inzwischen auch keine Altersbegrenzung mehr kennt. Dann die Erfahrungen mit dem Onlinehandel, der sich bequem auf die Finanzindustrie übertragen lässt. Ein Beispiel: Ich hatte neulich einen Herrn am Telefon, der bereits deutlich über 90 Jahre alt ist und sich sehr für ETFs interessierte. Ihm war bewusst, dass der Erfolg am Kapitalmarkt einen entsprechenden Zeit­horizont voraussetzt. Er investierte für die Familie, die Kinder und Enkel, die eines Tages erben werden. Die Bedürfnisse des täglichen Lebens könne er aus seiner Rente bestreiten, erklärte er. Daher sprach auch nichts dagegen, dass er in ETFs anlegt. Der große Vorteil: Durch die Digitalisierung muss er das Haus nicht verlassen, kann mit wenigen Klicks ein breites und ausgewogenes Portfolio zusammenstellen. Zum Schluss meinte der Herr noch, dass Anlegen ja durchaus auch Freude machen könne. Recht hat er!

Zumal die Branche die Kosten vielfach noch einmal deutlich gesenkt hat.


Diel (DWS Xtrackers): Wir haben die Skaleneffekte, die sich durch starkes Volumenwachstum in den ETFs ergaben, preisseitig weitergegeben. Bei den Fixkosten (Total Expense Ratio, TER) gibt es nun nicht mehr viel Luft nach unten. Fast noch spannender ist, dass die Eintrittskosten für Privatkunden deutlich gefallen sind. Die erste Welle war davon geprägt, dass Direktbanken die klassischen Institute in Zugzwang brachten. Jetzt passiert ihnen dasselbe durch die Neobroker. Deren Konkurrenz belebt das Geschäft. Aber die namhaften Direktbanken spielen weiterhin eine wichtige Rolle. Sie haben preislich reagiert und oft Aktionen gestartet, in denen Privatkunden ganz ohne Gebühren einsteigen können. Das gilt für Sparpläne und Einmal­anlagen und macht in Betrachtung der Gesamtrendite schon sehr viel aus. Die Befreiung von Transaktionskosten ist ein tolles Instrument und wird daher sehr stark genutzt.

Weyerer (Franklin Templeton): Reduzierte Zugangskosten sind langfristig ein starker Hebel. Die Kosten im Produkt sind von Markt zu Markt unterschiedlich zu betrachten. Für uns als Emerging-Markets-­Spezialisten stehen sie immer in Relation zu den möglichen Erträgen und den potenziellen Wachstumschancen. China als Wirtschaftsmacht ist in den gängigen globalen Indizes mit fünf Prozent Gewichtung nur schwach repräsentiert. Hier können wir uns ein starkes Volumenwachstum und entsprechende Skaleneffekte vorstellen. ETFs auf kleinere Märkte werden dagegen kaum so stark wachsen, dass man die Zugangskosten anders kompensieren kann. Sie sind dann zwar teurer, bieten aber in der Regel auch höhere Ertragschancen.

Wiedenmann (Amundi): Bei den etablierten Indizes ist die Luft dünn. Amundi hat ­daher eine andere Strategie gewählt. Wir haben uns gefragt: Wie würde ein Core-Exposure aussehen, wenn man es auf einem weißen Blatt Papier neu entwerfen könnte? Und vergleichbar mit dem Generika­prinzip bilden die so konstruierten ­Prime-ETFs verschiedene Kernmärkte der Welt nach. Durch die konsequente Reduktion von Lizenzgebühren können wir unsere Prime-­ETFs für extrem günstige fünf Basispunkte (0,05 Prozent) anbieten. Anleger haben mittlerweile eine gute Vorstellung vom MSCI World, wissen aber nicht unbedingt, was hinter Prime Global Equity steht. Dass beide weltweites Aktien-Exposure sind, wird aber durch Technik und die Verfügbarkeit von Informationen zunehmend transparent. Das Mapping funktioniert super. Informierte Kunden sagen sich, Prime Global Equity bietet für fünf Basispunkte ein ähnliches Profil wie der MSCI World für 20 Basispunkte (0,2 Prozent). Per Internet verbreiten sich solche Geheimtipps in der erweiterten ETF-Szene sofort viral. Entsprechend ist die Prime-Serie schon über drei Milliarden Euro schwer. Das ist ein toller Erfolg, der sich noch signifikant ausweiten dürfte.

Bedingen sich Erfindungsreichtum und Kosten nicht gegenseitig?


Diel (DWS Xtrackers): Es kommt bei jedem ETF auf handwerklich gute Kon­struktion an. Man darf sich nicht allein auf die Total Expense Ratio stürzen, es gibt neben der TER noch andere wichtige Einflussfaktoren. Für die Wertentwicklung spielt auch eine Rolle, wo ein ETF zu Hause ist, denn die Domizilierung bestimmt, wie viel Steuern auf die Dividenden zu zahlen sind. Ein ETF mit höherer TER kann daher manchmal eine bessere Wertentwicklung liefern als der günstigere. Beim Vergleich verschiedener Produkte müssen mehrere Faktoren gesehen werden, darunter auch die Tracking Difference und somit, wie der ETF gegenüber seinem Index performt hat.

Wiedenmann (Amundi): Man sollte es aber nicht verkomplizieren. Der ETF-Branche insgesamt hilft es, ihre Strategie einfach darzustellen. Dass die Anlagewelt, die sie abbildet, komplex ist, kommt erst im zweiten Schritt. Wenn jemand eingestiegen und zum ETF-Experten geworden ist, kann er sich mit Onlinetools immer noch relativ einfach mit tiefer gehenden Fragen beispielsweise zur Domizilierung oder zu Steuerthemen auseinandersetzen.

Meyer zu Drewer (Lyxor): Der Fokus auf die laufenden Kosten ist zumindest das, was im Vergleich zu aktiven Fonds ins Auge sticht. Der darüber geführte Wettbewerb hilft dem Anleger, denn je weniger er zahlt, desto mehr kommt das der Wert­entwicklung seines Portfolios zugute. Die Bedienung des "Geiz ist geil"-Themas darf aber nicht ausblenden, dass jeder ETF-­Anbieter langfristig betriebswirtschaftlich gesunde Ergebnisse abwerfen muss. Und hier ist bei manchem ETF schon der Boden erreicht. Denn ein ETF-Anbieter besteht aus mehr als ein paar guten Leuten mit Ideen und entsprechend vielen Computern. Viele wissen nicht, dass es Produktionskosten gibt, dass Ge­bühren für Indexlizenzen anfallen, die Regulierungskosten steigen und auch Wirtschafts­prüfer ihren Teil ­verlangen.

Gehört die Nachhaltigkeit bereits zu den thematischen Schwer­punkten?


Wiedenmann (Amundi): Eindeutig. Es gibt kaum noch ein anderes Thema, das uns umtreibt. Allerdings hat Amundi ESG sehr früh für sich erkannt. Im zurückliegenden Jahr waren 80 Prozent unserer ETF-Zuflüsse im ESG-Bereich, in diesem Jahr sind es schon knapp 90 Prozent. Im Gesamtmarkt lag die Rate 2020 bei 51 Prozent und ist aktuell auf ähnlich hohem Niveau.

Meyer zu Drewer (Lyxor): Wobei allerdings die institutionellen Kunden den Ton angeben. Die Privatkunden strecken die Fühler danach aus, sind aber noch zögerlich. Hier muss die Branche noch Hilfestellung geben und Wissen vermitteln. Fast jeder kann mittlerweile die Buchstaben ESG mit Umwelt, Sozialkompetenz und Abstimmungsverhalten zusammenbringen. Was sich genau dahinter versteckt, ist aber für einen Großteil der Privatanleger noch ein Buch mit sieben Siegeln - oder besser gesagt eines mit drei Siegeln.

Wiedenmann (Amundi): Wobei auch hier ein rasantes Umdenken stattfindet. Im Privatkundengeschäft gab es bei Amundi 2019 fast keine Zuflüsse in ESG-ETFs, ein Jahr später waren es zehn Prozent, im ersten Quartal 2021 hat sich der Anteil verdoppelt (20 Prozent), und ich möchte fast darauf wetten, dass im vierten Quartal ein Drittel der Zuflüsse aus privaten Kundengeldern in diesen Bereich fließen. Auch die 50 Prozent wie in den übergeordneten Flows werden sehr schnell erreicht sein.

Diel (DWS Xtrackers): Dafür sorgt schon die ab 2022 verpflichtende Nachfrage für die Vertriebe nach ESG-Kriterien, die stark auf den Markt abstrahlen wird. ETFs sind nur mittelbar betroffen, da sie ja primär nicht vertrieben, sondern gekauft werden. Das ESG-Thema ist aber so facettenreich, dass man seine Produkte für die Kunden besser greifbar machen sollte. Wir fokussieren uns neben den anderen ESG-Kriterien auf einen CO2-Filter und haben es uns zum Ziel gesetzt, aussagekräftige Produktinformationen zu erstellen. Die CO2-Einsparung pro investiertem Euro ist etwa in Auto- oder Flugreisenkilometern ausgedrückt viel einleuchtender.

Weyerer (Franklin Templeton): Dass wir branchenweit zu einem besseren Verständnis beitragen, wird von institutionellen wie privaten Kunden honoriert. Der Service ist ja aufwendig und beschränkt sich nicht auf gute Marketingunterlagen. Wir stellen uns dem ESG-Thema unter anderem mit einer am Pariser Klimaabkommen orientierten Produktlinie. Mit je einem ETF Paris-aligned auf den S & P 500 und Stoxx Europe 600. In der Paris-aligned-Variante schrumpft als Beispiel der S & P 500 auf 360 Werte. Dies sorgt immer noch für eine mehr als ausreichende Diversifikation. Als vergleichsweise junges ETF-Haus sehen wir hier ein Anlagesegment, in dem wir unsere Kompetenz besonders hervorheben können. Die entsprechenden Standards gibt es erst seit einem Jahr und das Anlage­universum wird durch den Best-in-Progress-Ansatz nicht so stark eingeschränkt wie in gängigen Best-in-Class-Strategien. Wir gehören hier mit wenigen anderen zu den Vor­reitern.

Diel (DWS Xtrackers): ESG-Investoren haben neben Nachhaltigkeitszielen auch die Wertentwicklung fest im Blick. In den zurückliegenden Monaten konnten viele ESG-Strategien eine positive Wertentwicklung verzeichnen. Das positive Momentum beflügelt das ESG-Interesse zusätzlich und sollte sich auch im kommenden Jahr fortsetzen.

Weyerer (Franklin Templeton): Dafür sorgt neben dem Umdenken im Konsumverhalten schon der gesunde Menschenverstand. Jeder begreift, dass es kein Fehler sein kann, langfristig Kohlekraftwerke aus seinem Portfolio auszuschließen, wenn deren Geschäftsgrundlage wegfällt.

Was bedeuten generell ESG-Kriterien für die Zusammensetzung der Portfolios?


Wiedenmann (Amundi): Viel Vorarbeit, denn man muss sich intensiv mit der Entwicklung der Unternehmen beschäftigen. Wir haben für unsere Klima-ETFs daher ausgefeilte Konzepte entwickelt, die den regulatorischen Vorgaben der Climate-­Transition- sowie der Paris-­Aligned-Benchmark entsprechen. Diese Bench­marks geben ja klar vor, dass die CO2-­Emissionen der Indizes nicht nur zum Start mindestens um 30 beziehungsweise 50 Prozent zu senken sind, sondern zusätzlich um mindestens sieben Prozent pro Jahr. Man muss also ein Portfolio kreieren, das robust ist, performt und bei dem der Index-­Anbieter die relevanten Finanzkennzahlen zur Verfügung hat. Der Beitrag zu den Klimazielen der Euro­päischen Union wird dann laufend offiziell durch die regulato­rischen Vorgaben bestätigt. Wir werden ausweisen, wie stark die CO2-Emis­sio­nen eingespart wurden. Es ist faszinierend, wie schnell das alles Fahrt aufnimmt und wie fix und konkret ein theoretisches Konstrukt in der Finanzwelt umgesetzt werden kann und erste Anwender findet…

Diel (DWS Xtrackers): … die sicherlich Nachfolger finden, wenn sich die Richtlinien konkretisieren. Viele große Gelder warten noch die finale Umsetzung der Nachhaltigkeitsregulierung (Stichwort: EU-Taxonomie) ab. Das hat nach unserer Einschätzung enormes Potenzial, wobei jeder Euro, der bereits in diese Richtung geht, eine positive Lenkungswirkung hat.

Meyer zu Drewer (Lyxor): Das war auch nicht anders zu erwarten, da sich die Investmentwelt in einer tiefgreifenden Transformation befindet. Der Gesetzgeber hat ganz richtig erkannt, dass er bei den Klimazielen nicht bei den Unternehmen, sondern bei deren Geldgebern ansetzen muss. Man ist verblüfft, wie früh sich junge Leute mit dem Thema identifizieren, auch wenn Fridays-for-Future-Demonstrationen lange nicht mehr stattfinden konnten. Es ist mittlerweile genereller Konsens, dass man etwas gegen den Klimawandel tun muss und an ESG-Themen nicht mehr vorbeikommt. Beim Thema CO2-Einsparung kann es übrigens kulturelle Unterschiede geben, etwa ob Atomstrom positiv - wie in Frankreich - oder negativ - wie in Deutschland - gesehen wird. Eine andere Fragestellung, wenn man nur noch grün investieren darf, ist allerdings, wo das ­nötige Geld herkommen soll, um den Wandel zu einer generell nachhaltigeren Wirtschaft zu finanzieren.

Welche Rolle spielt neben der Produktwelt die Positionierung des Anbieters?


Meyer zu Drewer (Lyxor): Sie ist enorm wichtig und diese Umpositionierung hat in den zurückliegenden Jahren bereits stattgefunden. Bei Lyxor ging das schon 2007 mit Impact Investing los und nahm dann zunehmend Fahrt auf. Während in den 90er-Jahren in der Branche diskutiert wurde, ob nachhaltige Anlagen zumindest als gleichwertig zu betrachten sind oder nicht, stehen sie heute ganz klar oben auf der Anlegeragenda. ESG-Orientierung darf aber nicht nur in den Leitsätzen stattfinden, sondern muss wie bei uns von den Mitarbeitern auch gelebt werden.

Wiedenmann (Amundi): Letztlich geht es um Glaubwürdigkeit. Hier haben die europäischen Anbieter aktuell ganz klar die Nase vorn. Amundi war eines der Gründungsmitglieder der PRI (Principles of Responsible Investments), und sein ESG-Management wurde von unabhängigen Organisationen jetzt zum sechsten Mal in Folge mit "A+" geratet. Auch zur Stimmrechtsabgabe gibt es Studien: Auf Hauptversammlungen punkten die europäischen Anbieter bei den drei Themen E, S und G weit vor den anderen Marktteilnehmern. Auch hier spielt Amundi regelmäßig vorn mit. Der Privatkunde registriert das, aber auch für die Vertriebe wird unsere Positionierung ein wichtiges Argument sein, wenn sie nächstes Jahr in der Beratung Kunden nach deren Bereitschaft, nachhaltig investieren zu wollen, fragen müssen. Sie werden nicht jeden Anbieter als ESG-Anbieter ins Schaufenster stellen.

Weyerer (Franklin Templeton): Für die Kunden wird zunehmend wichtiger, nicht nur das Produkt, sondern auch den Emittenten auf ESG-Tauglichkeit zu checken. Hier ist die Aufholjagd um markante Positionierungen längst eröffnet, wobei die Glaubwürdigkeit von Management und Produkt zusammenspielen. Ein großer Vorteil der Übernahme von Legg Mason und seinen spezialisierten In­vestmentmanagern ist, dass Franklin Templeton nun über eines der branchenweit umfangreichsten Netzwerke von ESG-Experten verfügt - Know-how, von dem auch unser ETF-Business enorm profitiert. So ist Franklin Temple­ton im Markt nicht nur als kompetenter Spezialist für Emerging-Markets- sowie Paris-aligned- und Green-Bond-­Strategien sehr gut angesehen.

Diel (DWS Xtrackers): Als größter deutscher Anbieter liegt uns das Thema ESG besonders am Herzen. Unsere Historie reicht mit ersten Mi­krofinanzprodukten bis 1997 zurück. Das DWS-Profil hat sich durch die ESG-Integration 2007 verfestigt und geschärft. Uns ist wichtig, mit dem Vorurteil aufzuräumen, dass ETFs ihre Stimmrechte zum Nachteil der Aktionärskultur vernachlässigen würden. Es macht keinen Unterschied, ob ein Anleger in einem aktiv gemanagten DWS-Fonds oder einem DWS-Xtrackers-ETF investiert ist, die Stimmrechte werden gleich wahrgenommen und abgestimmt. Somit wird auch als ETF-Investor im Sinne der Aktionäre Einfluss auf die Unternehmen genommen - auch beim Thema Nachhaltigkeit.

Meyer zu Drewer (Lyxor): Diese darf man nicht auf plakative Auftritte auf den Hauptversammlungen verkürzen. Das ist nur ein kleiner medial herausgestellter Ausschnitt der aktiven Einflussnahme auf das Management eines Unternehmens, um es zu einer nachhaltigeren Positionierung zu bringen. Daher sollte sich jeder, der ein vertieftes Interesse am Abstimmungsverhalten und an der Einflussnahme hat, die entsprechenden Berichte der ETF-Anbieter oder Fondsgesellschaften anschauen.

Es gibt aber andere wichtige Themen, die sich über ETFs adressieren lassen.


Weyerer (Franklin Templeton): Ja, ein wichtiger Punkt ist es, zusätzlich zu einer breit gestreuten Basisanlage Themen- oder Länderschwerpunkte zu setzen. Zu einer solchen Core-Satel­lite-Konzeption gehört es, Verzerrungen in den klassischen Zusammenstellungen zu bereinigen oder individuelle Schwerpunkte zu setzen. Ein Paradebeispiel dafür ist China, das in den gängigen Indizes mit nur fünf bis sechs Prozent deutlich geringer gewichtet ist, als es seiner Bedeutung in der Weltwirtschaft entsprechen würde. Etwas Ähnliches gilt für Südkorea, immerhin die zwölftgrößte Volkswirtschaft der Welt, die speziell im boomenden Sektor der Halbleiter sehr stark positioniert ist. Die Sicht der westlichen Rating­agenturen klammert auch die Wachs­tumschancen in Indien oder Brasilien weitgehend aus, die sich allerdings nur mit gutem regionalen Know-how erschließen lassen.

Meyer zu Drewer (Lyxor): Der Klassiker in der Core-Satellite-Beimischung sind Rohstoffe, die in einem breit aufgestellten Portfolio zehn bis 15 Prozent ausmachen können. Es gibt entsprechende ETFs auf Rohstoffe, die dem Prinzip des "nicht alle Eier in einen Korb legen" entsprechend aus Rohstoffkörben bestehen, in denen beispielsweise Kupfer, Rohöl und auch Gold enthalten sind.

Diel (DWS Xtrackers): Ein spannendes Thema sind Anpassungen von gängigen, nach Marktkapitalisierung zusammengestellten Indizes. Dies sind etwa gleichgewichtete Portfolios, die jedem Unternehmen den gleichen Anteil zuordnen. Solche Strategien wie der S & P 500 Equal Weight Index haben mehrere angenehme Nebeneffekte: Die Dominanz der aktuell sehr hoch bewerteten IT-Giganten wird reduziert und gibt den klassischen Industrien mehr Gewicht. Dadurch werden Substanz­aktien (Value) gegenüber Wachstumsaktien (Growth) relativ höher gewichtet. Der Ansatz ist gut verständlich, da durch die regelmäßige Gleichgewichtung der Titel gut gelaufene Aktien systematisch verkauft und günstiger gewordene Aktien nachgekauft werden.

Wiedenmann (Amundi): Der große Vorteil ist die angebotene Vielfalt, wobei sich die Core-Satellite-Themen auflösen oder verändern. Es rücken einzelne Länder oder Themen in den Core-Bereich, die man vor fünf oder zehn Jahren noch nicht auf dem Radar hatte. Das Gleiche gilt für Themen wie Smart Cities oder Smart Factories, die zusammenbringen, was zusammengehört. Oder Klima-­ETFs, die sich als Core-Investment eignen und auf den Klimawandel einzahlen. ESG ist der neue ­Core-Standard, zumindest was die neuen Mittelzuflüsse angeht. Die Möglichkeiten für Anleger sind umfassend.

Meyer zu Drewer (Lyxor): Das führt dazu, dass Geldanlage auch richtig Spaß machen kann. Das bunte ETF-Spektrum lässt bei der Themensetzung nahezu keine Wünsche offen, wohingegen man früher von vielen Spielfeldern ausgeschlossen war. Entweder brauchte man sehr viel Geld, die Transaktionskosten haben die Rendite torpediert oder es fehlte einfach an Marktzugängen. Heute gibt es fast alles, und wenn das Rezept einmal nicht aufgeht, kann man sehr einfach und preisgünstig an der heimischen Börse wieder verkaufen. Das ist ein Riesenvorteil.

Gibt es besonders attraktive Mega­trends im ETF-Angebot?


Diel (DWS Xtrackers): Ohne Zweifel ist Nachhaltigkeit ein dominierender Mega­trend, der derzeit alles überlagert. Abgesehen davon ist das thematische Investieren nach unserer Einschätzung hoch im Kurs. Wir haben in der künftigen Mobilität (Future Mobility) oder künstlichen Intelligenz (Artificial Intelligence and Big Data) den Blick nach vorn gerichtet und treffen die Auswahl nicht nach den Erträgen der Vergangenheit, sondern nach der Zahl der Patentanmeldungen. Wir gehen davon aus, dass starke Forschungs­aktivitäten die Basis für zukünftige ­Erträge in Wachstumsfeldern sein können. Als Drittes werden verstärkt Sektor-ETFs genutzt, da die Covid-19-Pandemie die Zukunftsaussichten einiger Sektoren positiv und anderer Sektoren eher negativ beeinflusst hat.

Weyerer (Franklin Templeton): ESG überlagert alles. So ist der hohe Energieverbrauch bei Kryptowährung potenziell ein K.-o.-Kriterium. Wir halten uns an einen Megatrend: die Machtverlagerung in die von uns intensiv erschlossenen Regionen. Der Mittelpunkt der Welt hat sich eindeutig nach Osten verschoben.

Wiedenmann (Amundi): Neben den genannten Megatrends sehen wir künstliche Intelligenz als Anlagethema sehr positiv. Das Gute an den Mega­trends ist ja ihre Eindeutigkeit, die sich schon im Namen ausdrückt.

Meyer zu Drewer (Lyxor): Mega­trends stehen für das Klassische, das an der Börse gehandelt wird: Die Gewinner von morgen. Es wird Fantasie gehandelt, jeder sucht den kommenden Apple-Nachfolger. ESG ist übergeordnet, ist sozusagen der Mega-­Mega-Megatrend. Auch die einzelnen Megatrends sind in der Regel auf die Einhaltung von ESG-Kriterien ­geprüft.

Was lässt sich zusammenfassend zur Entwicklung der ETF-Märkte ­sagen?


Wiedenmann (Amundi): Besonders wichtig ist aus meiner Sicht, dass der ETF-Einstieg viel leichter geworden ist - dank günstigeren Preisen und einer intuitiven Handhabung. Weiterhin fällt es leichter, Informationen zu erhalten sowie sich unabhängig und unter Gleichgesinnten auszutauschen. Das Thema Nachhaltigkeit ist bereits heute dominant, wird aber noch mal ein Beschleuniger für den nächsten Wachstumsschub sein. Diese drei Punkte haben ETFs zum "Breitensport" gemacht.

Weyerer (Franklin Templeton): Dadurch ist auch der Durchschnittsanleger mündiger geworden und traut sich mehr zu. Das führt zu filigranerer Differenzierung in den Portfolios, die über sektorale und thematische Individualisierung oder über Länder und Megatrends gespielt wird. Und: Im Corona-Jahr haben viele durchgängig positive Erfahrungen mit Aktieninvestments gesammelt. Das macht Lust auf mehr.

Meyer zu Drewer (Lyxor): Man hört aktuell viel über Inflationssorgen und daher von steigenden Zinsen. Trotzdem darf man daraus nicht Zinseszinseffekte erhoffen, um das wichtigste Ziel der Privatan­leger zu erreichen: Vermögensaufbau und auskömmliche Altersvorsorge. Man kommt an Aktien und damit entsprechenden ETFs nicht vorbei.

Diel (DWS Xtrackers): Zumal die ETF-­Branche unserer Ansicht nach den Lackmustest im Corona-Crash bestanden hat. ETFs sind ihrem Leistungsversprechen gerecht geworden, waren auch in dieser schwierigen Phase liquide und haben gezeigt, dass sie gut, zuverlässig und robust funktionieren können.

Das Gespräch moderierte Ludwig Riepl

Quelle Artikelbild: Bigstock/REDPIXEL.PL


Bildquelle: BÖRSE ONLINE, Amundi, Franklin Templeton, DWS Xtrackers, Lyxor

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