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Healthcare: Investments in Gesundheitsversorgung - wo Nachhaltigkeit wirkt

Healthcare: Investments in Gesundheitsversorgung - wo Nachhaltigkeit wirkt
14.05.2021 06:57:00

Menschen in Entwicklungsländern haben keinen gerechten Zugang zu Medikamenten. Warum Anleger das tatsächlich ändern können und wie alle davon profitieren. Von J. Groß und L. Nyagudi, Euro am Sonntag

Bis vor Kurzem fand Damaris Atieno das normal: den aufgeblähten Bauch, die Müdigkeit, das Blut im Urin ihrer Zwillinge. Nichts Außergewöhnliches bei kleinen Kindern hier auf der Insel Rusinga im afrikanischen Lake Victoria, dem zweitgrößten Süßwassersee der Welt. Aber die Leute vom staatlichen kenianischen Forschungszentrum KEMRI, die seit Monaten immer wieder von Haus zu Haus gehen, vermuten, dass die Mädchen Bilharziose haben. Jetzt möchte Damaris mit Wini und Elisabeta ins Krankenhaus. In der Nachbarschaft hat sie zuletzt immer wieder gehört, dass KEMRI-Mitarbeiter dort ein Medikament speziell für Kinder gegen die durch parasitische Würmer ausgelöste Erkrankung testen - kostenlos für die Familien.

Wirtschaftlicher Schaden

Kinder wie Wini und Elisabeta fielen bislang bei der Bilharziose-Bekämpfung durch alle Raster. Rund eine viertel Milliarde Menschen in 78 Ländern sind infiziert, aber die Behandlung erreicht bei Weitem nicht jeden. Viele betroffene Staaten haben Präventionsprogramme in Schulen eingerichtet, bei denen einmal im Jahr das Medikament Praziquantel ausgegeben wird.

Babys und Kleinkinder werden von den Aktionen jedoch nicht erfasst. Zudem wird ihre Behandlung wegen der viel zu großen, schwer löslichen und extrem bitter schmeckenden Tabletten nicht empfohlen. Folge: Bei Jüngeren können sich die Parasiten jahrelang ungestört im Körper ausbreiten. Chronische Bilharziose verursacht langfristig Organschäden, Leber- und Blasenkrebs und erhöht die Anfälligkeit für eine Ansteckung mit HIV. Kinder erleiden Entwicklungsverzögerungen und Lernbehinderungen. In tropischen Ländern richtet Bilharziose nach Malaria den größten wirtschaftlichen Schaden an.

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Dass sich die Situation für Wini und Elisabeta und in Zukunft für Millionen weitere Kleinkinder ändern kann, liegt an einer Verbindung zwischen der kargen Hütte auf Rusinga und dem Pharmakonzern Merck in Darmstadt. Und auch daran, dass weltweit Investoren Merck- Aktien in ihrem Depot liegen haben.

Seit Jahren nimmt das Interesse und das Produktangebot an nachhaltigen Investments zu. Aber bei vielen Anlegerinnen und Anlegern bleiben Zweifel: Kann man mit der Wahl seiner Geldanlage wirklich einen positiven Einfluss auf Mensch und Umwelt erzielen? Oder ist das nur ein Marketingversprechen?

Tatsächlich wird im Gesundheitssektor die Macht der Investoren zusehends sichtbar. Viele Indizien zeugen vom Beginn eines Wandels, der auf den stetig wachsenden Druck von Aktionären zurückzuführen ist. Pharmaunternehmen verwandeln sich deshalb nicht in Wohltätigkeitsorganisationen. Im Gegenteil: Es entstehen für große wie kleine Firmen sogar neue ökonomische Nischen.

Öffentlicher Druck wächst

Bei Merck begann das Umdenken mit ausgewachsenem Ärger. Im Vorstand war man 2010 wenig erfreut über das schlechte Abschneiden beim Access to Medicine Index. Der viel beachtete Report einer niederländischen Stiftung beurteilt nach verschiedenen Aspekten, inwieweit Pharmafirmen den Zugang zu ihren Medikamenten ermöglichen. Unter 20 globalen Konzernen landete Merck auf Platz 17. Nach dieser peinlichen Platzierung fielen Verbesserungsvorschläge im Vorstand auf fruchtbaren Boden. "Der Zugang ist dann zu einem wichtigen Thema geworden, für alle unsere Medikamente", sagt Jutta Reinhard-Rupp, Leiterin des Merck Global Health Instituts. 2012 verzehnfachte der Konzern die Anzahl der Praziquantel-Tabletten, die pro Jahr an die WHO gespendet wurden, von 25 auf 250 Millionen pro Jahr und stieß die Entwicklung einer neuen, für Babys und Kleinkinder geeigneten Variante an.

Im Access to Medicine Index stieg der Konzern daraufhin in die Top Ten auf, zeitweise bis auf Platz 4. "Über die Jahre ist das Global Health Institute von ,nice to have‘ zu einem wichtigen Baustein der Firma geworden, auch für die Firmenstrategie", sagt Reinhard-Rupp. "Es ist natürlich ganz klar eine Reputationssache, es hat einen gesellschaftlichen Impact, der von Investoren immer mehr nachgefragt wird. Aber Merck sieht die Aktivitäten in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen auch als Eintrittspforte für andere Geschäftsaktivitäten."

Catherine McCabe, Analystin im Nachhaltigkeitsteam der Fondsgesellschaft BMO Global AM, bestätigt, dass dieser Sinneswandel einen wachsenden Teil der Branche erfasst: "Bis vor nicht allzu langer Zeit wurde der Zugang zu Medikamenten in erster Linie als philantropische Aktivität betrachtet. Es ist eine fundamentale Wende, dass dieser Aspekt heute als Teil der Business-Strategie gilt."

Studie vor dem Abschluss

Aktuell befindet sich die neue Praziquantel-Formulierung in der finalen klinischen Testphase. Im Sommer sollen die Studien in Kenia und der Elfenbeinküste abgeschlossen werden. Die im Gegensatz zum alten Medikament viel kleinere, wasserlösliche und fruchtig schmeckende Tablette könnte 2023 zugelassen werden. Einige Dutzend Studienteilnehmer fehlen dem KEMRI noch, einem von insgesamt acht Merck-Partnern, die das Projekt zusammen als Konsortium betreiben. Im Krankenhaus von Homa Bay, rund eine Stunde Autofahrt von Rusinga Island entfernt, analysieren die Mitarbeiter deshalb ständig neue Stuhl- und Urinproben von Kindern auf die Eier der Bilharziose-Erreger. "Nah am Seeufer sind manchmal bis zu 90 Prozent der Kinder betroffen", sagt Maurice Odiere, Leiter der Einheit für vernachlässigte Tropenkrankheiten am KEMRI. "Schon Babys können die mikroskopisch kleinen Würmer in sich tragen, weil ihre Mütter sie gern in eine Schüssel mit Wasser setzen, während sie am Ufer Wäsche oder Geschirr waschen."

Filtriert oder angefärbt lassen sich die Eier unter dem Mikroskop entdecken, eine mühselige und zeitaufwendige Arbeit. Auch hier gibt es Ideen für Innovationen: Odiere will demnächst ein System ausprobieren, das mit künstlicher Intelligenz Mikroskopbilder auswertet, der Pharmariese Johnson & Johnson hat es entwickelt. Merck forscht zudem an einem Schnelltest, der die Krankheit in Zukunft anhand weniger Tropfen Blut oder Speichel diagnostizieren könnte.

Dass hier für eine vernachlässigte Tropenkrankheit ohne Aussicht auf Millioneneinnahmen Neues entwickelt wird, erfreut aber nicht nur Nachhaltigkeitsanalysten und Ranking-Ersteller. Zuletzt hat die Corona-Pandemie überdeutlich gezeigt, dass sich derartiges Engagement in Form von Erkenntnisgewinn, Kontakten und Technologiefortschritt für Unternehmen wie Investoren auszahlen kann. So hätten die CovidImpfstoffkandidaten von Biontech, Curevac, Astrazeneca und Johnson & Johnson mit ziemlicher Sicherheit niemals so schnell zur Verfügung gestanden, wenn diese Unternehmen nicht über Jahre hinweg an "nicht lukrativen" Krankheiten geforscht hätten. Biontech und Curevac betreiben Entwicklungsprogramme gegen Infektionskrankheiten mit der Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung, Astrazenecas Partner an der Uni Oxford hatten zuvor am mit SARS-CoV-2 verwandten Mers-Virus geforscht. Johnson & Johnsons Corona-Impfstoff basiert auf der Technologie der Ebola-Vakzine des Konzerns.

Neubewertung durch Investoren

Die erwarteten Umsätze - beim Team Pfizer/Biontech könnten nach Analystenschätzungen im laufenden Jahr 26 Milliarden Dollar zusammenkommen - sorgen für eine Neubewertung von Technologien zu Impfstoffen und Infektionskrankheiten bei Investoren. "Prophylaktische Impfstoffe standen bei Investoren nie besonders hoch im Kurs. Diese Wahrnehmung beginnt sich erst jetzt durch die Pandemie zu verändern", erklärte Mariola Fotin-Mleczek, Chief Technology Officer bei Curevac, bereits im vergangenen Herbst gegenüber €uro am Sonntag.

Nun ist Vaccitech, die aus der Uni Oxford herausgegründete Firma hinter dem Astrazeneca-Impfstoff, beim Börsengang an der Nasdaq gerade mit über 600 Millionen Dollar bewertet worden. Obwohl das Vakzin, solange die Pandemie andauert, zum Selbstkostenpreis abgegeben wird und die Entwicklungspipeline sonst recht übersichtlich wirkt. Mit dem Mers-Impfstoff enthält sie ein weiteres Non-Profit-Projekt. Valneva, eine französische Impfstofffirma mit einem Fokus auf Tropenkrankheiten und einem Covid-Kandidaten, hat ihren Aktienkurs im vergangenen Jahr mehr als verdreifacht.

Der Druck von nachhaltig orientierten Investoren wird indes nicht nur an Projekten wie dem von Merck sichtbar. Der Schweizer Pharmariese Novartis hat sich 2020 mit einem sogenannten Social Bond Geld am Kapitalmarkt besorgt. Dabei muss der Konzern Anlegern höhere Zinsen zahlen, wenn er es nicht schafft, seine Medikamente erheblich mehr Patienten in armen Ländern zugänglich zu machen. Das US-Unternehmen Pfizer kündigte im Februar an, 70 Entwicklungsländer mit Krebsmedikamenten zu beliefern.

Insgesamt sieht Kristina Rüter, Global Head of ESG Methodology bei der Nachhaltigkeits-Ratingagentur ISS ESG, trotz vieler Kritikpunkte stetige Verbesserungen in der Branche: "Erfreulich ist vor allem die Weiterentwicklung von einzelnen Charity-Projekten zu langfristig angelegten Konzepten, bei denen es wirklich darum geht, die Bedürfnisse von bestimmten Ländern und Märkten in einer Art und Weise zu berücksichtigen, die auch aus Geschäftsperspektive Sinn macht." Das sollte auch kleinen Forschungsfirmen nützen, wenn sie für entsprechende Projekte nicht mehr nur öffentliche Geldgeber, sondern auch Pharmakonzerne als finanzstarke Partner gewinnen könnten.

Impact wird immer wichtiger

Die Entwicklung wird sich in den kommenden Jahren beschleunigen. Auf Investorenseite nimmt das Thema Impact gerade richtig Fahrt auf. Gemeint ist die positive Wirkung, die Unternehmensaktivitäten erzielen, etwa ihr Beitrag zum Erreichen der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Aktuell ruft die britische Fondsgesellschaft Schroders das Zeitalter der "Vermögensverwaltung 3.0" aus, ein Dreiklang zwischen Risiko, Rendite und Impact. Die Überzeugung der Profi-Investoren: Der Impact eines Unternehmens beeinflusst seine zukünftige Profitabilität.

Unterdessen denken Maurice Odiere in Kenia und Jutta Reinhard-Rupp von Merck schon an die nächsten Schritte. Gerade startet der Technologietransfer an ein Unternehmen in Nairobi, das die neuen Tabletten herstellen soll, wenn es mit der Zulassung klappt. In Kenia könnten Kleinkinder sie dann bei Impfterminen oder im Kindergarten erhalten. Schon Winis und Elisabetas neugeborenes Geschwisterchen wird davon womöglich profitieren.

Die Recherche wurde unterstützt durch ein Global Health Grant-Stipendium des European Journalism Center.

 


INVESTOR-INFO

BB Sustainable Healthcare

Spezialisten am Werk

Die auf Gesundheitsinvestments spezialisierte Bellevue Asset Management hat sich für diesen nachhaltigen Healthcare-Fonds mit der Nachhaltigkeitsrating-Agentur Sustainalytics zusammengetan. Investiert wird nach einem regelbasierten Ansatz in ein mit 40 Titeln recht konzentriertes Portfolio. Es enthält die jeweils zehn nachhaltigsten Werte aus den Regionen Europa, Nordamerika, Emerging Markets und Japan/Ozeanien. Neben Arzneimitteln werden auch Medizintechnik und Gesundheitsdienstleistungen abgedeckt.

NN IP Health Care

Engagierter Anbieter

Der niederländische Vermögensverwalter NN Investment Partners hat sich komplett dem verantwortungsvollen Investieren verschrieben. Er verfolgt einen aktiven Engagement-Ansatz. Das bedeutet, die Gesellschaft tritt in aktiven Dialog mit den Firmen, in die sie investiert, um Fortschritte in Sachen Nachhaltigkeit zu erreichen. Investiert wird bei diesem Fonds vor allem in die großen, bekannten Konzerne wie Johnson & Johnson, Astrazeneca oder Medtronic.

B.G. Worldw. Positive Change

Globaler Impact-Ansatz

Natürlich ist der Zugang zu Medikamenten nur ein Aspekt, der Healthcare-Sektor nur eine Branche, die nachhaltige Investoren betrachten. Die Vermögensverwaltung Baillie Gifford wendet den Impact-Ansatz, bei dem das Investment nicht nur Rendite, sondern auch eine positive Wirkung auf Gesellschaft und Umwelt liefern soll, in diesem Fonds erfolgreich auf ein globales, diversifiziertes Aktienportfolio an. Auf den Gesundheitssektor entfallen aktuell rund 28 Prozent.

Anmerkung: Die Recherche wurde unterstützt durch ein Global Health Grant-Stipendium des European Journalism Center.

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