Wer Erfolg als Value-Investor haben will, muss Geduld mitbringen. Denn im Kern geht es bei diesem Anlagestil darum, einen Wert dort zu entdecken, wo ihn die anderen nicht sehen. "Kaufe einen Dollar, aber bezahle dafür nicht mehr als 50 Cent", drückte es Warren Buffett, der wohl berühmteste Value-Investor der Welt, einst aus.

Damit aus den 50 Cent am Ende wirklich ein Dollar wird, braucht es Zeit. Zeit, in der sich ein Unternehmen entwickeln kann und andere Anleger entdecken, dass sie vielleicht zu pessimistisch waren. Oder Zeit, dass sich der wirtschaftliche oder geldpolitische Rahmen ändert und bestimmte Sektoren oder Branchen in den Fokus rücken.

Der Rahmen für Investoren hat sich in den vergangenen Wochen sehr deutlich verändert - und an den Börsen scheint eine neue Realität zu herrschen: raus aus hoch bewerteten Wachstumsunternehmen, rein in preiswerte, zum Teil heruntergeprügelte Substanzwerte. Erkennbar wird dies beim Vergleich zweier Subindizes des Weltaktienbarometers MSCI World.

Lange Zeit im Schatten von Growth

Ist das tatsächlich der Auftakt zu einer länger andauernden Gegenbewegung? Im vergangenen Jahr gelang es den Value-Werten - trotz starker Phasen - nicht, die Growth-Titel abzuhängen. Was Börsianer erlebten, war ein Kopf-an-Kopf-Rennen der Anlagestile. Immerhin. In den Jahren seit der Finanzkrise 2008/2009 waren Substanzaktien dem breiten Markt und erst recht der Konkurrenz aus dem Wachstumslager nahezu ständig unterlegen. Auf Sicht der vergangenen zehn Jahre hat sich der MSCI World Growth rund doppelt so stark entwickelt wie das Value-Pendant. Wachstumsaktien standen eindeutig auf der Sonnenseite. Deren Potenzial mussten sich Anleger allerdings mit ambitionierten Bewertungen erkaufen.

Das taten sie und sorgten vor allem bei einer Handvoll Technologiewerte aus den USA für eine kaum vorstellbare Konzentration von Kapital. So ist beispielsweise der Börsenwert von Apple innerhalb von drei Jahren von 700 Milliarden auf drei Billionen Dollar gestiegen. "Apple ist aktuell wertvoller als jeder große europäische Börsenindex - sei es der britische FTSE 100, der französische CAC 40 oder der deutsche DAX 40", sagt Hendrik Leber, Gründer der Fondsboutique Acatis und Value-Investor moderner Prägung.

Eine Entwicklung, der die erwartete Zinswende und weitere Faktoren nun ein vorläufiges Ende setzen könnten. "Jede Vorherrschaft hat ein Ende", sagt Olivier de Berranger, Chefanlagestratege bei der Fondsgesellschaft LFDE. "Wissenschaftliche Studien zeigen auf lange Sicht keine Vorteile durch Investments in die teuersten Werte - im Gegenteil."

Eines Tages wird es nach Ansicht des Anlagestrategen also zu einer Neuausrichtung kommen müssen. "Bei einigen, insbesondere den Platzhirschen im Technologiesektor aus den USA und China, könnte dies durch den aktuellen Druck seitens der Politik ausgelöst werden, mit dem ihre Vormachtstellung und somit ihr Reiz für Börsianer begrenzt werden sollen."

Im Umkehrschluss bedeutet das nicht, dass nun alle teuren oder innovativen Unternehmen abgestraft werden. Die Veränderungen im Marktumfeld ließen jedoch einigen seit Langem vernachlässigten Titeln eine Chance, so Berranger: "Die Stunde der ,Gerechtigkeit für alle‘ bei den Bewertungen könnte geschlagen haben." Für Anleger heißt das: Value-Werte haben dieses Jahr das Potenzial aufzuholen - auch auf breiter Front. Wem ein Engagement in Einzelwerten als zu riskant erscheint, der kann via Fonds am Comeback der Substanzwerte partizipieren.

Ölsektor erlebt hohe Nachfrage

Aktuell rücken vor allem Sektoren, die von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung abhängen, in den Fokus. Das betrifft hauptsächlich Unternehmen aus den Bereichen zyklischer Konsum, Finanzwesen und Energie. So sagt Peter Frech, Manager des Quantex Global Value, mit Blick auf den Ölsektor: "Trotz der zunehmenden Stigmatisierung wird die Industrie nicht über Nacht verschwinden. Im Gegenteil. Derzeit erleben die Konzerne eine hohe Nachfrage, investieren aber kaum in neue Förderprojekte." Mit seinem Fonds ist Frech aktuell zu mehr als 20 Prozent in Öl- und Gasunternehmen investiert.

Auch Tabakaktien findet der Fondsmanager interessant. "Aufgrund des Hypes um Nachhaltigkeit sehen wir in dem Sektor fast schon irrational tiefe Preise. Dabei übersehen viele, dass die Unternehmen durch neue Produkte wie E-Zigaretten oder sogenannte Nicotine Pouches weiter wachsen", sagt Frech.

Grundsätzlich basiert seine Titelauswahl auf quantitativen Screenings von Unternehmensdaten weltweit. Sein besonderes Augenmerk gilt dabei der Free-Cashflow-Rendite. "Viele andere Kennzahlen wie etwa das Kurs-Buchwert-Verhältnis haben in den vergangenen Jahren nicht mehr funktioniert", sagt er. Was ebenfalls nicht funktioniere, sei, stets nur die günstigsten Aktien zu kaufen. Dadurch hole man sich auch Firmen ins Portfolio, die echte Probleme hätten. Frech nennt solche Unternehmen wenig schmeichelhaft "zyklischen Schrott" oder "Turnaround-Geschwüre". Für den Schweizer bedeutet gutes Value-Investing eine Rotation zwischen zwei Anlageansätzen. Je nach Wirtschaftszyklus kauft er entweder klassische Value-Titel oder verstärkt Qualitätsunternehmen zu einem fairen Preis. Letzteres ist durch den US-Investor Warren Buffett populär geworden.

Als Anhänger Buffetts sieht sich auch Vermögensverwalter Hendrik Leber. Doch betont er, dass er dessen Anlagegrundsätze in die heutige Zeit transferiert habe. Das bedeutet, dass für ihn physische Vermögenswerte für die Wertermittlung bei einem Unternehmen nicht unbedingt die Schlüsselrolle spielen. Ihm geht es viel eher um das geistige Kapital einer Firma und die Gewinnchancen, die sich daraus ergeben. So finden sich neben Aktien des Konsumriesen Procter & Gamble auch Anteilscheine des Chipspezialisten Nvidia oder der Medizintechnikfirma Intuitive Surgical in seinem Depot.

Wer sich auf europäische Value-Werte konzentrieren will, kann schließlich zu einem ETF der Deka greifen, der anhand eines Bündels an Kennzahlen regelmäßig die 20 Unternehmen mit dem stärksten Aufholpotenzial an den europäischen Börsen herausfiltert.
 


INVESTOR-INFO

Globaler Value-Fonds I

Erfolgreich durch Stilmix

Der Value-Fonds der Schweizer Investmentboutique Quantex ist seit 2015 in Deutschland erhältlich und weist nicht nur seit Jahresanfang, sondern auch langfristig eine starke Wertentwicklung auf. Das Erfolgsgeheimnis liegt in einer Rotation zweier Value-Ansätze: Setzt die Wirtschaft zu einem Turnaround an, kommen eher günstige zyklische Titel ins Portfolio. Bei einem fortgeschrittenen Zyklus werden - à la Buffett - mehr Qualitätsunternehmen zu einem fairen Preis gekauft.

Globaler Value-Fonds II

Verjüngte Buffett-Strategie

Hendrik Leber beschreibt seinen Anlageansatz selbst als "Value 2.0". Mit seinem globalen Aktienfonds folgt er den Investmentgedanken Warren Buffetts, aber moderner interpretiert. Nicht zwingend ein großer Bestand an physischen Gütern macht für ihn ein Substanzunternehmen aus. Die Substanz kann auch in der Innovationskraft, dem Know-how, der Logistik eines Unternehmens stecken. Auch mit höheren KGVs können Titel solcher Firmen für Leber unterbewertet sein.

Europäischer Value-ETF

Value via Indexfonds

Das Value-Thema lässt sich auch mithilfe eines ETFs sehr erfolgreich spielen. Mit dem Indexfonds der Deka investieren Anleger in die 20 "reinsten" Value-Aktien aus Europa. Um diese zu ermitteln, werden regelmäßig sechs fundamentale Kennzahlen wie Kurs-Buchwert-Verhältnis oder Dividendenrendite analysiert. Aktuell finden sich etwa die Aktien der Airport-Betreiber Fraport und Flughafen Zürich oder des Anlagenbauers Nel Asa sowie des Antriebstechnikkonzerns Rolls-Royce in den Top Ten des Portfolios.