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Der amerikanische Traum ist tot: US-Steuerrecht verhindert Wohlstand für alle

Der amerikanische Traum ist tot: US-Steuerrecht verhindert Wohlstand für alle

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14.08.2019 - 17:20
31.08.2019 06:50:00

Wohlstand für alle, der amerikanische Traum, funktioniert, wenn breite Bevölkerungsschichten am Wachstum teilhaben und es wenig strukturelle Hürden für ein Vorwärtskommen gibt. Nicht nur das US-Steuerrecht steht dem im Weg. Von Alexander Friedman, Gastautor für €uro am Sonntag

Es ist Zeit, sich einzugestehen, dass der "American Dream" tot ist. Seine Grundvoraussetzungen - ein starkes, anhaltendes Wirtschaftswachstum und eine Leistungsgesellschaft, die so strukturiert ist, dass eine Manipulation des Systems durch die Reichen ausgeschlossen ist - sind nicht länger gegeben.

Trotzdem ist ein "American Dream 2.0" immer noch möglich, und es obliegt denjenigen, die sich jetzt um den Einzug ins Weiße Haus bewerben, einen Plan zu seiner Verwirklichung vorzulegen. Zunächst einmal muss Amerikas politische Führung das Problem klar und deutlich erklären. Die Unabhängigkeitserklärung hat das "Streben nach Glück" zu einem zentralen Merkmal des amerikanischen Lebens erklärt. Seit 1776 hat sich jede Generation um den ­sozialen Aufstieg bemüht, und lange Zeit brachten es viele - wenn auch nicht alle - zu Wohlstand.

Über ein Jahrhundert lang führten nach dem amerikanischen Bürgerkrieg Fortschritte im Bereich der Energie, der Medizin, der Telekommunikation und des Verkehrswesens in Amerika (und der Welt) zu drastischen Veränderungen. Die wirtschaftliche Produktivität stieg dramatisch, und dasselbe galt für die durchschnittliche Lebenserwartung. Und während des größten Teils dieses Zeitraums hob die Flut tatsächlich die meisten Boote an. Politiker beider Parteien machten sich das nationale Ethos zu eigen, dass jeder durch harte Arbeit vorankommen könne, und ermöglichten dies im Lauf der Zeit - wenngleich unvollständig - auch Einwanderern, Farbigen, Frauen, Behinderten und anderen, denen die Chancen auf ein "amerikanisches Leben" traditionell versperrt gewesen waren.

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Doch als sich das Wirtschaftswachstum in den 1970er-Jahren verlangsamte, kam es bei den Wählern zur Frustration, während Ölschocks, Watergate und das unrühmliche Ende des Vietnamkriegs das Gefühl der Bevölkerung für Amerikas "Malaise" (Präsident Jimmy Carter) verstärkten. Vor diesem düsteren Hintergrund machte 1980 Ronald Reagan mit dem Versprechen Wahlkampf, einen neuen "Morgen in Amerika" herbeizuführen. Nachdem die US Federal Reserve (Fed) ihre Bereitschaft signalisiert hatte, alles Notwendige zu tun, um die Inflation im Zaum zu halten, wurden die Steuern gesenkt, und Amerika erlebte eine grundlegende Veränderung: Es wurde von einem Land der Sparer zu ­einem Land der Darlehensnehmer. Danach trieben Kredite das Wachstum, doch für den American Dream war das nur ein Aufschub. Die Amerikaner verschuldeten sich, um ausländische Waren zu kaufen, und die Hersteller dieser Waren kauften US-Staatsanleihen und hielten so die Zinssätze niedrig. Obwohl sich die Amerikaner wohlhabend fühlten, wuchs die Realwirtschaft nur noch halb so stark wie vorher, und die Medianlöhne stagnierten.

Zugleich widmete sich die Fed geschäftig dem Versuch, die in Abständen auftretenden Brände an den Finanzmärkten zu löschen. Dabei verschlimmerte sie jedoch unbeabsichtigt das Problem der Ungleichheit weiter. Im Jahr 2007 hatte ihre Politik zu einer künstlichen Aufblähung der Finanzmärkte, wo überwiegend die Reichen Vermögenswerte hielten, auf die dreifache Größe der Realwirtschaft geführt.

Der American Dream funktioniert nur, wenn breite Schichten am Wachstum teilhaben und es kaum strukturelle Hürden für ein Vorwärtskommen gibt. Weder das eine noch das andere ist heute gegeben. Laut dem Congressional Budget Office werden jährliche Wachstumsraten von vier Prozent nicht zurückkehren - oder zumindest nicht in absehbarer Zeit; mehr als zwei Prozent Wachstum sind nicht zu erwarten. Zudem wurden die Innovationen, die in der Vergangenheit die Beschäftigungszunahme in der Industrie begünstigten und den Menschen einen sozialen Aufstieg ermöglichten, durch digitale Technologien ersetzt. Die Amazons und Ubers aber vernichten Arbeitsplätze für die Arbeiterschicht und treiben die Löhne nach unten.

Steuerschlupflöcher abschaffen, Wohlstandsgefälle verringern


Verschlimmert wird die Lage noch dadurch, dass das US-Steuerrecht das Kapital zunehmend gegenüber der Arbeit begünstigt. Dies erklärt teilweise, warum der Arbeitsanteil am Volkseinkommen sinkt. Insgesamt haben die Jungen zu hohe Schulden, die Generation der Babyboomer aus der Zeit nach 1945 hat zu wenig für den Ruhestand angespart, und es herrscht ein Mangel an Arbeitsplatzflexibilität und an Sicherheit für die Arbeitslosen. Der Versuch voranzukommen, hat sich zu einer Sisyphusarbeit entwickelt.

Wir wissen jedoch bereits, was wir tun müssen, um wieder gleichere Wettbewerbsbedingungen zu schaffen und für ein defizitneutrales Wachstum und Dynamik zu sorgen. Zunächst einmal sollten wir die Studentenkredite im Austausch gegen einen nationalen Zivildienst als Lehrer, Ersthelfer und in der ärztlichen Versorgung auf dem Land verringern. Das ist nicht nur moralisch richtig, sondern würde zugleich eine neue Generation von Staatsdienern in gesellschaftlich bedeutsamen Bereichen hervorbringen, die derzeit unter Fachkräftemangel leiden. Zweitens müssen wir Steuererleichterungen abschaffen, die das Wohlstandsgefälle verbreitern und verfestigen. Dabei könnten wir Hunderte von Milliarden Dollar an neuen Steuereinnahmen erschließen.

Drittens sollten diese zusätzlichen Steuereinnahmen für drei zentrale Zwecke genutzt werden. Amerika muss gebührenfreie örtliche Community Colleges einrichten, um seine Arbeitnehmer umzuschulen, von denen viele durch die Automatisierung und andere neue Technologien arbeitslos gemacht wurden oder es irgendwann werden. Und wir brauchen ein nationales Infrastrukturprogramm - eine moderne Version von Präsident Franklin D. Roosevelts Works Progress Administration -, das viele derjenigen beschäftigen könnte, die ihre Arbeitsplätze in der Industrie verloren haben.

Viertens muss der bundesweite Mindestlohn nicht nur erhöht werden, sondern er muss auch an die Inflation geknüpft werden. Dies würde dazu bei­tragen, dass die Menschen mit den steigenden Lebenshaltungskosten Schritt halten können, und, wie die Federal Reserve Bank of Chicago gezeigt hat, die Wirtschaftsaktivität insgesamt steigern.

Fünftens müssen wir den Zugang zu einer grundlegenden Kinderbetreuung zum öffentlichen Gut machen, denn sonst wird die Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt weiter unter ihrem potenziellen Wert verharren. Und schließlich müssen wir allen denselben Zugang zu Begünstigungen für Vorsorgeaufwendungen bieten wie den Reichen.

Große Reiche steigen auf und vergehen wieder - um dann manchmal einen neuerlichen Aufstieg zu erleben. Amerikas aktueller Kurs verheißt nichts ­Gutes. Doch wenn wir jetzt handeln, können wir noch immer einen neuen American Dream für die weltgrößte Volkswirtschaft herbeiführen.

Copyright: Project Syndicate

Kurzvita

Alexander Friedman
Investor
Alexander Friedman war bis November 2018 Chef des Schweizer ­Vermögensverwalters GAM Investments, ­davor Chief Investment Officer der UBS sowie Chief Financial Officer der Bill & Melinda Gates Foundation. Friedman absolvierte erfolgreich das Nachwuchs- auswahl­programm des Weißen Hauses und arbeitete als White House Fellow.

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Bildquelle: flySnow/iStock

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