Der Chef der St. Galler Kantonalbank Christian Schmid über die aktuelle Frankenstärke und den Finanzplatz Schweiz. Von Stefan Rullkötter

Boerse-online.de: Herr Schmid, der Euro hat gegenüber dem Schweizer Franken seit einem Jahr rund  sechs Prozent an Wert eingebüßt. Was bedeutet die aktuelle Stärke der Heimatwährung für die Schweiz?
Christian Schmid:
Die Stärke des Frankens betrifft den Finanzplatz Schweiz nur indirekt. Die volumen-abhängigen Erträge auf Anlagen der Kunden außerhalb der Schweiz durch die Währungsverluste nehmen ab. Die Schweizer Exportindustrie ist von einer Frankenstärke dagegen direkter betroffen. Viele Firmen haben ihr Management der Währungsrisiken in den letzten Jahren jedoch verbessert.

Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Interventionspolitik der Schweizerischen Nationalbank (SNB)?
Sie war in den letzten Jahren sehr erfolgreich. Durch die Interventionen konnte sie den Franken auch zum Euro weitgehend stabil halten, was die Planungs-sicherheit der Unternehmen erhöhte. Gleichzeitig konnte die SNB verhindern, dass durch eine Aufwertung des Frankens die an sich schon sehr tiefe Inflation in der Schweiz in den negativen, sprich deflationären Bereich fiel. Die Kehrseite dieser Währungspolitik ist aber das Anwachsen der Devisenreserven der SNB auf aktuell mehr als 800 Milliarden Schweizer Franken.

Der Finanzplatz lebte jahrzehntelang gut mit der Reputation „Verschwiegenheit und Diskretion“. Seit 2017 meldet die Schweiz Daten ausländischer Bankkunden im Rahmen des Automatischen Informationsaustauschs (AIA). Was hat sich dadurch für die Banken verändert?
Es ist für alle Parteien nur gut, wenn sich dank dem AIA die Steuerfragen gar nicht mehr stellen und die gesellschaftliche und wirtschaftliche Attraktivität der Schweiz und ihres Finanzplatzes ins Zentrum rückt. Aus unserer Sicht ist die Schweiz für vermögende deutsche   Privatkunden unverändert ein sehr attraktiver Standort.

Laut einer Studie von KPMG sind in  den vergangenen zwölf Jahren 71  Schweizer Privatbanken vom Markt verschwunden. Geht das so weiter?
Es handelt sich dabei mehrheitlich um ausländisch beherrschte Banken sowie um Filialen ausländischer Banken, die sich seit der Finanzmarktkrise stark reduzierten. Dies hat wohl insbesondere mit den vielfältigsten steuer- und aufsichtsrechtlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre zu tun. Die Entwicklung dürfte sich nun verlangsamen.  

Eidgenössische Großbanken wie die Credit Suisse geraten wegen diverser oder vermeintlicher Skandale immer wieder in die Schlagzeilen.Wie sehr schadet das dem Finanzplatz Schweiz?
Das Fundament des Bankgeschäfts ist und bleibt das Vertrauen. Jeder Riss in diesem Vertrauensverhältnis, woher auch immer er stammt, bedeutet einen Rückschritt. Insofern sind leider negative Meldungen über ein Einzelinstitut in der Öffentlichkeit immer auch mit negativen Wahrnehmungen der Gesamtbranche verbunden. Für das Vertrauensverhältnis innerhalb der konkreten Kundenbeziehung sorgt hingegen zum Glück ausschließlich die einzelne Bank.

Die St. Galler Kantonalbank ist börsennotiert. Seit Juli 2019 sind aber nahezu alle Schweizer Aktien vom Handel innerhalb der EU, darunter auch an der Deutschen Börse sowie den Regionalbörsen, ausgesetzt. Ein lösbarer Streit?
Die Liquidität des Handels mit Schweizer Aktien hat durch die Aussetzung des Handels innerhalb der EU nicht gelitten. Dieses Thema ist deshalb zu Recht in den Hintergrund gerückt.

Immer mehr Anleger mit Wohnsitz in Deutschland überlegen, in der Schweiz Konten und Depots zu eröffnen. Erhält Ihre Bank hier deutlich mehr Anfragen?
Tatsächlich spüren wir diese Nachfrage Tag für Tag. Die Schweiz eignet sich sehr gut zur geografischen Diversifikation, der Schweizer Franken hat sich historisch als stabil erwiesen. Damit ist das Anlagekapital vom Euro und den unter Rekordverschuldung leidenden Euro-staaten unabhängig. Die Schweiz erlaubt zudem keinen Direktzugriff anderer Länder auf Konten und Depots. So profitieren deutsche Anleger mit einer grenzüberschreitenden Anlage von
dieser Stabilität und Unabhängigkeit.

Welche geschäftlichen Schwerpunkte setzen Sie als Universalbank im Heimatmarkt Schweiz und welche Strategie verfolgen Sie hier?
Wir verstehen uns bei uns im Heimmarkt als finanzielle Lebensbegleiterin unserer Kundschaft und stellen ihre jeweiligen Ziele und Bedürfnisse ins Zentrum unserer Produkte und Dienstleistungen. Bei den Privatpersonen reicht dies von der Kindheit bis zum Lebensabschnitt Alter, bei Unternehmen vom Start-up bis zum internationalen Konzern. Als Spezialität fokussieren wir uns zusätzlich auf das Geschäft mit unabhängigen Vermögensverwaltern sowie auf dasjenige mit kleinen und mittelgroßen institutionellen Kunden.

Spiegeln sich die überlagernden Krisen dieser Zeit auch in Ihren  aktuellen Geschäftszahlen wider?
Der Ausblick auf das gesamte Geschäftsjahr 2022 ist geprägt durch die weltweite Zinswende. Wir begrüßen das Ende der Negativzinspolitik und die damit einhergehende Normalisierung der Zinslandschaft sehr. Kurzfristig führen die weltweiten Inflationszahlen und die geopolitischen Unwägbarkeiten jedoch zu Konjunktursorgen, die auf den Finanzmärkten lasten. In diesem Umfeld ist es für uns umso wichtiger, das starke Vertrauen unserer Kundschaft zu spüren: Sowohl die Kundenausleihungen als auch die Kundenvermögen verzeichnen auch in diesem Jahr ein höchst erfreuliches Wachstum. Dasselbe gilt auch für unser Deutschland-Geschäft, das aktuell bereits 14 Prozent unserer gesamten verwalteten Vermögen ausmacht.

Welchen Status haben Kantonalbanken im Schweizer Bankensystem und wie zukunftsfähig sind sie?
Die 24 Kantonalbanken sind moderne, eigenständige Bankinstitute mit enger Verbindung zum Heimmarkt. Gemeinsam bilden sie eine der bedeutendsten Bankengruppen der Schweiz. Die Kantone sind typischerweise vollständige Eigentümer oder Mehrheitseigentümer der jeweiligen Kantonalbank. Durch ihre rund 150-jährige Geschichte sind die Kantonalbanken seit jeher stark in der Gesellschaft verankert und genießen sehr hohes Vertrauen.

Zur Person:

Christian Schmid arbeitet seit 2008 als Manager bei der St. Galler Kantonalbank. Seit Mai 2021 ist er Präsident der Geschäftsleitung und Vorsitzender des Aufsichtsrats der St. Galler Kantonalbank Deutschland. Zuvor baute er als Geschäftsführer der von ihm mitgegründeten RSN Risk Solution Network AG diese ab 2004 zur führenden Outsourcing-Plattform für Kreditrisikomanagement in der Schweiz auf.

Zum Unternehmen:

Die St. Galler Kantonalbank wurde 1868 als öffentlich-rechtliche Anstalt gegründet. Die Bank mit 1319 Mitarbeitern ist in den Kantonen St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Zürich und über eine Tochter in Deutschland präsent. Das verwaltete Vermögen liegt bei rund 56 Milliarden Schweizer Franken, die Bilanzsumme im abgelaufenen Geschäftsjahr betrug 40 Milliarden Schweizer Franken. Anleger in Deutschland können die Aktie nur an der Schweizer Heimatbörse handeln.

Die XL-Version des Interviews ist in der Wochenzeitung €uro am Sonntag erschienen. Darin erläutert Christian Schmid auch seine Geschäftsstrategie für den Finanzplatz Deutschland.  Hier als digitale Ausgabe erhältlich