Richtungsweisend für die Zukunft Europas sei die Debatte gewesen, sagt am Ende der Präsident des EU-Parlaments, Martin Schulz. Der Auftritt des griechischen Regierungschefs Alexis Tsipras vor dem Plenum in Straßburg umfasst vieles - merkwürdige Allianzen unter politischen Gegnern, die Entfremdung ehemaliger Verbündeter, tosenden Applaus und heftige Buhrufe, Zitate antiker Dichter und den flammenden Appell an die Einigkeit Europas durch den ehemaligen griechischen Widerstandskämpfer gegen die Nazi-Herrschaft. Von einem "Hexenkessel" im EU-Parlament spricht der Fraktionschef der Sozialisten und Demokraten, Gianni Pittella. In der über dreistündigen Debatte in diesem Hexenkessel wird vor allem eines deutlich: Welch tiefe Risse und heftige Emotionen die Griechenland-Krise in den vergangenen Monaten hervorgerufen hat.

Nur wenige Stunden nach dem Euro-Sondergipfel in Brüssel, auf dem der griechischen Regierung eine weitere, letzte Frist gesetzt wurde, begrüßen einige EU-Abgeordnete Tsipras am Mittwochmorgen in Straßburg mit Applaus, andere mit Buhrufen. Eine Reihe von Parlamentariern, auch aus dem Block der rechtsradikalen Parteien, haben Schilder mit dem griechischen Wort "Oxi" ("Nein") auf ihre Tische gestellt - dem Motto derjenigen, die das EU-Reformpaket beim griechischen Referendum am Sonntag ablehnten. An die Spitze der "Oxi"-Bewegung stand Tsipras selbst. Vor dem EU-Parlament sichert er erneut Reformen zu, so etwa die Abschaffung des Systems zur Frühverrentung und ein gerechteres Steuersystem - wie viele Maßnahmen er umsetzen will, die am Sonntag von über 60 Prozent der Griechen abgelehnt wurden, sagt er nicht.

Der Rede des 40-Jährigen hört EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker mit verschränkten Armen und skeptischer Miene zu - ein Sinnbild für die Entfremdung der beiden Politiker in den vergangenen Wochen, nachdem die griechische Seite keinen der Lösungsvorschläge der EU-Kommission angenommen hat und am Ende das Referendum ausrief. Dass Tsipras sagt, nur mit der EU-Kommission allein sei schon längst eine Lösung gefunden worden, lässt Juncker kalt. Im Gegenteil: Mit bebender Stimme wehrt sich der Luxemburger gegen frühere Vorwürfe aus Athen, dass seine Behörde Rentner und Arbeiter mit niedrigem Einkommen in Griechenland stärker belasten wollte. "Ich wäre dankbar gewesen, wenn man alles gesagt hätte. Vieles wurde noch nicht gesagt", beklagt Juncker, der als "ehrlicher Makler" Tsipras zu einem Kompromiss mit den Geldgebern hat führen wollen und dafür auch von deutschen Politikern heftig kritisiert worden ist.

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TSIPRAS UND DIE "FALSCHEN FREUNDE"



Tsipras selbst wird nicht nur Zeuge eines offenbar persönlich verletzten Kommissionspräsidenten, sondern auch der merkwürdigen Allianzen im EU-Parlament: So wenden sich ausgerechnet der Vorsitzende der rechtspopulistischen Ukip-Partei aus Großbritannien, Nigel Farage, sowie die Front-National-Parteichefin Marine Le Pen aus Frankreich mit scheinbar warmen Worten an den Anführer der linken Syriza-Partei. Beide legen Tsipras den Austritt aus der Euro-Zone ans Herz. Der griechische Regierungschef, der sein Land unbedingt in der Währungsunion halten will, bemüht sich um einen neutralen Gesichtsausdruck.

Tsipras umgebe sich mit falschen Freunden, kritisiert deshalb der Fraktionschef der Europäischen Volkspartei (EVP), Manfred Weber. Auch sonst reitet der CSU-Politiker, gewöhnlich ein Mann des Ausgleichs und milden Töne, lautstarke Attacken gegen den Linkspolitiker, der in Athen mit einem rechtsgerichteten Koalitionspartner regiert. "Sie lieben das Scheitern, wir den Erfolg. Sie lieben die Spaltung Europas, wir den Kompromiss", ruft Weber Tsipras zu. Zeitweise wird der EVP-Mann, Vorsitzender der größten Fraktion im EU-Parlament, von anderen Abgeordneten niedergeschrien. Die Linken-Fraktionschefin Gabi Zimmer wirft ihm vor, das EU-Parlament mit einem bayerischen Stammtisch zu verwechseln. Gegen Ende der hitzigen Debatte hält einer einen flammenden Appell für den Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone, der noch ein Europa erlebt hat, in dem die verschiedenen Völker nicht im gleichen Parlament miteinander streiten konnten: Manolis Glezos, fast 93-Jähriger Veteran der Syriza-Partei im EU-Parlament und früherer Widerstandskämpfer gegen die Besatzung Griechenlands durch die Wehrmacht, ruft zu einer gerechten Behandlung seines Landes auf.

Zwar hat die Debatte im EU-Parlament keine inhaltliche Annäherung im Schuldenstreit gebracht. Vielleicht wurde in ihr aber eine Art Katharsis nach dem Muster der altgriechischen Tragödie erkennbar: Die reinigende Wirkung von aufgestauten Emotionen.

Reuters