GASTBEITRAG

Anko Beldsnijder: Die Realwirtschaft wird digital

Anko Beldsnijder: Die Realwirtschaft  wird digital
10.12.2017 08:00:00

Der Wandel von der analogen zur digitalen Wirtschaft hat gravierende Auswirkungen: auf die Volkswirtschaften, Notenbanken, Unternehmen und auf die Anleger. Von Gastautor Anko Beldsnijder

Am sichtbarsten ist der Übergang zur digitalen Wirtschaft bei den sogenannten FAANG-Aktien, also bei Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google (heute Alphabet). Immer mehr Menschen kommunizieren über soziale Medien, statt wie früher Briefe zu schreiben oder zu telefonieren. Gleichzeitig verlagert sich der Konsum zunehmend in den Onlinehandel. Erst vor zehn Jahren kam das erste iPhone von Apple auf den Markt. Heute gehören smarte Handys zum Alltag wie ein Regenschirm im Herbst. Und Video-on-Demand-Angebote wie Netflix verdrängen zunehmend das lineare Fernsehen.



Die Transformation von einer analogen in eine digitale Wirtschaft geht aber noch viel weiter. Die Industrie wird automatisiert. Ziel der Industrie 4.0 ist es, Losgrößen von eins wirtschaftlich zu machen. Durch die Digitalisierung der Produktion wird es künftig also möglich sein, einen Pkw zu 100 Prozent individuell und maßgeschneidert zu konfigurieren und trotzdem damit Geld zu verdienen. Die Automobilwirtschaft steht mit der Elektromobilität und dem autonomen Fahren vielleicht sogar vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte. Ohne die Digitalisierung wäre diese schöpferische Zerstörung undenkbar. Ein anderes Beispiel: Die Glühbirne war gestern, heute erobern stromsparende LEDs mit einer Lebensdauer von 20 bis 30 Jahren den Beleuchtungsmarkt. Und durch den Vormarsch der Biotechnologie lassen sich mittlerweile Krankheiten wie Hepatitis heilen, die noch vor wenigen Jahren tödlich enden konnten.


Die Digitalisierung erobert nicht nur unseren Alltag, sie hat auch auf volkswirtschaftlicher Ebene nachhaltige Auswirkungen - sichtbare und eher versteckte. Denn sie sorgt selbst bei einer steigenden Wertschöpfung für stabile, manchmal sogar für sinkende Preise und wirkt damit deflatorisch. So sind bei mobilen Datendiensten die Preise pro Megabyte in den zurückliegenden zehn Jahren um 90 Prozent gesunken. Bei Mobilfunkverträgen gibt es pro Jahr ein 35 Prozent höheres Datenvolumen - und das bei konstanten Preisen. Dazu gibt es immer mehr Apps und Streamingangebote.

Diese digitalen Wohlstandseffekte spiegeln sich allerdings nur unzureichend im Bruttoinlandsprodukt (BIP) wider. Eine LED geht eben nur einmal beim Kauf ins BIP ein, sorgt aber 20 oder sogar 30 Jahre lang für Licht. Und die Stromkonzerne machen mit LEDs nur noch zehn Prozent des früher mit Glühbirnen erzielten Umsatzes. Dennoch kommen Studien des renommierten Brokers Redburn zu dem Schluss, dass die Weltwirtschaft in den vergangenen zehn Jahren viel stärker gewachsen ist, als es offiziell ausgewiesen wird. Unter Berücksichtigung der digitalen Wertschöpfung habe zum Beispiel das BIP Großbritanniens statt um 1,3 tatsächlich um 2,9 Prozent pro Jahr zugelegt.

Die zu niedrig ausgewiesene Inflationsrate und das zu geringe BIP-Wachstum verleitet die internationalen Notenbanken zu (eigentlich zu) niedrigen Leitzinsen und zu einer (eigentlich zu) hohen Liquiditätsausstattung der Finanzmärkte. Dadurch wird einerseits die analoge Wirtschaft während des Transformationsprozesses unterstützt, andererseits profitieren auch die Vorreiter der Digitalisierung von niedrigen Zinsen und günstigen Finanzierungskosten. Da dieser Transformationsprozess viele Jahre in Anspruch nehmen wird, ist davon auszugehen, dass die Inflation und die Zinsen längere Zeit niedrig bleiben.

In diesem Umfeld gewinnen Aktien generell gegenüber anderen Vermögensklassen - vor allem im Vergleich mit Anleihen - weiter an Bedeutung. Noch wichtiger wird aber die richtige Aktienauswahl: Künftig zählt vor allem das Gewinnwachstum von Unternehmen. Am aussichtsreichsten sind Aktien, die über ein strukturelles Gewinnwachstum verfügen - meistens stammt dieses aus der digitalen Transformation selbst.

Anko Beldsnijder



Der Niederländer hat an der Universität in Amsterdam Wirtschaftswissenschaften studiert und ist seit 1992 als Fondsmanager tätig: zuerst bei der Credit Suisse, später bei ABN Amro und bei Mainfirst. Seit 2016 arbeitet Beldsnijder bei Fidecum und verantwortet dort den avant-garde Stock Fund, den er seit 2012 zusammen mit Richard Burkhardt managt. Fidecum bietet Anlagekonzepte für professionelle Investoren an.

Weitere Links:


Bildquelle: Kleinespel/Fidecum AG

Aktien in diesem Artikel

Alphabet C (ex Google) 936,39 -0,51% Alphabet C (ex Google)
Amazon 1.430,00 -1,02% Amazon
Apple Inc. 147,67 -1,80% Apple Inc.
Credit Suisse 9,86 -1,84% Credit Suisse
Facebook Inc. 127,00 0,13% Facebook Inc.
Netflix Inc. 241,61 -0,50% Netflix Inc.
Synopsys Inc. 77,55 -0,79% Synopsys Inc.

Indizes in diesem Artikel

pagehit