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Nur innovative Städte haben Zukunft

Nur innovative Städte haben Zukunft

WKN: A14QMG ISIN: JP3832900009 PLATZ Co.,Ltd.

10.07.2019 15:00:37

In der Spätphase eines Wirtschaftszyklus messen Investoren bei ihren Anlageentscheidungen der Innovationskraft von Städten eine immer größere Bedeutung bei. Die stetige Erneuerung sichert deren Prosperität. Von Timo Tschammler, Gastautor für €uro am Sonntag

Mehr als 100 Weltstädte standen auf dem Prüfstand. In einer globalen Erhebung wurde ihre Innovationskraft und damit ihre Zukunftsfähigkeit gemessen. Innovation heißt Ideenreichtum, Erfindergeist, wissenschaftlicher und technischer Fortschritt und die ­damit verbundene Realisierungskompetenz in Wirtschaft und Gesellschaft. All das hat Wettbewerbsvorteile im globalen "War for Talents" zur Folge und erlebt seinen Höhepunkt in universitären und unternehmerischen Kaderschmieden rund um den Globus.

Klar, dass innovative, forschungsstarke Metropolen das meiste Kapital auch in der Immobilienbranche anziehen - im gewerblichen genauso wie im Wohnimmobiliensektor. Aber auch für Talente sind innovative Metropolen und deren Unternehmen höchst attraktiv in puncto Karriereplanung. Eine ausgeprägte Governance-Kultur, wie sie sich zum Beispiel in Deutschland in den letzten Jahren in der Immobilienbranche entwickelt hat, tut ein Übriges zur Steigerung der Attraktivität. Denn Governance steht nicht zuletzt für Nachhaltigkeit, dem Technologietreiber schlechthin in Zeiten des Klimawandels.

Widerstandsfähiger gegenüber wirtschaftlichen Schocks


Innovative Städte sind schon längst ein expliziter Teil der Anlagestrategie vieler Investoren. Diese Städte marschieren technologisch vornweg und sind widerstandsfähiger gegenüber wirtschaft­lichen Schocks. Während des letzten Abschwungs sanken die Kapitalwerte der Immobilien in den top platzierten Metro­polen bei Weitem nicht so stark wie im großen Rest der Welt.

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Weltweit 109 Städte hat JLL hinsichtlich ihrer Innovationsfähigkeit und der Stärke ihrer Talentpools analysiert. Die Innovationskraft wird anhand der Höhe der ausländischen Direktinvestitionen in die Hightechindustrie, Forschungs- und Entwicklungsausgaben, die Zahl der erteilten Patente und der Venture-­Capital-Aktivität gemessen. Die Stärke der Talentpools einer Stadt wurde anhand ihrer demografischen Entwicklung, der Qualität der Hochschuleinrichtungen, des Anteils der Menschen mit einem Universitätsabschluss und des Anteils der Beschäftigten in Hightechbranchen bewertet.

München und Berlin unter den Top-20-Metropolen weltweit


In Deutschland kommen von den weltweit analysierten Metropolen Berlin und München unter die Top 20 der innovativsten und für hoch qualifizierte Arbeitskräfte attraktivsten Städte. Deutschland ist damit das einzige Land in Europa, das mit zwei Städten in der Weltliga der Metropolen vertreten ist.

Bei den Kriterien für "Innovation" liegt München auf Platz 13, Berlin folgt auf Platz 18. Bei den Wagniskapital­gebern sind beide Städte gefragt: Von 2016 bis 2018 wurden in Berlin 5,9 Milliarden US-Dollar Wagniskapital investiert, in München im selben Zeitraum 5,8 Milliarden Dollar.

Dass München im Vergleich zu Berlin als innovativer eingestuft wird, liegt auch an der höheren Konzentration von großen Unternehmen wie Siemens, IBM oder BMW, die sehr hohe Forschungs- und Entwicklungsausgaben haben. Dazu kommt das traditionsreiche universitäre Umfeld der Bayernmetropole mit einer weltweit respektierten technischen Universität und einem Platz 2 im europäischen Ranking bei den eingereichten Patenten, direkt hinter Paris.

Berlin profitiert von seiner großen Start-up-Szene, die viele hoch qualifizierte Arbeitskräfte anzieht. Die deutsche Hauptstadt hat darüber hinaus eine exzellente intellektuelle Infrastruktur - ein Powerhouse aus Forschung, Lehre, Großunternehmen, Mittelstand und Start-ups. Gebündelt finden sich die Ideenschmieden in der Spreemetropole mit vielen Weltmarktführern in ihren jeweiligen Spezial­gebieten an zwölf Zukunftsstandorten mit 1800 Unternehmen und 50 000 Beschäftigten. "Energie im Quartier" gehört genauso zur Berliner Smart-City-­Strategie wie die Elektro-Shuttle-Busse à la Emily auf dem EUREF-Campus oder der Ausbau der Stadt zur deutschen 5G-Modellregion.

Die US-Küstenstädte ziehen Talente besonders stark an


Weltweit betrachtet liegen in der Kombination aus Innovation und Talentpool San Francisco und London sowie San José mit dem Silicon Valley an der Spitze. Differenziert man beide Kategorien, zeichnet sich jedoch ein sehr unterschiedliches Bild ab. So sind die asiatischen Städte Tokio, Singapur, Peking und Seoul in den Top 10 der innovativsten Städte, im Talentpool-Ranking ist aber nur Tokio (auf Platz 19) vertreten. Vor allem in puncto Lebensqualität und Governance besteht in den asiatischen Metropolen Nachholbedarf.

Die attraktivsten Städte für Talente liegen neben London, in dieser Frage noch unbeschadet von den Brexit-Wirrungen, vor allem an den US-amerikanischen Küsten: San Francisco, San José und Seattle im Westen, Washington und Boston im Osten. Auch zeigt sich, dass Europa zwar nur sechs der innovativsten Städte stellt, dafür aber neun der stärksten Talentpools.

Gerade diese Kategorie verdeutlicht, dass die Bildungssysteme in Europa, Nordamerika sowie in Australien derzeit noch für eine sehr ausgeprägte ­Attraktivität ihrer Metropolen sorgen. Die aufstrebenden asiatischen Millionenstädte haben diesbezüglich noch das Nachsehen mit einer globalen Bildungsdisharmonie in der Konsequenz. Bildung und die Investition in Bildung und in die damit verbundenen Institu­tionen zahlt sich aber aus. Entsprechend kommen in den Bildungsmetropolen weltweit ein hohes Bildungs­niveau der Beschäftigten sowie global renommierte Hochschulen zusammen. Und Investoren wissen diese kongeniale ­Melange zu schätzen.

Kurzvita

Timo Tschammler
CEO JLL Deutschland
Der Betriebswirt und Immobilienökonom lenkt seit März 2017 das Deutschland-Geschäft von JLL, weltweit einer der größten Immo- biliendienstleister. Er ist auch Mitglied im European Management Board des Konzerns und Vorstand des Instituts für Corporate Governance in der deutschen Immobilienwirtschaft.

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Bildquelle: Fritz Philipp/JLL Deutschland SE

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