AXEL RETZ

Warten auf den ersten Sechser

Warten auf den ersten Sechser
18.09.2015 07:55:00

Wer so richtig Lust hat, sein Geld zu versenken, der kann Lotto spielen, heiraten oder auf die Empfehlungen von Bank-Analysten hören. Direkt wegwerfen geht natürlich auch. André Kostolany hat es etwas anders formuliert, aber die Zeiten haben sich geändert. Wer heute so richtig Lust hat, Geld zu verdienen, der schärft jetzt seine Sinne. Nach oben geht es an er Börse immer über die Treppe, nach unten aber im freien Fall.

Europa, als was war das noch einmal gedacht? Es war gedacht als eine solidarische Völkergemeinschaft mit dem Ziel eines friedlichen Zusammenlebens, prosperierender Wirtschaft, der Wahrung der Menschenrechte, der Demokratie und der Freizügigkeit. Geschützt und garantiert werden sollte das durch die Verträge von Maastricht und Lissabon, das EU-Parlament, die Europäische Kommission, den Europäischen Rat, den EuGH und die EZB.

Die ersten wirklichen Herausforderungen für den Euroraum stellten pikanterweise ausgerechnet die Währung selbst und die zunehmende Ablehnung des aus Brüssel kommenden Direktionismus dar. Um den schönen Schein des Euro zu wahren, wurden Verträge gebrochen und die Solidargemeinschaft schleichend in eine Haftungsgemeinschaft überführt. Und die Regulierungswut der demokratisch in keiner Weise legitimierten EU-Kommission hat europafeindlichen Kräften mehrgenutzt als geschadet. Die neue Nagelprobe in Form der Flüchtlingsproblematik ist jedoch aus ganz anderem Holz geschnitzt. Vorgestern scheiterte der Versuch, die EU-Staaten auf einen solidarischen, ausgewogenen Umgang mit der Bewältigung der Krise einzuschwören. Und gestern gab das in London ansässige IISS, das als weltweit bedeutendste politisch-militärische Denkfabrik gilt, bekannt, dass man nicht davon ausgehe, dass die EU zu einer solidarischen Lösung der Flüchtlingsproblematik kommen werde.

Dass die Bundesregierung mit ihrem auf eine "einmalige Sondersituation" gestützten Einreisefreibrief gleich die nächste "einmalige Sondersituation" provozierte, die sie nach nur wenigen Tagen zu einer 180 Grad-Wende und der Wiedereinführung von Grenzkontrollen veranlasste, ein verheerendes Signal der Planlosigkeit aussendet, liegt auf der Hand. Dass die Kanzlerin mit ihrer ersten einsamen Entscheidung sehr viel Menschlichkeit bewiesen, mit diesem Verstoß gegen EU-Recht aber noch mehr Verunsicherung ausgelöst hat, lässt sich ebenfalls nicht wegdiskutieren.

Ich meine: Die EU/Europa zeigt beängstigende Auflösungserscheinungen. Die Unfähigkeit dieses durch die individuelle Hoffnung auf Vorteile zusammengeschusterten Staatengebildes, ernsthafte Probleme zu lösen, wird nun immer offenkundiger. Und damit schwindet der nötige Wille zum Zusammenhalt eines Wirtschaftsraums, der für andere Wirtschaftsregionen eine unliebsame Konkurrenz bedeutet.

Auf Seite 2: Die Hoffnung auf den Sechser im Lotto



Seite: 1 | 2 | 3 | 4

Bildquelle: Axel Retz

Aktien in diesem Artikel

BAT PLC (British American Tobacco) 32,40 -0,99% BAT PLC (British American Tobacco)
Credit Suisse (CS) 10,49 -1,22% Credit Suisse (CS)
Nasdaq Inc 109,68 0,07% Nasdaq Inc

Rohstoffe in diesem Artikel

Goldpreis 1.808,60 6,10
0,34
Holzpreis 364,00 -6,50
-1,75

Indizes in diesem Artikel

Dow Jones 26.642,59
2,13%
S&P 500 3.197,52
1,34%
pagehit