Die Entwicklung an den Rohstoffmärkten liefert derzeit ein klares Signal: Während der Ölpreis kräftig steigt und neue Inflationssorgen schürt, wird Gold als klassischer Inflationsschutz und Wertspeicher derzeit eher ausgebremst.

Das Wichtigste vorweg: Die deutlich gestiegenen CBOE-Volatilitätsindizes auf Öl (aktuell: 96 Prozent) und Gold (37 Prozent) legen den Schluss nahe, dass seriöses Prognostizieren aufgrund des Nahost-Kriegs (insbesondere bei Öl) unheimlich schwierig geworden ist. Viele Analysten arbeiten deshalb mit verschiedenen Marktszenarien und sehen dabei vor allem für den Ölpreis aktuell eine außergewöhnlich breite Preisspanne. Im Basisszenario liegen die Erwartungen für 2026 meist bei rund 80 bis 100 Dollar je Barrel, in Risikoszenarien bei 120 bis 150 Dollar und im Extremszenario sogar bei bis zu 190 Dollar (Stratas Advisors). Beim Goldpreis reicht die Bandbreite von etwa 4.300 bis 4.800 Dollar im Basisszenario über 5.500 bis 6.000 Dollar in optimistischen Szenarien bis hin zu rund 6.300 Dollar im bullischen Extremfall (JPMorgan).

Unkalkulierbare geopolitische Risiken

Wichtiger Hintergrund: Öl ist einer der wichtigsten Treiber der globalen Inflation. Steigende Energiepreise erhöhen die Kosten für Transport, Produktion und letztlich auch für Verbraucher. Genau dieser Effekt ist aktuell zu beobachten. Die Inflationsraten sind in der Eurozone im März bereits von 1,9 auf 2,5 Prozent p.a. angesprungen und in den USA wird am Freitag sogar ein Zuwachs von 2,4 auf 3,4 Prozent erwartet.

Für die Notenbanken gilt eine Inflation über dem angestrebten Zielwert von zwei Prozent als Problem. Denn höhere Inflation erschwert Zinssenkungen oder macht sie sogar unwahrscheinlich. Genau hier liegt der entscheidende Zusammenhang mit dem Goldpreis. Gold gilt zwar traditionell als Inflationsschutz, reagiert aber besonders sensibel auf die Entwicklung der Anleiherenditen. Steigen diese oder bleiben sie länger hoch, verliert das Edelmetall an Attraktivität, da es selbst keine laufenden Erträge abwirft.

Damit entsteht ein Spannungsfeld: Auf der einen Seite sprechen steigende Ölpreise und geopolitische Risiken für Gold. Auf der anderen Seite wirken die daraus resultierenden höheren Zinsen wie eine Bremse. Diese gegenläufigen Kräfte machen die aktuelle Marktsituation besonders schwer einschätzbar. Dennoch zeigt ein Blick auf die langfristige Entwicklung, warum Gold für viele Anleger weiterhin wichtig ist. In Phasen erhöhter Inflation und wirtschaftlicher Unsicherheit – insbesondere bei negativen Realzinsen (Inflation > Zins) – konnte das Edelmetall in der Vergangenheit häufig seine Funktion als Kaufkraftspeicher erfüllen. Gerade wenn das Vertrauen in Währungen oder Finanzsysteme nachlässt, steigt nämlich die Attraktivität von Gold. Kurzfristig stellt sich die Lage jedoch deutlich komplexer dar. Nach starken Kursanstiegen kommt es immer wieder zu Gewinnmitnahmen. Zudem könnte eine vorübergehend schwächere Nachfrage von Zentralbanken den Goldpreis zusätzlich dämpfen. Auch ein stärkerer Dollar wirkt tendenziell belastend.

Glücksspiel an den Ölmärkten?

Im Gegensatz dazu reagiert der Ölmarkt deutlich direkter und schneller auf geopolitische Entwicklungen. Bereits kleine Veränderungen im Angebot können große Preisbewegungen auslösen. Das macht Öl zu einem sensiblen Indikator für kurzfristige Risiken – aber auch zu einem hochvolatilen Investment.

Für Anleger ergibt sich daraus eine wichtige Erkenntnis: Öl und Gold erfüllen unterschiedliche Funktionen im Portfolio. Während Ölpreise vor allem anzeigen, wie angespannt die aktuelle Lage ist, spiegelt Gold eher das langfristige Vertrauen in das Finanzsystem wider.

Fazit

Long- oder Short-Engagements auf Rohöl zu tätigen, hat derzeit gewissermaßen den Charakter von Glücksspiel, schließlich weiß niemand wie lange die Straße von Hormus geschlossen bleibt und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Unter diesem Aspekt scheint ein Goldinvestment weniger riskant zu sein. Wer keine kurzfristige Liquidität benötigt, sollte daher Ruhe bewahren und eher zu- als verkaufen, schließlich gilt Gold gerade in unsicheren Zeiten – wie wir sie derzeit zweifellos erleben – als eine der wenigen global handelbaren Krisenwährungen ohne Kontrahentenrisiko.

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