Der Ölpreis steht weiterhin im Spannungsfeld geopolitischer Risiken und kurzfristiger Entspannungssignale. Eine aktuelle Einschätzung von Goldman Sachs zeigt, wie unsicher die weitere Entwicklung ist – und warum Anleger weiterhin mit starken Schwankungen rechnen müssen.

Nach der Vereinbarung eines zweiwöchigen Waffenstillstands zwischen den USA und dem Iran hat die Investmentbank ihre Prognosen für das zweite Quartal 2026 deutlich nach unten angepasst. Für die Nordseemarke Brent erwartet Goldman Sachs nun einen durchschnittlichen Preis von rund 90 Dollar, während die US-Sorte WTI bei etwa 87 US-Dollar liegen dürfte. Zuvor waren noch deutlich höhere Durchschnittswerte prognostiziert worden. Der Grund für die Korrektur liegt vor allem in einer vorübergehenden Entspannung der Lage im Nahen Osten sowie ersten Anzeichen steigender Ölflüsse durch die strategisch wichtige Straße von Hormus.

Versorgungslage bleibt weiter angespannt

Trotz dieser kurzfristigen Entlastung bleibt die Lage fragil. Die Meerenge zwischen dem Iran und Oman hängt weiterhin wie ein „Damoklesschwert“ über den Ölmärkten. Anhaltende Störungen werden daher weiterhin erhebliche Auswirkungen auf den Ölpreis haben – und genau hier sehen die Analysten weiterhin erhebliche Risiken.

Für die zweite Jahreshälfte zeigt sich Goldman Sachs vergleichsweise moderat. Die Prognosen für das dritte Quartal liegen bei etwa 82 Dollar für Brent und 77 Dollar für WTI. Im vierten Quartal werden sogar leicht niedrigere Durchschnittspreise von rund 80 beziehungsweise 75 Dollar erwartet. Diese Einschätzung basiert auf der Annahme, dass sich die Lage im Nahen Osten stabilisiert und die Ölproduktion weitgehend normalisiert.

Doch genau diese Annahme ist mit großen Unsicherheiten behaftet. Denn laut Goldman Sachs sind die Risiken für den Ölpreis klar nach oben gerichtet. Sollte der Waffenstillstand scheitern oder sich die geopolitischen Spannungen erneut verschärfen, könnte das Angebot deutlich unter Druck geraten. In einem solchen Szenario – etwa bei anhaltenden Produktionsausfällen von rund zwei Millionen Barrel pro Tag – wäre ein deutlicher Preisanstieg möglich.

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Brent-Öl (ISIN: FTREFF000001)

Dieses Extremszenario ist möglich

Besonders brisant ist dabei ein mögliches längerfristiges Problem in der Straße von Hormus. Sollte dieses „Nadelöhr“ für den Öltransport erneut stärker eingeschränkt oder sogar blockiert werden, rechnen die Analysten mit deutlich höheren Preisen. In einem extremen Szenario könnte der Brent-Preis im vierten Quartal im Durchschnitt auf etwa 115 Dollar ansteigen. In Q3 seien dann sogar Durchschnittspreise von 120 Dollar möglich.

Diese Bandbreite zeigt, wie stark der Ölmarkt derzeit von geopolitischen Entwicklungen abhängt. Während Entspannungssignale zu sinkenden Preisen führen, kann eine Eskalation die Notierungen schnell wieder nach oben treiben. Dementsprechend rechnen Marktbeobachter mit einer nach wie vor erhöhten Volatilität, die den Ölpreis in den kommenden Monaten prägen dürfte. Wichtig zu wissen: Seit Ende Dezember hat sich der CBOE-Ölvolatilitätsindex im Zuge der wachsenden Spannungen zwischen den USA und dem Iran von 30 auf 84 Prozent vervielfacht.

Mit dem Waffenstillstand ging es mit dem Risikobarometer und der Risikoprämie zuletzt zwar bergab, was die niedrigeren Goldman-Sachs-Prognosen für das zweite Quartal erklärt. Sollte sich die Lage jedoch erneut zuspitzen, dürften auch diese Indikatoren wieder steigen – und mit ihnen auch der Ölpreis.

Fazit: Goldman Sachs erwartet kurzfristig eine gewisse Entspannung beim Ölpreis, sieht jedoch erhebliche Aufwärtsrisiken. Die weitere Entwicklung hängt maßgeblich davon ab, ob der fragile Waffenstillstand im Nahen Osten Bestand haben wird und ob sich die Ölversorgung durch die Straße von Hormus verbessert. Anleger und Verbraucher müssen sich daher weiterhin auf ein unsicheres Marktumfeld einstellen, in dem geopolitische Nachrichten jederzeit heftige Preissprünge auslösen können.

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