Keine Frage, beim Goldpreis überwiegen angesichts der massiven Verkaufslaune derzeit zweifellos die „Molltöne“. ETF-Abflüsse, Charttechnik, Dollarstärke, Leitzinsen und Gewinnmitnahmen nach einer starken Goldrally sind hierfür verantwortlich.
Der Preis des gelben Edelmetalls verzeichnete zum Wochenstart einen Tagesverlust von in der Spitze über neun Prozent. Dies führte im Chartbild zu vier tiefroten Candlesticks in Folge, was auf anhaltenden Verkaufsdruck hindeutet. Unsicherheit und wachsende Nervosität wird zudem durch diesen Sachverhalt sichtbar: Der weltweit größte Gold-ETF, der SPDR Gold Shares, meldet bereits eine Woche vor Monatsende die höchsten Mittelabflüsse seit 13 Jahren. Damals reagierten die Marktakteure auf die „Whatever it takes“-Rede des damaligen EZB-Chefs Mario Draghi und der nachfolgenden Hoffnung auf ein „Happy-End“ der Eurokrise.
Wachsende Inflationsrisiken, sinkender Goldpreis
Makroökonomisch verschärft sich die Lage zusätzlich. Die Inflationsrisiken steigen, insbesondere aufgrund der durch den Iran-Krieg verursachten angespannten Situation an den Energiemärkten. Gleichzeitig signalisiert das CME Group-Tool „FedWatch“, dass bis Ende des Jahres eine US-Zinserhöhung wahrscheinlicher geworden ist als eine Zinssenkung. Die Wahrscheinlichkeit für eine Zinsreduktion kollabierte auf nur noch 1,5 Prozent, während ein Anheben der Fed Funds mit über 53 Prozent als deutlich wahrscheinlicher gilt. Steigende Zinsen erhöhen die Opportunitätskosten für Gold, da das Edelmetall selbst keine laufenden Erträge abwirft. Parallel dazu ziehen der Dollar sowie die Renditen am Anleihemarkt weiter an – ebenfalls Faktoren, die den Goldpreis belasten.
Für Anleger stellt sich damit die zentrale Frage: Handelt es sich um eine kurzfristige Korrektur oder droht ein Szenario ähnlich der von 2012 bis 2016 erfolgten Gold-Talfahrt um in der Spitze 40 Prozent? Mit einem Niveau von aktuell 35 Prozent signalisiert der CBOE-Goldvolatilitätsindex an den Goldmärkten ein relativ hohes Maß an Unsicherheit. In solchen Phasen neigen Investoren dazu, Positionen abzubauen und Liquidität aufzubauen. Cash erscheint attraktiver, da es – anders als Gold – keinen unmittelbaren Kursverlust erleidet, sondern „lediglich“ an Kaufkraft verliert.
Was Anleger bedenken sollten
Aus charttechnischer Sicht gleicht die aktuelle Situation einem klassischen „fallenden Messer“. Solche Marktphasen sind für kurzfristig orientierte Anleger besonders riskant. Dennoch sollte die kurzfristige Perspektive nicht mit der langfristigen Bewertung verwechselt werden. Für Investoren mit einem Anlagehorizont über mehrere Jahre rücken grundlegendere Fragen in den Vordergrund: Ist die aktuelle Stärke des Dollars nachhaltig? Können hochverschuldete Staaten auch bei anhaltend hohem Zinsniveau ihre Schulden langfristig problemlos bedienen und refinanzieren? Und ist es realistisch, von dauerhaft niedrigen Inflationsraten auszugehen? Die Antworten auf diese Fragen sind entscheidend für die Einschätzung der Rolle von Gold im Portfolio.
Gold hat sich nämlich über Jahrzehnte hinweg als Absicherung gegen Währungsrisiken, Inflation, geopolitische und systemische Krisen etabliert. Diese strukturellen Argumente haben sich durch die jüngsten Kursverluste nicht grundlegend verändert. Vielmehr spiegeln sie kurzfristige Marktmechanismen bzw. -Anomalien wider, die von Zinsen, Liquidität und Risikoneigung geprägt sind.
Mein Fazit: Wer davon überzeugt ist, dass der Dollar langfristig stark bleibt, die Schuldenproblematik beherrschbar ist und die Inflation dem Wunschwert der Notenbanken in Höhe von zwei Prozent entsprechen wird – oder dringend Liquidität benötigt – kann über eine Reduzierung seiner Goldposition nachdenken.
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