Ein neuer Index erlaubt es Investoren, per CDS Risiken im Private-Credit-Sektor abzusichern – oder gezielt darauf zu setzen, dass sie eintreten. Man sei der Nachfrage im Markt gefolgt, sagt der Erfinder S&P. Kritiker sehen dagegen eine selbstzerstörerische Waffe.
Die Credit-Default-Swaps (CDS) sind wieder da – und das verheißt nichts Gutes. Die Derivate, die ursprünglich mal zur Absicherung von Kreditrisiken gegenüber Staaten und Unternehmen gedacht waren, haben sich in der Finanzkrise 2007/2008 einen unrühmlichen Namen als Brandbeschleuniger gemacht. Denn mit ihnen kann man nicht nur Risiken absichern, sondern auch gezielt auf den Untergang von Finanzinstitutionen wetten. Und genau das könnte jetzt wieder passieren.
Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, hat der Indexanbieter S&P Global zusammen mit Banken den S&P CDX Financials Index entwickelt. Das Produkt, das auch unter dem Namen „CDX Financial Index Series 46“ zu finden ist, soll als Credit-Default-Swaps-Benchmark einen direkteren Hedge gegen Ausfälle im Finanzsektor bieten. Das Spannende daran: Auch ein Exposure gegenüber dem taumelnden Private-Credit-Sektor lässt sich damit berücksichtigen.
Instrument zur Absicherung - oder zum Zocken?
Laut Bloomberg beginnt der Handel in dem Index an diesem Montag. Beteiligte Banken seien unter anderem JPMorgan und Morgan Stanley, außerdem sollen die Bank of America, Goldman Sachs, die Deutsche Bank und die Royal Bank of Canada die Derivate anbieten. Anleger bekämen dadurch ein Instrument an die Hand, um Risiken sichtbar zu machen, zu handeln und abzusichern, heißt es bei S&P.
Auf der Plattform „X“ sieht das ein Account mit dem Namen „StockMarket.News“ etwas anders: Die Wall Street habe sich mit dem neuen Index „eine Waffe gebaut, um sich selbst zu zerstören“. Denn der Index steigt im Wert, je näher große Finanzakteure an eine Schieflage rücken. Kritisiert wird vor allem, dass Investoren mit dem CDX Financials gezielt auf Stress im Schattenbanken-System setzen können.
Diese Titel stecken im S&P CDX Financials Index
Der Index umfasst 25 nordamerikanische Finanzinstitute und ist gleichgewichtet. Neben Banken, Versicherern und Real-Estate-Investment-Trusts sind explizit auch sogenannte Business Development Companies (BDCs) vertreten; dahinter verbergen sich meist Fonds, die eng mit dem Private-Credit-Sektor verbunden sind.
Und so enthält der Index gleich eine ganze Handvoll von Vertretern, die zuletzt ins Gerede gekommen sind; darunter prominente Namen wie Blackstone, Apollo, Ares, MetLife und auch die Investmentbank Jefferies, die bei der Pleite des Autoteilehändlers First Brands herbe Verluste in einem selbst aufgelegten BDC-Fonds verkraften musste.
Was all diese Unternehmen eint: Sie haben seit Jahresanfang starke Kursverluste erlitten, manche verloren mehr als 40 Prozent. Rund zwölf Prozent des Index sollen laut Bloomberg an Private-Debt-Fonds hängen. Das macht das neue Instrument für Investoren attraktiv, die bisher oft nur über sogenannte „Proxy-Hedges“ an das Thema herankamen. Das werde sich nun ändern, verspricht Nicholas Godec von S&P gegenüber Bloomberg: Im Index würden CDS direkt auf die BDCs und ihre Emittenten selbst geschrieben.
Darüber hinaus sind Banken, Versicherungen und Immobilientrusts im Index enthalten. Dieser wird übrigens alle sechs Monate – jeweils im März und September – „gerollt“. Dieses Vorgehen ist bei CDS-Indizes üblich.
S&P scheint sich des Risikos seiner neuen Kreation durchaus bewusst zu sein. Laut Bloomberg war etwa ein mit der Private-Debt-Gesellschaft Blue Owl verknüpfter BDC-Fonds noch in einer Vorab-Liste enthalten, wurde dann aber „nach Feedback aus dem Markt“ wieder gestrichen. Man habe vermeiden wollen, dass der Index zum Start zu stark von einem einzelnen Namen geprägt sei, hieß es dazu. Barclays schätzt laut Bloomberg dennoch, dass BDCs knapp 30 Prozent des Index-Spreads ausmachen werden.
Ein Frühwarnsystem für die nächste Finanzkrise
Auf der Plattform „X“ ziehen User Vergleiche zum Jahr 2007, als Investoren wie Michael Burry damit begannen, mit eigens für sie konstruierten CDS auf kollabierende Kreditportfolien und Hypothekenfinanzierer zu wetten. Dass nun wieder ähnliche Instrumente geschaffen würden, sei ein Hinweis darauf, dass das große Geld womöglich wieder mehr wisse als die privaten Kleinanleger, lautet eine Theorie.
Bloomberg sieht dagegen schlicht eine Reaktion auf die wachsende Nachfrage im Markt: Die Sorge um die Gesundheit des Private-Credit-Marktes habe Banken und Finanzfirmen nach neuen Hedging-Instrumenten suchen lassen.
Der Index ist also nicht automatisch ein „Crash-Schalter“ oder gar ein Beweis, dass das System kurz vor dem Kollaps steht. Doch er liefert erstmals auch für die breite Öffentlichkeit direkt sichtbare Preissignale aus einem der umstrittensten Sektoren der Finanzbranche. Das allein dürfte dem S&P CDX Financials Index in den kommenden Monaten große Aufmerksamkeit bescheren. Die Rolle als Frühwarnsystem für eine nächste, von vielen Experten bereits befürchtete Finanzkrise, ist ihm nahezu sicher.
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Häufige Fragen zum Thema
Was sind Credit Deafult Swaps (CDS)?
Ein Credit Default Swap (CDS) ist ein Finanzderivat, das eine Kreditversicherung darstellt, indem es das Ausfallrisiko einer Anleihe oder eines Kredits von einem Sicherungsnehmer auf einen Sicherungsgeber überträgt. Die Käufer von CDS zahlen regelmäßige Prämien, um sich gegen Zahlungsausfälle oder die Insolvenz eines Schuldners abzusichern. CDS werden häufig zur Absicherung genutzt (Hedging), können aber auch der Spekulation dienen.
Welche Rolle spielten CDS in der Finanzkrise?
In der Finanzkrise 2008 spielten Credit Default Swaps (CDS) eine zentrale Rolle, weil sie das Ausfallrisiko in toxischen, verbrieften Immobilienkredit-Portfolios (Mortgage-Backed Securities) im gesamten Finanzsystem verbreiteten. Als schließlich massenhafte Kreditausfälle auftraten, konnten einige Sicherungsgeber nicht mehr zahlen, darunter der Versicherungsriese AIG. So entstand eine Kettenreaktion aus Liquiditätsengpässen und Insolvenzen, die bis hin zu Großbanken reichten. Zahlreiche Marktteilnehmer, darunter AIG und die deutsche Hypo Real Estate, mussten vom Staat gerettet oder sogar komplett verstaatlicht werden.
Warum gibt es immer noch CDS?
Die Idee, sich gegen den Ausfall eines bereits laufenden Kredits zu versichern, ist grundsätzlich nicht verwerflich. Zudem erfüllen CDS eine wichtige Rolle als Frühwarnsystem im Finanzsektor: Steigen die CDS-Prämien, weil der Markt an der Bonität eines Unternehmens oder eines Landes zweifelt, löst das meist unmittelbar Gegenmaßnahmen aus, mit denen der Schuldner noch rechtzeitig gegensteuern kann, bevor es zur Insolvenz kommt. Auch die Kosten für neu vergebene Kredite orientieren sich oft an den CDS.