Der SDAX-Wert hat seit seinem Kurstief im April 2025 schon 150 Prozent zugelegt. Wie die Leverkusener die Erfolgsstory fortsetzen und zur deutschen Nvidia werden wollen, erklärt der Chef im Interview mit BÖRSE ONLINE.

Lange wurde Elmos Semiconductor im Vergleich zum größten deutschen Chip-Konzern Infineon unterschätzt. 2024 wurde der Verkauf der eigenen Fertigung in Dortmund abgeschlossen. Elmos zog als ausschließlicher Chipentwickler, also ohne eigene Fertigung (Fab), fabless nach Leverkusen um. Der deutliche Kursanstieg, fast 150 Prozent seit dem allgemeinen Börsentief im April 2025, signalisiert eine neue Phase in der Entwicklung der SDAX-Firma: mit viel mehr Cash und dem technologisch führenden Fertigungswissen großer Dienstleister wie TSMC oder Samsung Electronics.

Vielfacher Marktführer - aber unter dem Radar

So bleibt Elmos bei bahnbrechenden Neuerungen auf Augenhöhe mit viel größeren Rivalen. Zum Beispiel bei der neuen Chip-Architektur für software-definierte Fahrzeuge (SDV) . Einfach erklärt werden moderne Autos damit zu Smartphones auf Rädern, einschließlich der regelmäßigen Updates. Elmos rangiert in allen seinen Nischenmärkten weltweit immer in den Top 3: bei Chips für Ventile, Pumpen, Lüfter und Klimaklappen für die Temperatursteuerung von Motoren, Batterien und im Innenraum sidn dei Deutschen führend vor Melexis und TDK-Micronas, einer Tochter des Tech-Konglomerats TDK. Gleiches gilt bei Chips für die LED-Beleuchtung: vor Melexis, Texas Instruments und Infineon. Bei Sensoren und Chips zur Erkennung von Objekten in Assistenzsystemen liegt Elmos vor sogar vor Bosch und dem US-Chipentwickler Onsemi. Auch die SDV-Architektur ist ein Wachstumstreiber für die Leverkusener. „Um in unseren Nischen dominant zu bleiben, achten wir darauf, dass ihre Anzahl zu unseren Möglichkeiten bei der Skalierung der Entwicklungsleistung passt“, sagt Chef Arne Schneider. 

Nach der Rally der letzten Wochen hebt die BÖRSE-ONLINE-Redaktion Ziel- und Stoppkurs für die Elmos-Aktie erneut an.

Porträt von Arne Schneider, CEO von Elmos
Foto: Elmos
Dr. Arne Schneider CEO Elmos Semiconductor

Im Interview spricht Arne Schneider, Chef von Elmos, über das neue Potenzial ohne eigene Fertigung und mit viel höheren Cashflows.

Börse Online: Herr Schneider, seit dem Verkauf der Chipfertigung in Dortmund an die US-Firma Littelfuse ist Elmos ausschließlich Entwickler, der seine Chips bei Auftragsfertigern produzieren lässt, auch weiterhin in Dortmund. Sind die Kapazitäten dort ausreichend?

Arne Schneider: Wir haben eine Fertigung mit für uns relativ reifer Technologie verkauft, die wir jetzt auch bei anderen Auftragsfertigern, z. B. bei TSMC in Taiwan und Samsung in Südkorea, nutzen. Wir sind sehr robust aufgestellt.

Wie wichtig bleibt die Fab in Dortmund?

Für uns ist es eine Fertigung für viele Produkte, die über die nächsten fünf Jahre zum Ende ihres Lebenszyklus kommen. Anschließend werden in Dortmund andere Chipentwicklungen die Fertigung auslasten. Das ist ein fließender Prozess, eine Win-Win-Situation für Littelfuse und Elmos.

Neue Produkte lässt Elmos also nicht mehr Dortmund, sondern nur noch in Asien fertigen?

Ja, etwa bei TSMC in Taiwan  und in Südkorea bei Samsung oder SK Hynix.

Bringt der Wechsel zu großen Auftragsfertigern Elmos auch technologisch voran?

Ja. Wir können deren Technologie-Portfolio in vollem Umfang nutzen und damit Chipdesigns umsetzen, die vorher nicht möglich waren oder nur mit großen Verzögerungen und einer erheblichen finanziellen Belastung

Als relativ kleines Unternehmen steht Elmos bei TSMC und Co. weit hinten in der langen Schlange.

Im Vergleich zu beispielsweise Apple mag dies zutreffen. Aber in der Allokation können kleine Firmen auch schneller und flexibler bei den Auftragsfertigern reagieren. Ihre kleineren „Probleme“ in Bezug auf die Mengen sind leichter zu lösen als bei deutlich größeren Kunden. 

Gibt es auch Überlegungen in Dresden fertigen zu lassen, wenn die Fab von TSMC, Infineon, Bosch und NXP Semiconductors dort an den Start geht?

 
Die geplante Fabrik in Dresden wird nicht über die für uns geeigneten Technologien verfügen. Stand heute ist eine dortige Fertigung deshalb für Elmos kein Thema. Wir sind in Dresden jedoch mit einem Entwicklungszentrum vor Ort..

Nein. In Dresden befindet sich schon seit mehr als 20 Jahren eines unserer Design- und Entwicklungszentren. Die Region ist eines der größten Mikroelektronik-Cluster Europas, das sogenannten „Silicon Saxony“, mit vielen Halbleiterfirmen und Forschungsinstituten. Die DMOS GmbH entwickelt mit rund 75 Design- und Softwareingenieuren innovative Applikationen für den Automotive-Bereich.

Elmos zählt in seinen verschiedenen Marktnischen weltweit immer zu den drei Größten. Wie setzt sich die Firma gegen deutlich finanzstärkere Rivalen durch? 

Der Markt für Automotive-Halbleiter besteht auch aus vielen kleinen und mittelgroßen Nischen. In jeder diese attraktiven Nischen müssen die Anbieter angepasst an den jeweiligen Markt und wirtschaftlich sehr gut arbeiten, um im Geschäft zu bleiben. So passt nicht jeder Markt für jedes Unternehmen. Solange eine Gesellschaft seine Nische dominiert, funktioniert alles hervorragend. Um das zu schaffen, genügen oft schon 30 bis 40 spezialisierte Ingenieure.

Warum, etwa um sich bei Systemen vor Ort mit Infineon und anderen abzustimmen?


Das nutzt Elmos in seinen Nischen, wie agieren die Großen?

Unternehmen wie Infineon, Onsemi oder STMicroelectronics decken mit ihren Portfolien natürlich mehr Nischen ab. Dies hat aber auf einzelne Märkte, in denen wir sehr stark sind, keinen wesentlichen Einfluss. Um dominant zu bleiben, achten wir darauf, dass die Anzahl unserer Nischen zu unseren Möglichkeiten bei der Skalierung der Entwicklungsleistung passt. Hier darf man nicht überziehen, sonst besteht die Gefahr, sich zu verzetteln.

Viel größere Rivalen wie Bosch können Elmos also nicht davon abbringen, zum Beispiel bei Sensoren, weiter zu expandieren?

Überhaupt nicht. Mit Bosch kommen wir sehr gut klar.

Große wie Infineon setzen auf Systeme, in die sie verschiedene ihrer Chips integrieren, einschließlich der Software, die sie entwickeln. Das gilt auch in neuen Architekturen, die viele nutzen, wie das „software-definierte Fahrzeug“ (SDV), das Autos in rollende Smartphones verwandelt. Wie passt sich Elmos dieser Entwicklung an?

Wir erfassen das System als Ganzes und entwickeln die Mikroelektronik dafür. Dies sind Halbleiter mit spezieller Software, um die Chips bestmöglich zu integrieren. Software-definierte Fahrzeuge sind auch für Elmos eine große Chance. Die Energieströme im Bordnetz müssen intelligent verwalten werden, zum Beispiel mit elektrischen Sicherungen. Dieses neue Geschäftsfeld entwickelt sich für uns hervorragend.

Was liefert Elmos bei den neuen Sicherungen (eFuse)?

Elmos eFuses sind intelligente Steuer-ICs, die im Bordnetz des Fahrzeuges den Stromfluss und die Energieverteilung überwachen und regeln. Elmos eFuses ersetzen die klassischen Schmelzsicherungen in neuen Bordnetz-Architekturen durch eine intelligente elektronische Schutzfunktion.

Wie nutzt Elmos die bei software-definierten Fahrzeugen zentralisierteren Architektur, in der Daten wie bei vernetzten Computern via Ethernet gesendet werden?

Bis an die Ränder des Systems läuft es nicht via Ethernet. In der Peripherie, dem sogenannten Edge, übernehmen Gateway-ICs die Kommunikationsschnittstelle, angepasst an die künftige Datenarchitektur. Auch die Komponenten in der Peripherie werden bei SDVs intelligenter und wichtiger. Das ist ein Job für uns.

Dennoch dürfte Elmos als Lieferant von Komponenten bei der Marge unter Druck geraten.

Es ist eher so, dass einige unserer Kunden durch die neuen Architekturen Wertschöpfung verlieren könnten, weil zum Beispiel Steuergeräte wegfallen. Wir haben dies z. B. bei der Entwicklung eines Rücklichts gesehen. Wir haben dort zusammen mit dem Fahrzeughersteller das Steuergerät abgeschafft. Ersetzt wird es durch den Zentralrechner und unsere Chips in der Peripherie.

China, wo Elmos mit 200 Millionen Euro Umsatz fast ein Drittel der Erlöse einfährt, war 2025 der große Wachstumstreiber.

Für 2025 ist das richtig, im laufenden Jahr werden wir auch in Europa und in Japan erheblich zulegen.

Vor allem weil Autozulieferer bisher von den hohen Lagerbeständen bei ihren Kunden ausgebremst wurden …

Ja, im Zeitraum nach dem Ende der Allokation haben wir dennoch leicht zugelegt, während einige Rivalen in den vergangenen zwei Jahren um ein Fünftel geschrumpft sind. 2025 war dann spürbar weniger vom Bestandsabbau belastet und für dieses Jahr erwarten wir wieder einen Umsatzanstieg um elf Prozent.

Auch Elmos Cashflows und die Margen sollen weiter anziehen. Was sind die Treiber dafür?

Bei der Profitabilität ist es das Sparprogramm aus 2025 und Skaleneffekte aus dem stärkeren Wachstum in diesem Jahr. Die deutliche Zunahme des Cashflows ist unser größter Erfolg. Davor – mit eigener Fertigung – hatten wir so gut wie keinen, 2025 lag der Free Cashflow bereits bei 11,4 Prozent des Umsatzes und in diesem Jahr voraussichtlich bei mehr als 17 Prozent. Diese Marke wollen wir auch langfristig halten.

Wie stark ist Elmos in China beim Ausbau des Geschäfts auf einen lokalen Partner angewiesen?

Aktuell ist dies nicht der Fall. Auf mittlere Sicht halten wir uns diese Option natürlich offen.

Ist Elmos in China nicht viel kleiner als seine lokalen Rivalen?

Nein. Wir sind im Vergleich zu vielen dort börsennotierten Wettbewerbern sogar relativ groß. Den großen Player mit Milliarden Euro Umsatz gibt es dort nicht.

Elmos Semiconductor (WKN: 567710)

Wie nutzt Elmos Chinas starken Trend zu Elektromobilität?

Zum Beispiel mit Chips für die Temperatursteuerung, Batteriemanagement und mit Sensoren, etwa in Serienfahrzeugen, die autonom auf Level-2-Plus fahren. In einem solchen Fahrzeug[RH1.1] habe ich kürzlich Shanghai eine Dreiviertelstunde erkundet. Es war beeindruckend.

Wie groß ist das Thema Robotik für Elmos?

In den Zahlen ist es noch nicht erkennbar, aber viele unsere Chips können ohne wesentliche Anpassungen auch in der Robotik eingesetzt werden. Robotik ist in unserem Ziel 2030, mindestens eine Milliarde Umsatz zu erreichen, nicht enthalten. Für uns ist es ein Markt mit großen Schwankungen und hohen Zuwächsen. Wir haben Robotik im Blick und können mit Autochips schnell reagieren.

Elmos hat schon fast 75 Prozent der für die eine Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2030 notwendigen Design Wins. Das sind die von Kunden freigegebenen Entwürfe neuer Komponenten. Wie viel Zeit vergeht zwischen Design Win und Start der Serienfertigung?

Je nach Komplexität ein bis fünf Jahre. Bei Airbag-Komponenten dauert es in der Regel am längsten. Beim Airbag-Chip, dessen Bauplan 2022, also vor fast vier Jahren, genehmigt wurde, startet die Serienproduktion in diesem Jahr. Läuft bei den bisher gewonnenen Design Wins alles nach Plan, könnten wir unser Ziel beim Umsatz für 2030 sogar übertreffen.

Bei einigen Halbleitern für Autos gibt es inzwischen wieder Engpässe in der Belieferung, auch bei Elmos?  

Nein. Wer rechtzeitig – also mindestens 26 Wochen vor Lieferung – bestellt, wird pünktlich beliefert.

Mit plus 50 Prozent mehr Dividende für 2025 wurde die Ausschüttung an Aktionäre deutlich erhöht. Bleibt das eine Ausnahme?

Wir passen die Ausschüttung und die Aktienrückkäufe den höheren Cashflows an. Mit Dividenden und Aktienrückkäufen im Wert von zehn Millionen Euro für 2025 sind es 36 Millionen Euro. 2024 waren es 17 Millionen Euro, weniger als die Hälfte. Schaffen wir in diesem Jahr wie geplant einen Free Cashflow in der Größenordnung von einhundert Millionen Euro, wird es voraussichtlich auch eine weitere Steigerung der Dividende geben. Wir wollen aber auch Geld für opportunistische Aktienrückkäufe haben.

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