Morgen legt der Reisekonzern TUI die Zahlen zum abgelaufenen Geschäftsjahr 2022/23 vor. BÖRSE ONLINE sprach zuvor mit TUI-Finanzvorstand Mathias Kiep über die aktuelle Entwicklung im operativen Geschäft, den spürbaren Aufschwung im Reisemarkt und darüber, warum die Aktie trotz der guten Aussichten nah am Rekordtief notiert

Mathias Kiep: Der Diplom-Betriebswirt ist seit Oktober 2022 Finanzvorstand der TUI. Der 48-Jährige kam 2011 zum Unternehmen und war vor seiner Berufung zum Vorstand als Group Director im Corona-Kernteam des Reisekonzerns maßgeblich beteiligt an der Umsetzung von Stabilisierungsmaßnahmen, dem Schuldenabbau und der Stärkung der Bilanz. Kiep ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

BÖRSE ONLINE: Herr Kiep, Sie sind nun seit gut einem Jahr Finanzvorstand der TUI. Sind Sie zufrieden mit Ihrem Debüt im TUI-Management? 

Mathias Kiep: Ja, ich bin durchaus zufrieden. Wir konnten in einem insgesamt sehr schwierigen Umfeld viele Dinge, die wir uns vorgenommen hatten, erfolgreich umsetzen. Sowohl auf der Finanzseite als auch im operativen Geschäft.

Wie ist das wichtige Schlussquartal und damit das abgeschlossene Geschäftsjahr 2022/23 gelaufen? Erreichen Sie Ihre ausgegebenen Ziele? 

Wir haben vor einigen Wochen ein Buchungsupdate veröffentlicht und bestätigt, dass wir im Geschäftsjahr 2023 einen deutlichen Anstieg beim bereinigten Ebit gegenüber dem Vorjahr erwarten. Daran hat sich nichts geändert. Ich blicke deshalb mit Zuversicht auf den Termin am 6. Dezember, wenn wir unsere Jahreszahlen veröffentlichen.

Der Bloomberg-Analystenkonsens sagt ein bereinigtes Ebit von 960 Millionen Euro voraus. Ist diese Gewinnprognose realistisch?

Damit fühlen wir uns nach wie vor sehr wohl. 

Wie entwickeln sich die einzelnen Geschäftssparten im TUI-Verbund? Gibt es Sorgenkinder? Der größte Verlust fiel nach neun Monaten ja im Bereich Märkte & Airlines an.

Insgesamt entwickeln sich unsere Geschäftseinheiten gut bis sehr gut. Die Erholung schreitet voran. Sorgenkinder gibt es nicht. Unseren typischen Saisonverlauf werden wir insbesondere bei unseren Veranstaltern in den Märkten immer haben. Im Winter, wenn die Nachfrage nach Urlaubsreisen geringer als im Sommer ist und wir für die nächste Sommersaison in Vorleistung gehen, beispielsweise bei unseren Hotelpartnern, wird der Bereich Märkte & Airlines saisonal bedingt Verluste schreiben. Im Sommerhalbjahr (Q3 und Q4) sehen wir dann das Gegenteil, wenn die Gäste ihren Urlaub antreten und wir den Großteil der Umsätze generieren und entsprechend Gewinne erzielen.

2019 ging Thomas Cook pleite. Haben Sie Marktanteile des Wettbewerbers gewinnen können? 

Der Ausstieg von Thomas Cook aus dem Reisemarkt war eine große Chance, Kunden zu gewinnen und höhere Marktanteile zu erzielen. Im ersten Quartal 2020 ist uns das gut gelungen. Wir sind damals direkt um fast 20 Prozent im Umsatz gewachsen und waren auf dem Weg zu einem Rekordergebnis. 

Doch dann kam Corona ...

Richtig, dadurch hat sich vieles verändert. Corona hat einen Pausenknopf gedrückt. Die Umsetzung unserer Pläne hat sich verzögert. Heute zeigt sich, dass wir in einigen Märkten den Anteil von Thomas Cook bereits holen konnten, in anderen Regionen, insbesondere im englischen Markt, neben Deutschland unser größter Markt mit hohem Ergebnisanteil, noch nicht. Dort gibt es sicherlich noch viel zu tun. Aber 2023 war für uns ein Jahr des Übergangs, in dem wir uns neu organisieren und die Weichen für zukünftiges Wachstum stellen mussten.

"Wir sehen einen sehr guten Buchungseingang für den Winter, operativ und bilanziell sind wir auf gutem Kurs"

Die Verschuldung von TUI wurde weiter deutlich reduziert. Nach den ersten neun Monaten lag die Nettoverschuldung bei 2,2 Milliarden Euro, ein Drittel weniger als im Vorjahr. Wo werden Sie am Ende des Gj. 2022/23 landen?

Wir werden uns vorerst in diesem Rahmen bewegen. Wichtig ist, dass die Kapitalerhöhung erfolgreich wirkt hat und wir die Nettoverschuldung mindestens um eine Milliarde verringern konnten.

Wie entwickelt sich aktuell der freie Cashflow?

Für das Jahr 2023 haben wir als Jahr der Konsolidierung eine neutrale Entwicklung des Cashflows in Aussicht gestellt. Da unser Geschäft wächst, hatten wir im abgeschlossenen Geschäftsjahr natürlich einen Zufluss beim Working Capital. Unser Ziel für das gerade laufende Geschäftsjahr ist es allerdings, auch beim Cashflow noch besser zu werden.

TUI hat inzwischen die Corona-Hilfen aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) vollständig zurückgeführt. Gibt es daraus noch irgendwelche finanzielle Belastungen?

Nein, das Thema WSF ist abgeschlossen. Wir haben noch eine Kreditlinie der KfW über eine Milliarde Euro, die bis zum Jahr 2026 läuft. Diese Kreditlinie nutzen wir derzeit nicht, sie steht uns aber als Sicherheitspuffer zur Verfügung.

Die Kreditlinie der KfW verhindert allerdings auch die Ausschüttung einer Dividende.

Das ist richtig, doch momentan ist es auch noch zu früh, um über eine detaillierte Dividendenstrategie nachzudenken. 2023 war, wie bereits erwähnt, ein Übergangsjahr: konsolidieren und wieder robust neu aufstellen. Jetzt gilt es zunächst, das Ertragspotenzial des Unternehmens abzurufen. Wenn uns das erfolgreich gelingt, werden wir uns auch wieder mit dem Thema Dividende beschäftigen.

Über die Kapitalerhöhung haben Investoren fast zwei Milliarden Euro in TUI investiert. Dem Kurs hat das aber nicht geholfen, im Gegenteil. Die Aktie notiert weit unter dem Platzierungspreis. Was sagen Sie enttäuschten Investoren? 

Zunächst sind wir unseren Aktionären sehr dankbar, dass wir mit ihrer Hilfe die Kapitalerhöhung überhaupt durchführen konnten. Die Kursentwicklung ist natürlich nicht zufriedenstellend. Womöglich halten sich Investoren im unsicheren Marktumfeld noch zurück und agieren abwartend. Der Kurs spiegelt unsere operative Entwicklung der vergangenen Monate leider überhaupt nicht wider, obwohl die Zutaten für eine positive Kursentwicklung vorhanden sind. Wir haben 2023 jedes Quartal die kommunizierten Ziele erreicht und fühlen uns sehr komfortabel mit den Prognosen für das abgelaufene Geschäftsjahr. Wir haben zudem vor Kurzem einen Buchungsausblick gegeben, der die gute Entwicklung im Sommer nochmals bestätigt hat und für die Wintersaison zeigt, dass es mehr Nachfrage als letztes Jahr zur gleichen Zeit gibt.

Wie ist das neue Geschäftsjahr angelaufen?

Der Buchungseingang für die Winterquartale von Oktober bis März lag zum Zeitpunkt unseres Trading Updates bei einem Plus von 15 Prozent gegenüber Vorjahr und einem Verkaufsstatus von 30 Prozent. Ich kann noch keine Details nennen, wie sich das im Ergebnis umsetzt. Aber die Zahlen lassen erkennen, dass der Start in die Wintersaison stärker ist als im vergangenen Jahr. Im Vorjahr war zudem die Volatilität beim Hedging für Kerosin und Währungen deutlich höher als dieses Jahr, etwa in England. Dort hat die Regierung gewechselt, kurzfristig kam dann das Pfund stark unter Druck. Das hat sich auch bei den Buchungskosten in unserem Wintergeschäft entsprechend volatil bemerkbar gemacht.

Sie blicken also optimistisch ins neue Jahr?

Unter Berücksichtigung einer gewissen kaufmännischen Vorsicht lässt sich sagen, dass sich auf Basis des guten Buchungseingangs eine positive Tendenz für die Wintersaison abzeichnet. Für die meisten unserer Gäste ist der Winterurlaub zudem der sekundäre Urlaub. An erster Stelle steht der Sommerurlaub. Das heißt, wenn wir einen gesunden oder selbst nur einen soliden Verlauf im Winter haben, sind in der Regel die Aussichten für die nächste Saisonhälfte im Sommer entsprechend gut. 

Kommen wir noch mal auf die Kursentwicklung zu sprechen. Die Aktie notiert aktuell nah am Rekordtief. Im operativen Geschäft haben Sie sichtbare Erfolge. Was ist los mit dem Kurs? 

Dadurch, dass der damalige Großaktionär (Anm. d. Red: Alexey A. Mordashov) nicht an der Kapitalerhöhung teilnehmen durfte, sind auch viele kurzfristig orientierte Investoren an Bord gekommen. Diese haben teilweise wohl auch Kurssteigerungen nach der Kapitalerhöhung genutzt, um Gewinne zu realisieren. Bei Kursen um sieben Euro kam es immer wieder zu Rücksetzern. Und momentan agieren viele Anleger vermutlich sehr abwartend.

Besitzen Sie selbst auch Aktien?

Ja, ich besitze auch Aktien und habe bislang alle Kapitalmaßnahmen finanziell unterstützt. 

Elf Prozent der Aktien sind aktuell geshortet. TUI ist damit der Liebling der Shortseller. Was wissen die Leerverkäufer, was wir nicht wissen? 

Nach meiner Einschätzung gibt es keinerlei TUI-spezifische Themen oder Probleme, die über die Unruhe im makroökonomischen Umfeld hinausgehen. Wir bekommen von Investoren und Analysten Quartal für Quartal eher positive Rückmeldungen auf unsere vorgelegten Ergebnisse und darauf, dass wir bei unserem kommunizierten Ausblick bleiben. Die Kursziele der Analysten für unsere Aktie liegen zudem deutlich über dem aktuellen Kursniveau. 

Es gibt also bei TUI keine Leichen im Keller?

Die gab es nie und gibt es auch jetzt nicht. TUI ist gut aufgestellt, strategisch wie operativ. Wir sehen einen sehr guten Buchungseingang für den Winter, operativ und bilanziell sind wir auf gutem Kurs. Es deutet vieles darauf hin, dass wir uns auch im nächsten Jahr gut entwickeln werden. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich das Zahlenwerk noch nicht weiter konkretisieren. Das werden wir im Dezember tun.

INTERVIEW: LARS WINTER

DAS INTERVIEW ERSCHIEN ZUERST IN BÖRSE ONLINE 46/2023 AM 16. NOVEMBER 2023

TUI – Liebling der Shorter

Die Aktie von TUI ist mit einem Anteil von über elf Prozent der meistgeshorteste Titel in Deutschland. Bislang hatten Leerverkäufer, die auf fallende Kurse spekulierten, recht. Die Aktie hat auf Jahressicht gut die Hälfte ihres Werts verloren und notiert nah am Allzeittief. Doch die Lage für Shorter ist heikel. Operativ ist der Reisekonzern wieder gut im Geschäft. Die Zahlen am 6. Dezember dürften nicht enttäuschen. Auch der Ausblick auf die laufende Wintersaison macht Mut. Sollte TUI der operative Turnaround nachhaltig gelingen, dürfte absehbar der Aktienkurs folgen. Dann wird wohl auch für Shortseller die Luft dünn. Spekulativ kaufen. 

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