Um Fintechs scherte sich der Weltmarktführer lange nicht. Starke Marktposition, hohe Profitabilität - mit solchen Attributen verschlief schon so manches bestens etablierte Unternehmen einen wichtigen Trend. 3,3 Milliarden Plastikkarten hat Visa weltweit im Einsatz. In der westlichen Welt gibt es neben Mastercard oder American Express kaum Konkurrenz. Und im Oligopol lassen sich prima Geschäfte machen: Kunden greifen angesichts von Prämien wie Flugmeilen, Cashback-Punkten oder Inklusivversicherungen gern zur Karte. Die Gebühren beim Bezahlen tragen schließlich die Händler.

Kartenriese Visa organisiert die Zahlung, transferiert das Geld und wickelt alles ab. Ein großer Teil des Umsatzes fließt direkt in den Gewinn, weil die ­variablen Kosten pro Buchung sehr niedrig sind. Kartenriesen haben hohe Gewinnmargen - Visa brachte es im dritten Quartal auf operativ 66 Prozent.

Der Chef gesteht


Doch inzwischen kümmert sich Chef Alfred Kelly intensiv um das Thema Fintechs. "Ich gebe als Erster zu, dass wir vor anderthalb Jahren ein bisschen langsam in Fahrt gekommen sind, aber in den vergangenen fünf Quartalen haben wir uns stark auf Fintechs konzentriert", sagt Kelly. Der Boss treibt die technische Weiterentwicklung konsequent voran. Vor allem das weltumspannende Abwicklungssystem Visanet wird jetzt technisch aufgerüstet.

Zentraler Baustein ist die Initiative "Visa Everywhere": Das Programm belohnt in 80 Ländern Start-ups, die komplexe Herausforderungen lösen, um den digitalen Handel voranzutreiben. Schließlich werden weltweit immer mehr Bezahlvorgänge online etwa über das Smartphone oder per Kreditkarte abgewickelt, bei Visa sind es inzwischen 65.000 Vorgänge pro Sekunde.

Der Branchenprimus, der vor 60 Jahren gegründet wurde, hat sich vor vier Jahren Visa Europe für 21,2 Milliarden Euro einverleibt - seither ist das Unternehmen die Nummer 1 in Europa und Nordamerika, gemessen am Bezahl­volumen. Mit Visa-Karten wurden voriges Jahr Transaktionen im Volumen von 11,2 Billionen Dollar bezahlt, fast das Doppelte des Verfolgers Mastercard. Das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft: Immer noch 17 Billionen Dollar jährlich werden global mit Bargeld oder Schecks bezahlt.

Schlüssel zur Innovation


Durch Fintech-Innovationen wird das Imperium noch mächtiger. Seit das Kelly klar wurde, ist der Chef auf Einkaufstour. Im Mai übertrumpfte Visa den Rivalen Mastercard in einem Bietergefecht um die britische Earthport. Kelly entschied, 247 Millionen Pfund für deren grenzüberschreitende Bezahldienste in 88 Ländern auszugeben. Ende Juni verleibte sich Visa zudem Teile des Chipbauers Rambus ein. Das Objekt der Begierde: ein Token-Spezialist zur Verschlüsselung von Kreditkartendaten. Im gleichen Monat riss sich der Visa-Boss einen großen US-Zahlungsspezialisten, Verifi, unter den Nagel, der fehlerhafte Abbuchungen und damit Streitigkeiten verhindert.

Auch in Asien ist Kelly recht aktiv. Visa beteiligte sich in einer Kapitalrunde etwa an der indonesischen Firma Gojek. Die Plattform bietet in Südostasien neben Zahlungen auch Mitfahrgelegenheiten, die Zustellung von Lebensmitteln und sogar einen Wäscheservice an. Visa hilft dabei, die digitalen Zahlungen von Gojeks digitaler Geldbörse Gopay zu vereinfachen. 25 Millionen Dollar investierte der Kartenriese zudem in Paymate, ein in Indien ansässiges B2B-­Zahlungsportal mit über 35.000 Käufern und Verkäufern. Paymate gilt auf dem Subkontinent als Pionier des mobilen Bezahlens, schon 2006 hatte die Firma Einkäufe via Handy ermöglicht.

Auch in Bayern ging Visa shoppen: Im Sommer erstanden die Amerikaner Payworks. Das Münchner Fintech entwickelte eine spezielle Bezahlplattform für Händler. Der Preis soll zwischen 90 Millionen Dollar und einem dreistelligen Millionenbetrag gelegen haben.

Hinter all den Deals steht ein Ziel: Kelly will Visa als digitalen Zahlungsdienstleister verwurzeln - und dabei den Abstand zum Erzrivalen Mastercard ausbauen.

Investor-Info

Visa
Starke Nummer 1


Die Aktie des Weltmarktführers ist ein Dauerläufer. Seit dem Börsengang im März 2008 legte der Kurs des Papiers deutlich über 1.000 Prozent zu. Der Konzern schüttet regelmäßig ­Dividenden aus, kauft Aktien zurück - und fädelt Deals ein. Analysten erwarten, dass Visa 2019 fast 23 Milliarden Dollar umsetzen wird, elf Prozent mehr als im Vorjahr. Der Gewinn soll um 17 Prozent zulegen. Im kommenden Jahr sollen es geschätzt 16 Prozent Gewinn­plus werden. Langfristinvestment.

Empfehlung: Kaufen.
Kursziel: 190,00 Euro
Stoppkurs: 135,00 Euro