Laut einer Analyse im Auftrag von Greenpeace verdienen die Ölkonzerne in Deutschland durch den Preisanstieg infolge des Iran-Kriegs mittlerweile fast 37 Millionen Euro pro Tag. Was Autofahrer ärgert, ist für die Aktionäre eine gute Nachricht.

Seit Wochen macht der Begriff „Übergewinnsteuer“ die Runde. Vor allem die SPD will zusätzliche Einnahmen der Mineralölkonzerne abschöpfen, die diese angeblich erzielen, weil sie die Spritpreise stärker in die Höhe getrieben haben als nötig.

Aber gibt es diese Übergewinne wirklich? Der Ölmarktexperte Steffen Bukold hat im Auftrag von Greenpeace nachgerechnet. Seine Analyse legt nahe, dass die Mineralölkonzerne derzeit tatsächlich besser verdienen als üblich: Bukold errechnet „Übergewinne“ von 27 Millionen Euro pro Tag seit Kriegsausbruch. Seit der Waffenruhe am 8. April hätten sich diese „Übergewinne“ laut seinen Berechnungen auf durchschnittlich 36,9 Millionen Euro pro Tag erhöht. Zwischen dem 2. März und dem 12. April hätten die Mineralölkonzerne demnach allein in Deutschland 1,18 Milliarden Euro Extra-Gewinn gemacht.

Zahlen, die nicht nur Anleger bewegen

Pendlern, die auf das Auto angewiesen sind, dürfte diese Zahl die Zornesröte ins Gesicht reiben. Aktionäre dagegen, die Ölaktien im Depot haben, können sich freuen: Ihre Unternehmen haben im März womöglich noch viel höhere Gewinne gemacht als derzeit in den Kursen eingepreist ist. Wie viel genau, wird sich in den Quartalszahlen zeigen, die ExxonMobil (28. April), BP (28. April), Totalenergies (29. April) oder Shell (7. Mai) in den kommenden Wochen vorlegen werden. Totalenergies gehört zu den Dauer-Favoriten der BÖRSE-ONLINE-Redaktion, die Aktie hat allein in diesem Jahr schon 40 Prozent zugelegt.

TotalEnergies (WKN: 850727)

Marktmacht statt Preiswettbewerb

Die Frage wird sein, ob diese ungewöhnlich hohen Margen von Dauer sein werden. Wie die SPD fordert auch Greenpeace eine Übergewinnsteuer, denn die Preise an den Zapfsäulen seien stärker gestiegen als die Rohölpreise. Als weiterer Grund für die hohen Spritpreise hierzulande wird mangelnder Wettbewerb genannt: In Deutschland hätten wenige große Konzerne erhebliche Marktmacht, unter anderem bei Raffinerien. In solchen Marktstrukturen ließen sich Preisimpulse oft schneller weitergeben als Kostensenkungen. Experten sprechen vom „Rakete-und-Feder-Effekt“: Die Preise schießen schnell nach oben (Rakete), sinken danach aber nur langsam wieder ab, so wie eine Feder, die zu Boden sinkt.

Der Branchenverband Fuels & Energie widerspricht dagegen: Tankstellenpreise hingen nicht allein am Rohölpreis, außerdem könne kein einzelnes Unternehmen „den“ Preis bestimmen.

Politisches Risiko bleibt

Für die Börse ist allein entscheidend, ob der Sektor seine Margen im Umfeld geopolitischer Unsicherheit und hoher Endkundenpreise verteidigen kann. Aus ihrer Sicht ist die politische Debatte um Gegenmaßnahmen ein Risiko. Eine Übergewinnsteuer würde die schönen Renditen schnell zusammenschmelzen lassen.

Doch sie wurde bisher nicht beschlossen. Stattdessen einigte sich die Regierungskoalition in Berlin auf einen Tankrabatt, der möglichst ab Mai wirken soll: Die Energiesteuer soll für zwei Monate um 17 Cent pro Liter sinken. Das kostet den Staat rund 1,6 Milliarden Euro.

Die Frage wird sein, ob dieser Rabatt vollständig bei den Autofahrern ankommt. Ökonom Marcel Fratzscher verweist auf den Tankrabatt, den die Ampelkoalition zu Beginn des Ukraine-Kriegs schon einmal eingeführt hatte. Ein Teil davon landete nicht als Entlastung an der Zapfsäule, sondern in den Kassen der Mineralölkonzerne. Käme das wieder so, würden Ölaktien auch weiterhin profitieren. 

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Häufige Fragen zum Thema

Was sind „Übergewinne“?

Den Begriff „Übergewinn“ gibt es betriebswirtschaftlich nicht. Jeder Unternehmer wird nur dann ein Geschäft eröffnen und betreiben, wenn er erwartet, dass es über einen langen Zeitraum hinweg Gewinne abwirft. Diese können jedoch von Jahr zu Jahr schwanken. Es entspricht der betriebswirtschaftlichen Weitsicht, sich in guten Jahren ein Polster zurückzulegen, um auch mal ein oder zwei Verlustjahre ausgleichen zu können. Würde der Staat diesen scheinbaren Übergewinn sofort einkassieren, würde sich der Geschäftsbetrieb langfristig nie rechnen – und das Geschäft daher nie eröffnet.

Sind Übergewinne dasselbe wie Residualgewinne?

Nein. Der Begriff Residualgewinne wird oft in Reformvorschlägen für das internationale Steuerrecht genannt. Dabei geht es meist um die Frage, wie sich verhindern lässt, dass multinationale Unternehmen (wie Amazon, Apple oder Google) durch Steuervermeidungsstrategien in einzelnen Ländern gar keine Steuern zahlen, obwohl sie dort hohe Umsätze erzielen. Oft werden hier als „Residualgewinne“ Gewinne oberhalb einer Umsatzrendite von zehn Prozent definiert. In diesem Sinne könne man sie als „Übergewinne“ ansehen, schrieb der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung 2022 in einem Gutachten. Ziel dieser Definition sei es aber nie gewesen, besonders hohe Gewinne einer Sondersteuer zu unterwerfen. „Das Ziel besteht (…) darin, heute sehr niedrig oder gar nicht besteuerte Gewinne auf ein Mindestniveau anzuheben und so Ungleichheiten in der Besteuerung abzubauen, während das Ziel einer Übergewinnsteuer gerade darin läge, unterschiedliche Arten von Gewinnen unterschiedlich zu besteuern.“