Roches Chefärztin

Sandra Horning studierte Medizin an der University of Iowa und an der University of Stanford. An der Elite- Uni lehrte sie später als Professorin für Onkologie, ehe sie sich zum Wechsel in die Pharmaindustrie entschied. Zur Roche-Tochter Genentech kam sie im September 2009 als Chief Medical Officer - ein halbes Jahr nach der Übernahme des kalifornischen Biotechunternehmens durch Roche. Genentech zählt zu den Pionieren in der biomedizinischen Medikamentenentwicklung. Der neue Antikörper Atezolizumab, der Roche zum Durchbruch im Bereich der Immuno-Onkologie verhelfen soll, wurde im Labor von Genentech in San Francisco entwickelt.

Der Schweizer Pharmakonzern Roche ist führend auf dem Gebiet der Krebsbekämpfung. Doch der Konkurrenzdruck nimmt zu - auch im und aus dem eigenen Land. Novartis hat erklärt, zum Marktführer aufschließen zu wollen. Im Interview erklärt Roches Chefmedizinerin Sandra Horning, welche neuen Wege das in Basel ansässige Unternehmen gehen will, um die Spitzenposition zu behaupten. Roche beschäftigt weltweit über 88 000 Mitarbeiter und setzte im vergangenen Jahr 47,5 Milliarden Franken um, das sind rund 45,4 Millionen Euro.

Börse Online: In der Krebstherapie setzen Forscher neuerdings auf das Immunsystem des Menschen. Wie genau funktioniert der Ansatz von Roche?
Sandra Horning: Unsere am weitesten entwickelte Immuntherapie, der Antikörper Atezolizumab, verhindert, dass Krebszellen über ihr Oberflächeneiweiß PDL1 an die Immunzellen andocken. Damit kann die Krebszelle ihren Angreifer nicht mehr ausschalten, und dafür kann die Immunzelle nun die Krebszelle bekämpfen.

Roche hat über 30 Studien mit Immunpräparaten in der Pipeline. Volles Risiko? Wir verfolgen auch andere Ansätze, aber die Immunonkologie ist mit Abstand unser wichtigster Bereich. Wir haben 20 verschiedene Moleküle in der Forschung, sieben davon testen wir bereits in Humanstudien. Wir setzen in diesem Bereich sehr viel Kraft und Ressourcen ein.

Trotzdem liegen Konkurrenten vor Ihnen.
Das Feld ist sehr kompetitiv. Aber wir stehen jetzt am Beginn einer neuen Ära, und es wird sich erst im Verlauf der nächsten Jahre herausstellen, welche Therapie den Patienten den größten Nutzen bringt.

Weil es schon Therapien auf dem Markt gibt, müssen Sie etwas Besseres nachlegen?
Wir haben aktuell sechs Lungenkrebsstudien mit Atezolizumab in der letzten Phase der klinischen Entwicklung. Damit sind wir führend und wollen den Wirkstoff als erster Anbieter für die Erstbehandlung von Patienten zur Zulassung einreichen.

Sie testen den Antikörper auch mit etablierten Medikamenten wie Avastin und Chemotherapien sowie neuen Molekülen. Ist die Immunwaffe nicht so mächtig?
Die Immunreaktion kann man kaum in der Petrischale im Labor nachbilden. Deshalb ist die klinische Forschung von entscheidender Bedeutung. So sehen wir etwa, dass in bestimmten Fällen den Immunzellen bei der Bekämpfung des Tumors auf die Sprünge geholfen werden muss.

Und wie testen Sie, ob der Antikörper für den Patienten überhaupt infrage kommt?
Wir haben dazu einen Biomarker entwickelt, der feststellen kann, ob und wie viel PDL1-Protein sich auf der Oberfläche der Krebs-
und der Immunzellen befindet. Je höher
dieser Wert ist, umso größer sind die Erfolgschancen.

Der Test macht keine eindeutige Aussage?
Selten ist etwas schwarz oder weiß in der Krebsforschung. Das sehen wir gerade mit dem zunehmenden molekularen Wissen über Tumore. Keiner ist gleich.

Wieso setzen Sie nicht auf Gendiagnostik?
Wir glauben an die Verlässlichkeit unseres Biomarkers. Daneben arbeiten wir auch an genetischen Verfahren. Zusammen mit
Foundation Medicine entwickeln wir Gensequenzierungstests, die Tumorproben auf bestimmte Mutationen prüfen.

Für die Mehrheit an Foundation Medicine hat Roche mit einer Milliarde Dollar tief in die Tasche gegriffen, um diese Wissenslücke in der Diagnostik zu schließen. Setzen Sie die Gentests in der Forschung schon ein?
Wir verwenden bereits Sequenzierungstests, die genetische Tumordaten ermitteln. Diese Daten werden zusammen mit den Biomarker-Werten dabei helfen, die beste Therapie für den Patienten zu bestimmen. Wir sehen immer öfter, dass wir die neuen Behandlungsansätze kombinieren müssen, um dem Patienten am besten zu helfen.

Die neuen Behandlungen sind gezielter und wirksamer. Das gilt aber für immer kleinere Patientengruppen und ist gleichzeitig mit einem höheren diagnostischen und therapeutischen Aufwand verbunden. Wie geht das auf?
Die aktuelle Entwicklung zwingt uns dazu, die Studienmodelle in der Forschung zu überdenken, damit wir in der neuen Ära der Krebsforschung Erkenntnisse für eine bessere Behandlung finden.

Der hohe Aufwand bringt entsprechende Kosten mit sich, wobei aussagekräftige
Ergebnisse mit wenigen Patienten immer schwieriger werden. Ein Dilemma?

Der Ausweg sind neue Studiendesigns. Eine Möglichkeit sind Studien, bei denen man verschiedene Wirkstoffe bei unterschiedlichen Mutationen einer Krebsart untersucht.

Wann wird Ihre erste Krebs-Immuntherapie auf den Markt kommen?
Wir haben von der US-Zulassungsbehörde für fortgeschrittenen Lungen- und Blasenkrebs den Status eines Therapiedurchbruchs erhalten und wollen 2016 eine Zulassung für Atezolizumab in diesen zwei Anwendungen einreichen.

Roche setzt nur auf Innovation. Warum wollen Sie nichts von Biosimilars wissen?
Weil wir Innovatoren sind. Wir wollen Wirkstoffe entwickeln, die die Krebsbehandlung weiter voranbringen und das Leben der Patienten verbessern.

Wegen der Patentklippe verlieren Sie aber bald 20 Milliarden Dollar Umsatz.
Wir haben heute das Werkzeug in der Hand, den Krebs eines Tages zu besiegen. Wir sind in der Lage, neue Wirkstoffe zu bieten, die die bisherige Chemotherapie ersetzen.

Das ist eine gewagte Aussage!
Als ich als Onkologin anfing, haben wir darüber diskutiert, ob es ethisch vertretbar sei, Lungenpatienten zu behandeln, so schlecht standen die Aussichten. Heute ist das anders: In unserer frühen Lungenkrebsstudie mit Atezolizumab in Kombination mit Chemotherapie sprachen etwa 70 Prozent der Patienten auf die Therapie an. Ich bin daher sehr zuversichtlich.


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