August Thyssen: Der Stahlbaron - vom Walzwerk zum Weltkonzern - 01.03.21 - BÖRSE ONLINE
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August Thyssen: Der Stahlbaron - vom Walzwerk zum Weltkonzern

August Thyssen: Der Stahlbaron - vom Walzwerk zum Weltkonzern
01.03.2021 06:45:00

Er schuf in der Zeit zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik aus einem kleinen Walzwerk einen Weltkonzern. Die Presse nannte August Thyssen "Napoleon Montanus". Von Peter Balsiger

August Thyssen kam 1842 als drittes Kind eines wohlhabenden Unternehmers in der Industrie- und Bergbaustadt Eschweiler bei Aachen auf die Welt. Sein Vater Friedrich Thyssen, der einer seit dem 17. Jahrhundert im Rheinland beheimateten, zutiefst katholischen mittelständischen Familie angehörte, war ein echter Selfmademan der industriellen Revolution.

Das Geburtshaus von August Thyssen lag auf dem stinkenden, staubigen, schäbigen und lärmigen Werksgelände der väterlichen Drahtfabrik. Fleiß, Anspruchslosigkeit und Sparsamkeit gehörten zum bürgerlichen Wertekanon der Familie Thyssen. Charaktereigenschaften, die August Thyssen sein ganzes Leben lang prägen sollten. Nach dem Abitur studierte er an der Polytechnischen Hochschule in Karlsruhe und besuchte anschließend für ein Jahr die Handelshochschule in Antwerpen. Beide Schulen verließ er ohne Abschluss, denn es ging ihm um nutzbares Wissen, nicht um Prestige.

Nach dem Deutschen Krieg von 1866 versuchte sich August Thyssen erstmals als Unternehmer. Im Alter von 25 Jahren gründete er mit Verwandten und einem belgischen Partner ein Walzwerk in Duisburg, sein Vater lieh ihm als Startkapitel 8000 Taler. Das Unternehmen florierte, sein Wert hatte sich innerhalb von vier Jahren nahezu vervierfacht. Die Wege der Partner trennten sich schließlich, Thyssen wagte den Sprung in die Selbstständigkeit und investierte 1871 den Erlös in ein eigenes Bandeisenwerk in Styrum bei Mühlheim. Es sollte die Keimzelle des späteren Weltkonzerns werden.

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Eine neue Ära

Es war eine Zeit der wirtschaftlichen Hochkonjunktur. Die Gründung des Deutschen Reichs 1871 nach dem Deutsch-Französischen Krieg hatte eine Liberalisierung der Handelsgesetze mit sich gebracht. In August Thyssens Werk wurde Roheisen in sogenannten Puddelöfen geschmolzen, mit langen Stangen durchgerührt und anschließend zu unterschiedlichen Bauteilen ausgewalzt. In der bürgerlichen Gesellschaft Deutschlands entwickelte sich damals ein neues Selbstbewusstsein. Hatte der alte, privilegierte Adel über Jahrhunderte dem Bürgertum eine kleinere Rolle im gesellschaftlichen Gefüge zugewiesen, so entwickelte sich jetzt dieses Bürgertum aus eigener Kraft und in Konkurrenz zum Adel zu einer neuen Elite im Lande.

1872 heiratete der 31-jährige Unternehmer die 18-jährige Hedwig Pelzer, Tochter eines einflussreichen Mühlheimer Gerbereibesitzers. Er verschaffte sich so einen Zugang zur wohlhabenden Oberschicht der Stadt. Hedwigs Mitgift wurde nicht nur in den weiteren Ausbau des Werks, sondern auch in die Börse investiert.

Viele Interessen teilte das Paar wohl nicht. Hedwig war eine lebenslustige, hübsche Frau, die am gesellschaftlichen Leben teilnahm, während ihr arbeitsbesessener Ehemann ein Unternehmen nach dem anderen gründete oder übernahm. Hedwig gebar in kurzen Abständen vier Kinder: die drei Söhne Fritz, August junior und Heinrich sowie die Tochter Hedwig. 1885 ließ sich das Paar scheiden. Um eine Auflösung des Konzerns durch die Scheidung zu umgehen, übertrug Thyssen die Eigentumsrechte auf seine Kinder, behielt aber den Nießbrauch und schloss so die Kinder von der Unternehmensführung aus. Dies sollte später zu schweren Konflikten zwischen dem Patriarchen und seinen Kindern führen.

Statt sich um Familienbelange zu kümmern, gründete er ein Maschinenbauunternehmen, um die für seine Betriebe notwendigen Großgasmaschinen selbst herzustellen. Und für die Öfen, in denen Stahl gekocht wurde, brauchte Thyssen Kohle. Seit 1883 begann er, schrittweise die nicht sonderlich florierende Steinkohlenzeche "Deutscher Kaiser" in Hamborn bei Duisburg aufzukaufen. Das Werk lag mit einem eigenen Hafen verkehrsgünstig am Rhein.

Thyssen, der vom frühen Morgen bis tief in die Nacht zu arbeiten pflegte, schuf den damals wohl größten europäischen Kohle-, Eisen- und Stahlkonzern nicht durch eigene Innovationen, sondern er war ein Händler, der durch Rationalisierung und durch den Einsatz von technischem Know-how groß wurde.

Das Ende des Ersten Weltkriegs bedeutete für August Thyssen nicht nur den Verlust zahlreicher Auslandsbeteiligungen und der lothringischen Unternehmen, sondern auch das Ende seiner unternehmerischen Expansion.

Gescheiterte Familiendynastie

Wenig Fortune hatte der Stahlbaron mit seinen Kindern, die sich in wechselnden Allianzen miteinander stritten oder sich gegen den Vater verbündeten. August Thyssen scheiterte deshalb mit seinem Traum, eine starke Familiendynastie zu begründen.

Die Führung der Firma wäre eigentlich seinem ältesten Sohn Fritz zugefallen. Dem aber traute der Vater den Chefposten nicht zu, weil ihm "der eiserne Fleiß" fehle. August junior, ein hoch verschuldeter Lebemann, war mit einem Rittergut bei Berlin in Konkurs gegangen, weil ihn die Beziehung zum Adel mehr als die eigene Firma interessierte. Der Vater kaufte schließlich seine Erbrechte auf. Und sein jüngster Sohn Heinrich hatte sich von seinem ungarischen Schwiegervater adoptieren lassen, um dessen Adelstitel erben zu können - er hieß jetzt Heinrich Baron Thyssen-Bornemisza de Kázon.

Seine vielen Unternehmen hatte Thyssen stets dezentral geführt und das Verfügungsrecht über die Werke behalten. Im Gegensatz zu anderen Konzernen bildete er erst kurz vor seinem Tod eine Holding: 1926 gelang es ihm, den größten Teil der deutschen Stahlindustrie unter dem Dach der Vereinigten Stahlwerke AG zusammenzuführen. Der Wert seines Imperiums wurde nach seinem Tod auf rund 400 Millionen Reichsmark geschätzt.

Der einflussreiche Stahlbaron, der stets als Einsiedler mit spartanischer Lebensweise galt, starb 1926 auf seinem Schloss Landsberg in Ratingen bei Essen. Die Vereinigten Stahlwerke AG, zeitweise das größte Montanunternehmen der Welt, wurde 1945 von den Alliierten zerschlagen. Zu den Nachfolgeunternehmen gehörte die Thyssen AG, die 1999 mit der Friedrich Krupp AG Hoesch-Krupp zur Thyssenkrupp AG fusionierte - Deutschlands größter Stahlhersteller.

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