"Damit drücken wir jetzt auf die Tube", sagte Brudermüller der Nachrichtenagentur Reuters in einem am Freitag veröffentlichten Interview. "Der Weg hin zur Klimaneutralität in der Industrie führt generell über die Chemie, denn sie steht am Anfang der Wertschöpfungsketten."

BASF bekannte sich erstmals auch dazu, ab 2050 klimaneutral sein zu wollen und folgt damit nicht nur den Rivalen Dow und DuPont, sondern einer ganzen Reihe anderer Unternehmen, die sich dieses Ziel schon längst gesetzt haben. "Ich war da ein bisschen zögerlich in der Vergangenheit, weil mich eigentlich die letzten Meter der Wegstrecke weniger interessieren, sondern eher die ersten", gestand Brudermüller ein. "Unseren Schwerpunkt legen wir darauf, was wir bis 2030 machen." BASF sei zuversichtlich, seine Emissionen schneller als geplant zu verringern. Das Unternehmen habe in der vergangenen drei Jahren große Fortschritte bei der Entwicklung neuer Technologien gemacht.

Zu dem neuen Klima-Fahrplan von BASF gehören auch Investitionen von bis zu vier Milliarden Euro. Bis zu eine Milliarde davon sind bis 2025 geplant, weitere zwei bis drei Milliarden bis 2030. Zum Vergleich: Im laufenden Jahr plant der Konzern mit 3,6 Milliarden Euro Sachinvestitionen. Für einzelne Projekte wolle BASF auch Fördergelder beantragen, sagte Brudermüller. "Das sind riskante neue Dinge. Da ist es dann auch in Ordnung, wenn die Gesellschaft und Politik diesen Auftrag an uns gibt, dass sie dann auch die ersten Schritte mit fördert."

Nach 2030 dann muss BASF noch mehr Geld in die Hand nehmen; Brudermüller rechnet mit mehr als zehn Milliarden Euro. "Es wird dann richtig teuer." Diese Investitionen benötige der Konzern, um dann mit dem Einsatz neuer Technologie World-Scale-Produktionsanlagen zu bauen und die Nutzung erneuerbarer Energien zu erhöhen.

2018 lagen die weltweiten Emissionen von BASF bei 21,9 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, etwa halb so viel wie im Jahr 1990. Mit dem neuen Emissionsziel 2030 wird eine Verringerung von rund 60 Prozent gegenüber 1990 angesteuert. Brudermüller setzt dafür verstärkt auf den Einsatz erneuerbarer Energien statt fossiler Energieträger wie Erdgas und will neue CO2-freie Verfahren für die Herstellung von Chemikalien entwickeln.

Eines des wichtigsten Projekte ist dabei die Entwicklung eines elektrischen beheizten Steamcrackers. Steamcracker, mit denen wichtige Grundbausteine der Chemie hergestellt werden, werden bisher mit Erdgas befeuert, um die benötigte Hitze zu erzeugen. Mit dem saudischen Petrochemiekonzern Sabic und Linde will BASF eine Demonstrationsanlage am Stammsitz Ludwigshafen bauen, die 2023 in Betrieb gehen könnte. Der Konzern arbeitet zudem an Verfahren zur CO2-freien Herstellung von Wasserstoff, ein wichtiger Einsatzstoff für viele chemische Herstellprozesse, und plant den Einsatz elektrischer Wärmepumpen, um aus Abwärme CO2-frei Dampf zu erzeugen. Dabei kooperiert BASF mit Siemens Energy.

"DER STROM MUSS BILLIGER WERDEN"


Derzeit erzeugt der Konzern 80 Prozent seines Energiebedarfs selbst, alle großen Standorte haben dafür entsprechende Kraftwerke. Durch die Umstellung auf klimaneutrale Produktionsverfahren wird der Strombedarf von BASF allerdings stark ansteigen: Bis 2035 voraussichtlich auf das mehr als Dreifache als derzeit. Der Strombedarf soll schrittweise auf erneuerbare Quellen umgestellt werden, dazu strebt BASF auch Investitionen in Windenergieanlagen an. Denkbar seien etwa Co-Investitionen in einen neuen Offshore-Windpark oder der Bau lokaler Solarflächen. "Es wird sehr viele Maßnahmen weltweit geben, wir bauen uns da ein Energieportfolio auf."

Brudermüller sprach von einer langen Reise, in der viele Maßnahmen nötig seien und es auch viele Hürden gebe. "Was wir natürlich brauchen, damit es erfolgreich wird, ist auch die Unterstützung der Politik." BASF hoffe auf positive Rahmenbedingungen, diese seien für die Umstellung unerlässlich. Nötig sei ein völlig neuer Ansatz mit dem Ziel, Abgaben und Umlagen auf Strom zu reduzieren, "vor allem die EEG-Umlage muss weg, der Strom muss am Ende billiger werden." Brudermüller hofft auf Preise von vier bis fünf Cent pro Kilowattstunde für die Industrie, "das sind Stromkosten, mit denen man gut klarkommt." Gegenwärtig liegt der Preis für Industriestrom bei etwa 17 Cent je Kilowattstunde.

Für die BASF bedeute dieser Weg ein "Riesenkraftakt". "Das ist natürlich kein ‘walk in the park’, denn wir wachsen ja. Das heißt, wir haben einen sehr starken Volumenzuwachs und der erzeugt mit jeder Tonne produzierter Chemikalie auch wieder CO2 - in Zukunft aber eben immer weniger." BASF reagiere damit auch auf die Anforderungen seiner Kunden. "Ich bekomme einen Brief nach dem anderen von unseren Kunden, die uns sagen, bis zu diesem oder jenem Zeitpunkt müssen Eure Produkte CO2-neutral sein."

Aber auch immer mehr Investoren legen Wert auf eine nachhaltige Kapitalanlage, was auch BASF zu spüren bekommt, wie Brudermüller sagte. "Da entsteht schon auch ein Marktdruck und gleichzeitig auch ein Investorendruck. Schafft es dieses Unternehmen in eine CO2-freie-Zukunft oder nicht? Wenn nicht, lassen sie ihr Geld darin? Vermutlich nicht."

rtr