Ein Konjunkturszenario, das viele Investoren nur aus Geschichtsbüchern über die 1970er-Jahre kennen, sorgt plötzlich für Börsenturbulenzen: Stagflation in den USA, also eine Kombination aus stagnierender Wirtschaft und hoher Inflation. Genau darauf dürfte die US-Wirtschaft schnell zusteuern, weshalb viele Investoren ihre Portfolios hastig umschichten. Denn in diesem Umfeld dürften die Gewinnmargen vieler Unternehmen und damit die realen Gewinne, also nach Abzug der Inflation, sinken. Die richtige Positionierung ist enorm wichtig, um bei einer drohenden Ausweitung des Kursrückgangs beim S & P 500 nicht dabei zu sein, sondern vielmehr davon zu profitieren.

Den Boden für die Stagflation haben die US-Regierungen des ehemaligen Präsidenten Donald Trump und seines Nachfolgers Joe Biden mit Billionen Dollar schweren Konjunkturprogrammen sowie die Fed mit massiven Anleihekäufen gelegt. Die Geldmenge ist seit dem Start der Pandemie im Februar 2020 um 5,3 Billionen nach oben geschossen.

Konjunkturflaute droht

Die enorme Geldschwemme hat die Güternachfrage und damit deren Preise kräftig nach oben getrieben. So sind jene für Häuser auf Rekordhochs geklettert, Immobilien werden immer unerschwinglicher, was das Wirtschaftswachstum deutlich dämpft. Gleichzeitig ist die Inflation auf ein 13-Jahres-Hoch geklettert. Nach einer Serie schwacher Konjunkturdaten hat die Notenbank von Atlanta auf Basis ihres Echtzeitmodells die Prognose für das Wachstum der US-Wirtschaft für das dritte Quartal auf annualisiert 1,3 Prozent eingedampft, Mitte August waren es noch 6,0 Prozent. Der annualisierte Wert wird errechnet, indem man die Veränderung gegenüber dem Vorquartal mit vier multipliziert.

Gleichzeitig trüben sich die Aussichten für 2022 weiter ein, auch weil nicht klar ist, wie groß das geplante Stimulusprogramm sein wird. Allerdings dürfte es die Wirtschaft bestenfalls um ein paar hundert Milliarden Dollar ankurbeln, gegenüber den 2021er-Programmen von insgesamt 2,8 Billionen Dollar. Trotz dieser Aussicht dürfte die Fed bei der nächsten Sitzung am 3. November eine Ankündigung zur Drosselung der QE-Anleihekäufe machen, womit die Wirtschaft neben der fiskalischen auch von der geldpolitischen Seite zusehends Gegenwind bekäme.

Trotz der deutlichen Eintrübung der Konjunkturaussichten sind allerdings die Zinsen für zehnjährige US-Anleihen nach oben geschossen. Auslöser war die Krise bei dem angeschlagenen chinesischen Immobilienkonzern Evergrande, die Sorgen um den Immobiliensektor, die chinesische Wirtschaft insgesamt und die Weltwirtschaft schürt. Daher haben Investoren kräftig US-Anleihen verkauft, um sich schnell Liquidität zu beschaffen. Für zusätzlichen Aufwärtsdruck bei den Zinsen sorgt die Rally bei den Ölpreisen, die die Inflationssorgen anheizt. So sind die US-Inflationserwartungen in die Nähe des 15-Jahres-Hochs gestiegen.

Gegenwind für Aktienmarkt

Kräftig steigende US-Zinsen drücken allerdings Growth-Aktien, gerade die Technologiewerte wie Apple, nach unten und belasten damit den Gesamtmarkt deutlich. Da die steigenden Zinsen diesmal keine Aufhellung der Perspektiven für die Wirtschaft widerspiegeln, dürften auch Zykliker zusehends unter Druck kommen. Dabei handelt es sich um Unternehmen aus konjunkturabhängigen Sektoren wie Autos und Chemie. "Die Inflation knabbert am Wachstum, ein Stagflationsszenario ist besorgniserregend für die Kapitalmärkte", schrieb David Wehner, Fondsmanager bei Do Investment.

Hingegen dürften sich ausgewählte Aktien aus defensiven Sektoren, wie Nahrungsmittel, gegen die Schwäche am Gesamtmarkt stemmen. Deren Geschäft sollte sich auch bei schwacher Konjunktur stabil entwickeln, während die Unternehmen die höheren Rohstoffpreise an die Kunden weitergeben können. Ein Paradebeispiel dafür ist Procter & ?Gamble. Der Konsumgüterhersteller, der etwa für seine Gillette-Rasierklingen bekannt ist, hat am 19. Oktober (nach Redaktionsschluss) Zahlen vorgelegt. Sie sollten belegen, dass er weiter Preiserhöhungen durchsetzen kann. Für das Fiskaljahr 2021/22, das im Juni endet, hat das Unternehmen zwar ein um Währungseffekte und Zukäufe bereinigtes Umsatzwachstum von lediglich zwei bis vier Prozent in Aussicht gestellt, nach sechs Prozent im Vorjahr. Obwohl die Kosten für Rohstoffe und Fracht um insgesamt knapp 1,9 Milliarden Dollar steigen sollen, will der designierte Vorstandschef Jon Moeller den Gewinn je Aktie um sechs bis neun Prozent steigern.

Teurere Nahrungsmittelpreise

McDonald’s kommt zugute, dass mit dem Abflauen der Pandemie immer mehr Filialen, gerade im Ausland, wieder ihre Pforten öffnen. Zudem läuft das mobile Geschäft, während immer mehr Läden einen Lieferservice einführen. Die steigenden Rohstoffkosten sollte die Firma auch künftig gut an die Kunden weitergeben können, auch weil sie in einem Stagflationsumfeld statt in teure Restaurants eher zur Fast-Food-Kette gehen sollten.

Zudem führen die weltweit stark steigenden Nahrungsmittelpreise dazu, dass die Landwirte mehr düngen, um die Produktion zu erhöhen, woraufhin die Düngerpreise auf Rekordhochs geklettert sind. Das kommt dem größten US-Düngerhersteller Mosaic zugute. Er verkauft Phosphat und Kali. Vorstandschef Joc O’Rourke prognostiziert, dass der Konzern im dritten Quartal um 90 bis 100 Dollar je Tonne höhere Phosphatpreise als im zweiten Quartal realisieren dürfte, wohingegen die Rohstoffkosten nur um 15 bis 25 Dollar je Tonne zulegen sollen.

Aussichtsreich ist auch Coca-Cola. Der weltgrößte Hersteller von Softdrinks hatte nach einem starken zweiten Quartal die Prognose für das organische Umsatzwachstum für das Gesamtjahr auf zwölf bis 14 Prozent angehoben. Grund ist, dass immer mehr Freizeit- und Gastronomiefirmen ihre Pforten öffnen. Laut Finanzchef John Murphy werden die Preise gegenüber dem Vorpandemieniveau um zwei bis drei Prozent angehoben.

Der Wettbewerber Pepsico hat bessere Zahlen als erwartet für das am 4. September beendete dritte Quartal des Geschäftsjahres 2020/21 vorgelegt und die Umsatzprognose für das Gesamtjahr aufgrund der guten Nachfrage nach Getränken und Snacks nach oben geschraubt. Die Erlöse sollen organisch um acht Prozent zulegen, der bereinigte Gewinn je Aktie soll mindestens 6,20 Dollar erreichen.

Höhere Mieten

Die hohe Inflation kommt Visa, dem Anbieter von Kredit- und Debitkarten, zugute. Je höher das Zahlungsvolumen der Kunden ist, umso mehr Gewinn bleibt bei dem Konzern hängen. Für zusätzlichen Rückenwind sorgt, dass sich das Reisegeschäft in etlichen Ländern belebt, wodurch das Plastikgeld verstärkt im Ausland eingesetzt wird. Diese Transaktionen sind für Visa lukrativer.

Trotz der deutlichen Konjunkturabkühlung dürften die Mieten, die nach dem zwischenzeitlichen Einbruch das Niveau von vor der Pandemie erreicht haben, weiter deutlich steigen. Beim Wohnungsriesen Equity Residential sollen zwar die Mieteinnahmen im Altbestand 2021 um vier bis fünf Prozent sinken, umso stärker sollte allerdings der Zuwachs 2022 sein.

Rally bei Ölpreisen

Zudem dürften die Öl- und Gaspreise weiter steigen. Der Branchenriese Exxon Mobil hat vorab angekündigt, dass die höheren Gaspreise den Gewinn im dritten Quartal um rund 700 Millionen Dollar beflügelt haben. Die gestiegenen Ölnotierungen steuern 400 Millionen Dollar bei, während 600 Millionen Dollar vom florierenden Raffineriegeschäft kommen sollen. Von dem hervorragenden Umfeld dürfte auch der Wettbewerber Chevron profitieren. Ein stärkerer Handel mit Derivaten auf Energie-, Agrarrohstoffe und Metalle sollten der Intercontinental Exchange weiter zugutekommen. Der Börsenbetreiber hatte im zweiten Quartal bei einem kräftigen Umsatzanstieg auf 1,7 Milliarden Dollar eine operative Marge von 47 Prozent erwirtschaftet.

 


Auf einen Blick

Stagflation

Sorgenvoll schauen Investoren auf dieses Umfeld. Zwar können die Unternehmen trotz schwacher Konjunktur die Preise erhöhen. Allerdings steigen die Kosten häufig stärker als die Umsätze, was die Profitabilität der Firmen deutlich belastet.