Lange war das Land nur als Touristen-Hotspot bekannt. Doch inzwischen ist man eine große Nummer in erneuerbaren Energien. Und man wird zum „Daten-Hub“ Richtung Nord- und Lateinamerika.
Schwere Stürme fegten Anfang Februar über Portugal hinweg. Überschwemmungen richteten Sachschäden von vier Milliarden Euro an und die Innenministerin musste zurücktreten. Ungewöhnlich für das Land an der südwestlichsten Peripherie Europas, das bekannt ist für eher mildes Klima und entspannte Menschen. Doch während es draußen richtig ungemütlich ist, kennt die Börse Lissabon nur eine Richtung: stetig nach oben. So klettert der Leitindex PSI 20 — der ironischerweise nur aus 16 Aktien besteht — von Hoch zu Hoch und hat in den zurückliegenden zwölf Monaten fast alle anderen europäischen Börsen locker abgehängt, DAX inklusive (siehe Grafik rechts). Die Rally dürften indes die wenigsten hierzulande mitbekommen haben, denn Lissabon und der Rest des Landes mag ein Tourismus-Hotspot sein, läuft aber in Sachen Börse bei insgesamt nur 31 Aktien klar unter dem Radar. Und noch ein Funfact: Die fünf größten Unternehmen sind zusammen gerade mal 70 Milliarden Euro wert.
Dennoch sind spannende Player aus wichtigen Branchen am Markt vertreten. Energiewerte machen ein Drittel der Börsenkapitalisierung aus, Finanzwerte — bestehend aus nur einem Institut, der Banco Comercial Português — rund 20 Prozent. Zusammen ergibt das bereits die Hälfte der gesamten Kapitalisierung der Börse. Klasse statt Masse. Zumal diese Bereiche aktuell besonders von den übergeordneten Trends profitieren. Da treffen EU-Milliarden für Energieprojekte auf einen gesunden Bankensektor, der Kredite im großen Stil vergeben kann.
Besser als die Großen in der EU
Dass die Regierung in Portugal nicht wirklich stabil ist, verkommt dabei zur Randnotiz. Am 8. Februar wählte man zwar mit António José Seguro einen gemäßigten Sozialisten zum Präsidenten, aber die Macht hat Premierminister Luís Montenegro mit einer Minderheitsregierung, die gerade mal 91 von 230 Parlamentssitzen kontrolliert. Fraglich, ob und wie lange das hält. Es sind aber die Fundamentaldaten, die das überstrahlen. So erwartet die EU-Kommission für 2026 mit 2,2 Prozent ein Wachstum, das deutlich über dem EU-Durchschnitt von 1,4 Prozent liegt und noch deutlicher über dem Wachstum in Deutschland, Frankreich, Italien oder auch dem Nachbarn Spanien.
Ein wichtiger Grund ist der private Konsum, der 2026 um 2,6 Prozent anziehen soll, angetrieben von steigenden Löhnen, sinkender Arbeitslosigkeit und einer Inflation, die endlich wieder unter Kontrolle ist. Die Reallöhne klettern spürbar und gleichzeitig senkt die Regierung Einkommen- und Körperschaftsteuer: mehr Geld in den Taschen, mehr Konsum. Und die Staatsfinanzen? Da ist man Musterschüler. Der Haushalt weist einen Überschuss von 0,1 Prozent aus, und die Staatsverschuldung liegt mit 87,8 Prozent erstmals seit der Eurokrise unter 90 Prozent. Portugal hat seine Hausaufgaben gemacht, im Gegensatz zu anderen in der EU.
Investitionen im großen Stil
Berenberg-Ökonom Holger Schmieding sieht Portugal daher in einem „strukturellen Outperformance-Modus“ gegenüber der Eurozone. Und dieser soll weit über den aktuellen Zyklus hinausreichen. Entscheidend: Nach Jahren von lediglich konsumgetriebenem Wachstum ziehen jetzt die Unternehmensinvestitionen an. Das eröffnet einen zusätzlichen Wachstumskanal, der die Gewinnperspektiven börsennotierter Unternehmen aufhellt. Gut zu sehen ist das am Bankensektor: Die Kreditvergabe zieht an, die Margen verbessern sich, die Zahl schlechter Kredite sinkt. Es kommt also nicht von ungefähr, dass die Banco Comercial Português im Jahresvergleich um fast 75 Prozent zugelegt hat. Man profitiert vom Investitionszyklus und dem Bedarf an Finanzierungen. Nach Jahren der Sanierung ist die Banco Comercial in Top-Verfassung.
Dass der Kreditbedarf steigt, liegt auch an der demografischen Wende. Vom Auswanderungs- hat Portugal sich zum Einwanderungsland gewandelt. 15 Prozent der Bevölkerung sind mittlerweile „Neu-Portugiesen“: Brasilianer vor allem, US-Amerikaner, Tech-Worker, Digital Nomads, Rentner. Die Bevölkerung wächst dadurch wieder, was die Überalterung teilweise kompensiert und Sektoren wie Immobilien, Gesundheit und den Einzelhandel ankurbelt.
Davon profitiert etwa Jerónimo Martins. Mit der bekannten Supermarktkette Pingo Doce dominiert der größte Food-Retailer des Landes den portugiesischen Markt und kassiert beim steigenden Konsum mit. Pingo Doce ist ein echter Cash-Generator mit stabilen Margen und starker Marktposition. Und als „Bonus“ betreibt man mit Biedronka die größte Discounter-Kette Polens — zwei Märkte, ein Investment. Die Kombination aus eher defensivem Portugal-Geschäft und wachstumsstarkem Polen-Exposure macht die Aktie zu einem ausbalancierten Play auf europäischen Konsum mit solider Dividendenrendite.
Ein wichtiger Konjunkturturbo kommt aber auch aus Brüssel. Portugal zapft bis zum laufenden Jahr insgesamt 22,2 Milliarden Euro aus den „NextGenerationEU-Fonds“ ab. 38 Prozent der Mittel gehen in Projekte wie Gebäudesanierung, erneuerbare Energien und Infrastruktur. Bis November 2025 hatte Portugal bereits 62 Prozent der Mittel abgerufen, die finalen Gelder fließen bis Ende September. Und die landen in Projekten, die nicht nur kurzfristig die Konjunktur ankurbeln, sondern die Wirtschaft langfristig upgraden. Echte Gamechanger. Das größte Einzelprojekt läuft dabei 90 Kilometer südlich von Lissabon in Sines. Dort wird eines der größten Data-Center des Kontinents gebaut. Die Investitionssumme lag zunächst bei 8,5 Milliarden Euro und soll mit Geldern — jetzt Obacht — von Microsoft um weitere zehn Milliarden Euro aufgestockt werden, was das Projekt zur größten Tech-Investition in Portugals Geschichte macht. Das Land wird südeuropäischer Data-Hub, begünstigt durch die geografische Lage mit direkten Atlantik-Kabelverbindungen nach Nord- und Südamerika sowie Afrika.
Energetisch aufgeladen
Am gleichen Standort entsteht parallel eine Industrie für grünen Wasserstoff. Galp Energia, früher ein reiner Öl- und Gas-Player, heute Energietransformer, investiert 650 Millionen Euro in eine Elektrolyse-Anlage. Output: 15.000 Tonnen grüner Wasserstoff pro Jahr. Doch Galp kann auch weiterhin Öl. So ist man bei der Exploration großer Vorkommen vor der Küste Namibias treibende Kraft, ebenso in Brasilien. Das ausgegliederte Raffineriegeschäft ist zudem ein möglicher Kandidat für einen Börsengang via Spin-off.
Auch die Politik legt sich im Bereich Renewables ins Zeug, hat doch die Regierung insgesamt Gelder für 43 Speicherprojekte bereitgestellt, schließlich will man in absehbarer Zukunft den Großteil seines Stroms aus Wind und Sonne beziehen. Und dort kommt das Unternehmen EDP Renováveis ins Spiel, der Renewables-Arm des Versorgers EDP. EDP Renováveis ist der Pure Play auf erneuerbare Energien: Anders als der Mutterkonzern, der noch konventionelle Kraftwerke betreibt, fokussiert sich Renováveis ausschließlich auf Wind und Solar. Das Unternehmen entwickelt, baut und betreibt Wind- und Solarparks in Portugal, Spanien, Polen und Nordamerika. Langfristige Stromabnahmeverträge garantieren stabile Cashflows, geografische Diversifikation reduziert Risiken. Und die starke Marktposition in Portugal verschafft direkten Zugang zu EU-Recovery-Mitteln. Und mit der steigenden Nachfrage nach Batteriespeichern und Netzausbau eröffnen sich zusätzliche Geschäftsfelder jenseits des reinen Erzeugergeschäfts.
Auch die Digitalisierung macht nicht Halt vor Portugal. 18 Prozent des Recovery-Plans, rund drei Milliarden Euro, fließen in die digitale Transformation von Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen. Die Industrie profitiert ebenfalls. Portugal hat Kapazitäten in Automotive-Komponenten, technischen Textilien und Spezialmaschinen, also alles Sektoren, die vom „Nearshoring-Trend“ begünstigt werden — die Produktionskosten sind dabei zwar höher als in Osteuropa und Asien, aber niedriger als in Nord- und Westeuropa, bei stabiler Lieferkette und Nähe zu europäischen Absatzmärkten. Das verschafft portugiesischen Zulieferern einen Wettbewerbsvorteil.
Der Mix macht’s
Also einsteigen? Trotz der Rally wirkt der Markt nicht euphorisch, kein Modus also, in dem jede schlechte Nachricht ignoriert würde. Der PSI 20 notiert rund drei Prozent unter seinem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis der vergangenen zehn Jahre. Analysten rechnen mit einem Gewinnwachstum von 13 Prozent pro Jahr, was wiederum höhere Bewertungen rechtfertigt. Die Kombination aus solidem Binnenwachstum, EU-Transfers, Megaprojekten in Zukunftssektoren und moderaten Bewertungen zieht Kapital an. Portugiesische Aktien bieten daher einen schönen Mix: Zugang zu europäischen Strukturthemen wie Energiewende, Digitalisierung und Dekarbonisierung, gekoppelt mit attraktivem Risiko-Rendite-Profil. In Lissabon findet man noch „Value“. Davon kann man auch mit einem simplen Indexzertifikat profitieren, wenn Einzelaktien zu spekulativ erscheinen. Da es keinen ETF gibt, schafft die UBS mit dem PSI 20 Open End Indexzertifikat Abhilfe (WKN: UB6D48). 16 Aktien nicht nur für stürmische Zeiten. Obrigado.
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